57 Razzien erschüttern Belgiens Fussball

Vor dem Länderspiel gegen die Schweiz werden dreckige Geschäfte im belgischen Clubfussball ruchbar. Im Zentrum stehen mächtige Spielervermittler.

Er ist der Prominenteste, der zum Verhör mitgenommen wurde: Ivan Leko (links), Trainer von Champions-League-Teilnehmer Brügge. Foto: Imago

Er ist der Prominenteste, der zum Verhör mitgenommen wurde: Ivan Leko (links), Trainer von Champions-League-Teilnehmer Brügge. Foto: Imago

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Sie kamen im Morgengrauen. Und sie machten keine halben Sachen. 44 Hausdurchsuchungen haben 184 belgische Polizei­beamte gestern durchgeführt. Dazu gab es 13 weitere Razzien in Frankreich, Luxemburg, ­Zypern, Montenegro, Serbien und Mazedonien. Die Polizei hat Bargeld aus Safes beschlagnahmt und Vermögen auf Bankkonten eingefroren.

Ziel dieser europaweiten ­Aktion waren wichtige Figuren des belgischen Clubfussballs. Und weil die Polizei nicht alleine auf die Sicherung von Beweismitteln aus war, musste «eine grosse Zahl» verdächtiger Personen zumindest den Mittwoch bei Befragungen in Polizeigewahrsam verbringen, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Als Prominentester wurde Ivan Leko zum Verhör mitgenommen. Der Kroate ist Trainer des Champions-League-Teilnehmers Brügge. Ausserdem wurden gemäss Medienberichten die beiden Spitzenschiedsrichter Bart Vertenten und Sebastien Delferière vernommen. Beide pfeifen auch internationale Spiele und kamen in dieser Saison in der Europa League zum Einsatz.

Manipulierte Wettbewerbsspiele?

Untersucht wird wegen des Verdachts auf organisierte Kriminalität, Geldwäsche und Korruption. Ob die Festgenommenen in Haft kommen, entscheidet der Untersuchungsrichter. Heute um 15 Uhr soll weiter informiert werden.

«Schone Handen» nennen die Strafverfolger ihren Einsatz – «saubere Hände». Ursprünglich hatten sie «nur» einen gross angelegten Steuerbetrug im Visier. Bei diesem sollen «verschiedene Akteure» versucht haben, Beteiligungen an Transfers, Löhne von Spielern und Trainern sowie «weitere Zahlungen» zu verstecken. Und das nicht nur vor der Steuerbehörde, sondern auch «vor anderen in die Transaktionen involvierten Personen».

Im Lauf ihrer Arbeit stiessen die Ermittler allerdings auf Hinweise, die über verschleierte Einnahmen hinausgehen. Und so steht jetzt der Verdacht im Raum, dass in Belgien in der Saison 2017/18 Wettbewerbsspiele manipuliert wurden.

Schiedsrichter sollen gute Freunde eines Agenten sein

Wie gross der Fall ist, zeigt der Blick auf die Zahl der Clubs, ­deren Büros gestern durchsucht wurden. Mit dem FC Brügge, ­Anderlecht, Genk, Gent, Kortrijk, Lokeren, Oostende und Lüttich ist die Hälfte der 16 Clubs der höchsten Liga betroffen.

Im Zentrum der Untersuchungen stehen zwei Spielerberater: Arnaud «Mogi» Bayat und Dejan Veljkovic, die ebenfalls verhaftet worden sind. Alle Personen, die ausserdem einvernommen wurden, stehen in Beziehung zu einem dieser beiden Agenten, die zuletzt einen Grossteil des lukrativen belgischen Marktes unter sich aufgeteilt haben.

Gegen Veljkovic wird laut «De Standaard» nicht nur wegen auffälliger Transfers, sondern auch wegen mutmasslicher Spielmanipulationen ermittelt. Brügges Trainer Leko sowie die beiden Schiedsrichter Vertenten und Delferière werden als gute Freunde von ­Veljkovic beschrieben. Die beiden Schiedsrichter sollen im Zusammenhang mit eventuellen Spielabsprachen befragt worden sein.

Brügges Vorsitzender Bart ­Verhaeghe bestätigte, dass die Clubbüros durchsucht worden seien. Er stellte sich aber vor Leko: «Die Ermittler wollten Verträge und Rechnungen sehen. Die haben wir ihnen gegeben. Sie werden sehen, dass alles sauber ist. Wir schützen unseren Trainer Ivan Leko. Als Trainer kann er nicht für Verträge verantwortlich gemacht werden.»

Bei der Hälfte der Clubs der höchsten Liga wurden die Büros durchsucht.

Lekos Anwalt Walter Van Steenbrugge erklärte: «Beim FC Brügge wurden Dokumente angefordert. Es ging dabei nicht um den Club Brügge oder das Management. Es ging um Ver­träge zwischen Spielern und Spieler­agenten.»

Beim zweiten betroffenen Spieleragenten, «Mogi» Bayat, interessiert sich die Staatsanwaltschaft vor allem für ein paar besonders lukrative Transfers. Sein Einfluss auf den belgischen Transfermarkt gilt als enorm – unter Insidern kursiert der Begriff «Mogipoly».

Dabei hat der Belgier mit iranischen Wurzeln laut eigenen Aussagen inzwischen praktisch keine Spieler mehr unter Vertrag. Stattdessen hat er sich darauf spezialisiert, Clubs zu beraten. In erster Linie findet er potente Abnehmer, wenn ein Club gerade besonders dringend auf Einnahmen angewiesen ist.

Bayats Einfluss ist so gross, dass selbst grosse ausländische Vereine wie Monaco den Kauf eines Spielers lieber mit ihm besprechen als mit dem abgebenden belgischen Club.

In diesem Jahr zahlte sich Bayat 7,5 Millionen Euro aus

Kein Wunder, florieren Bayats Geschäfte. Er selbst hat sich in einem Fernsehinterview schon einmal als «bestbezahlten Fussballer Belgiens» bezeichnet. Und tatsächlich: In diesem Jahr hat sich Bayat von seiner eigenen Firma Creative & Management Group 7,8 Millionen Euro ausbezahlt. Das meldet «De ­Standaard» mit Berufung auf die bei der belgischen Nationalbank hinterlegten Jahresabschlüsse.

Besonders viele und besonders gute Geschäfte machte ­Bayat in den letzten Jahren mit dem RSC Anderlecht. Entsprechend erhielten auch ein ehemaliger Manager und ein ehemaliger Anwalt des RSC Besuch von der Polizei. Wobei Letzterer sozusagen ein alter Bekannter der Strafverfolgungsbehörden ist. Der Jurist wurde schon einmal verurteilt: für seine Rolle bei Spielmanipulationen in Belgiens Fussball im Jahr 2006.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.10.2018, 22:20 Uhr

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