Aufbruch beim FC Thun

Letzten Herbst drohte dem FC Thun das Ende. Vor dem Heimspiel am Sonntag zum Saisonstart gegen den FC Sion sieht sich der Klub gut aufgestellt. Das Team ist derweil ambitioniert.

Es geht los: Nach fünf Wochen Vorbereitungsphase startet der FC Thun am Sonntag gegen Sion in die neue Saison (16 Uhr).

Es geht los: Nach fünf Wochen Vorbereitungsphase startet der FC Thun am Sonntag gegen Sion in die neue Saison (16 Uhr). Bild: Patric Spahni

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Ein Sturm war aufgezogen. Und FC-Thun-Präsident Markus Lüthi wusste nicht, wie er diesem entgegentreten sollte. Mal klang er nachdenklich («die Situation ist für uns alle sehr belastend»), mal nahe der Resignation («wir müssen irgendwie über die Runden kommen»). Er, der Macher, der seit Jahren nichts unversucht gelassen hatte, den FC Thun voranzubringen, er sagte im Oktober 2016: «Unsere Lage ist so ernst wie nie.»

Der FC Thun stand vor einer ungewissen Zukunft. In der Super League lag er am Tabellenende, im Cup hatte er sich gegen Kriens aus der Promotion League blamiert. Noch schlimmer: Dem Klub ging das Geld aus, er drohte am Jahresende Konkurs zu gehen. Lüthi schrie mit seinen drastischen Worten um Hilfe – lauter als je zuvor.

Doch als die Wirkung einmal mehr ausblieb, Gespräche mit Sponsoren und Gönnern nichts Substanzielles ergeben hatten, griffen die Oberländer zum letzten Mittel. Sie starteten einen Monat vor der Adventszeit einen Spendenaufruf.

Die Achse des FC Thun

Diese Woche in der Stockhorn-Arena, ein prächtiger Sommermorgen, weit und breit keine Wolken, die einen Sturm ankünden. Als Trainer Marc Schneider gefragt wird, was ihn vor dem ­Saisonstart am meisten beschäftige, sagt er, das sei die auf Ende Woche terminierte Klärung der Torhüterfrage. Im Vergleich zu den Problemen vom Herbst ist das eine Kleinigkeit.

Der FC Thun hat Monate des Aufschwungs hinter sich. Die ­Region zeigte sich solidarisch. Der FCT bekam vom Stadtrat ein Darlehen von 500 000 Franken zugesprochen, er sammelte über 1,5 Millionen Franken. Und schaffte es in der Super League auf Rang 6, trotz vorzeitigem ­Abgang von Trainer Jeff Saibene.

Mittlerweile erzählt Markus ­Lüthi, der seit bald fünf Jahren im Amt ist, von der grossen Ruhe, die im Verein herrsche. Der Halbjahresabschluss Ende Juni löste diesmal keine Überlebensängste aus, der Klub bewegt sich nicht mehr am Abgrund. Auch wenn die Mittel bescheiden bleiben.

Zudem ist die Stadionfrage seit gut einem Jahr geklärt. Die Vermarktung der Stockhorn-Arena liegt in den Händen des Klubs. Der seit dieser Saison gültige Fernsehvertrag verspricht mehr Einnahmen, die angepassten ­Anspielzeiten lassen auf höhere Zuschauerzahlen hoffen.

Und der Umbruch im Team ist kleiner als auch schon, mit Marco Bürki und Christian Fassnacht gingen zwei Leistungsträger, dazu einige routinierte Kräfte. Matteo Tosetti, Sandro Lauper und Dejan Sorgic sind aber noch da. Und mit Roy Gelmi vom FC St. Gallen ist dem Klub letzte Woche ein Transfer gelungen, den sich die Verantwortlichen noch vor kurzem nicht zugetraut hätten.

Fragt man Lüthi, wie dem Klub der Turnaround gelungen sei, kommt der Präsident bald einmal auf eine Achse zu sprechen. Eine, die aus ihm, Captain Denis Hediger, Trainer Marc Schneider und Sportchef Andres Gerber bestehe. Sie alle sind seit Jahren im Klub.«Die Achse garantiert ­Stabilität», sagt Lüthi. Auch in stürmischen Zeiten.

Hediger, der Einflussreiche

Dennis Hediger ist an diesem Morgen mit der Einstellung am Werk, die aus ihm, dem durchschnittlichen Challenge-League-Spieler, einen langjährigen Captain in der Super League gemacht hat. Hediger rackert und läuft, nicht einmal lässt er eine Un­konzentriertheit erkennen. Ein Spässchen während der Übungseinheit – nicht mit ihm.

Vor zwei Jahren soll sich Trainer Ciriaco Sforza überlegt haben, Hediger als Captain abzusetzen. Er beliess es dann, war nach kurzer Zeit aber dennoch entlassen. Sforza hatte nie verstanden, wie der FC Thun funktioniert. Hediger dagegen ist heute wichtiger als je zuvor. Er ist Vorkämpfer und Vorbild, steht im ständigen Austausch mit den Klubverantwortlichen. Er prägt den FC Thun mit.

Kürzlich sickerte aus dem Team die Information durch, dass sich die Spieler heuer durchaus Rang 4 zutrauen würden. In diesen Tagen, in denen dem FC Thun landauf, landab in den Prognosen wieder wenig zugetraut wird, mag das erstaunen.

Wer Hediger in den letzten Monaten reden hörte, überrascht die forsche Zielsetzung nicht. Der 30-Jährige, der es mit Disziplin, Selbstvertrauen und Willen auch als Geschäftsmann zu Erfolg gebracht hat, stört sich schon länger am Image des «kleinen FC Thun». Mit Hediger lassen sich nach einem Sieg gegen Basel keine Läckerli verteilen.

Schneider, der Ungeprüfte

Ende Mai sagte Markus Lüthi im Interview mit dem «Thuner Tagblatt»: «Der FC Thun will kein Mauerblümchen sein.» Die Aussage könnte auch von Dennis Hediger stammen. Oder von Andres Gerber. Oder von Marc Schneider. Eine Einheit, eine Achse.

Ein Risiko?

Marc Schneider ist der jüngste Coach der Super League: Er wird am Sonntag 37, just am Tag seines Debüts als Cheftrainer beim Heimspiel gegen Sitten. Mit seiner Ernennung sparte der Klub noch einmal Geld ein, Reibungen zwischen Management und ­Trainerteam sind nun fast ausgeschlossen.

Schneider trägt die Strategie des Klubs, konsequent auf junge, meist kostengünstige Schweizer zu setzen, mit Begeisterung mit. Und der Thuner hat es nicht verpasst, sich in den letzten Tagen zu positionieren. Er sagt, die attraktive und auch ­erfolgreiche Spielweise der Rückrunde habe er als Assistent von Saibene initiiert. Bisher aber konnte er immer im Hintergrund wirken, das ist nun vorbei.

Beim FC Thun liess seit der Ernennung Schneiders zum künftigen Trainer niemand Zweifel erkennen, dass die Wahl nicht die richtige gewesen sei. Die letzten 11 Partien ohne Saibene, in denen mit Schneider und Interimscoach Mauro Lustrinelli 18 Punkte resultiert hatten, bestärkten die Klubführung in ihrem ­Glauben.

Damals im Oktober sagte Präsident Markus Lüthi auch noch, wenn er kein Land am Horizont sehen würde, dann gäbe er jetzt auf. Am Land angekommen, meint er: «Unsere Ausgangslage ist so gut wie nie, seit ich hier bin.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 14:16 Uhr

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