«Blatter arbeitet daran, sein System zu erhalten»

Der Sportphilosoph Gunter Gebauer sagt, dass sich die Fifa nur auf staatlichen Druck verändert – und die Schweiz dem im Weg steht.

«Es ist bedenklich, dass die Schweiz der Fifa so viel Schutz gewährt»: Gunter Gebauer. (Archivbild) Foto: AP

«Es ist bedenklich, dass die Schweiz der Fifa so viel Schutz gewährt»: Gunter Gebauer. (Archivbild) Foto: AP

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Sepp Blatter tritt als Fifa-Präsident ab, hat aber angekündigt, vorher noch grosse Reformen einzuleiten. Glauben Sie daran?
Das ist sehr unwahrscheinlich. Er hätte diese saubere Fifa seit Jahren schaffen können. Aber er hat viel dafür getan, saubere Geschäftspraktiken in der Fifa zu verhindern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand mit 79 einen grundsätzlichen Habituswandel erleben kann. Ich glaube eher, dass er versucht, Leute in Position zu bringen, die ihn weit­gehend verschonen und ihn gut aus der Affäre herauskommen lassen. Eine ­Umstrukturierung der Fifa wäre ja eine Revolution.

Kann die Fifa eine solche von innen heraus schaffen?
Nein, denn das müsste bedeuten, dass der Fifa-Kongress mit seinen 209 Mitgliedern von Leuten besetzt wäre, die alle ethisch einwandfrei handeln. Das ist vollkommen unwahrscheinlich. Man sieht auch, dass Blatter in eine Richtung arbeitet, die ihm nach wie vor Einfluss sichert und sein System weitgehend ­erhält. Er will jetzt ja nicht mit den mächtigen Verbänden arbeiten, von ­denen man sagen kann, dass sie weit­gehend sauber sind. Ich denke da an England, Deutschland, Holland, die skandinavischen Verbände. Stattdessen arbeitet er mit dem Fifa-Kongress, also mit allen 209 Mitgliedern. Und der Kongress ist ja die Achillesferse der Fifa, weil viele Vertreter darin sitzen, die, ich sage das ganz vorsichtig, korruptionsgefährdet sind.

Also bleiben noch staatliche Stellen, die den Reformprozess am Laufen halten können.
Wir sehen, wie die USA sich mit grosser Kraft und auch Brutalität positionieren. Wenn die US-Justizministerin sagt, die Fifa sei «eine kriminelle Vereinigung», dann würde ich sagen, ist das symbo­lische Gut der Fifa schon sehr stark ­herabgesetzt. Der Fifa-Präsident wird so zum Paria, zum Ausgestossenen, mit dem sich niemand mehr blicken lassen kann, der einen guten Ruf hat.

Ist die Aktion der USA auch der Beweis, dass die Fifa inzwischen weltweit eine derart grosse ­Bedeutung hat, dass man mit einer Klage gegen sie sogar als US-Justizministerin Prestige gewinnen kann?
Ja. Die Fifa und das IOK sind so etwas wie symbolische Weltmächte. Man kann die grossen Sportverbände nur dann treffen, wenn man ihnen ihre symbolische Macht nimmt. Und die besteht darin, dass sie über ein enorm grosses ­Ansehen verfügen, weil sie so viel Gunst, so viel Medienaufmerksamkeit zu verteilen haben. Da drängen sich ja die Potentaten dieser Welt und wollen dabei sein.

Aber auch die US-Justiz kann nur korrupte Funktionäre verhaften, sie kann der Fifa keine Reform ­aufzwingen.
Ich glaube, es gibt ein Mittel, die Fifa wirklich zu etwas zu zwingen. Es wurde früher schon beim Nationalen Olympischen Komitee der USA angewandt. Dem haben die US-Behörden damit gedroht, dass es den Status der Gemeinnützigkeit verlieren würde, sollte es sich nicht ­reformieren. Das hat den Verband sofort zur Einkehr gezwungen. Da hat man ­begriffen, dass Staaten mit einem relativ einfachen Griff scheinbar übermächtige Organisationen hart treffen können. Wenn man ihnen die Gemeinnützigkeit wegnimmt, dann verlieren sie ihre ­Steuerprivilegien, dann verlieren sie die Möglichkeit, so viel Geld zu verdienen. Sie verlieren ihren quasidiplomatischen Status und auch an Ansehen.

Das wäre dann im Fall der Fifa die Aufgabe der Schweiz.
Ja, die Schweiz hätte die Möglichkeit zu prüfen, ob die Fifa noch als gemein­nütziger Verein Steuererleichterungen erhalten sollte. Wenn das gefährdet ist, dann wäre bei der Fifa aber sofort eine Palastrevolution angesagt. Aber ich glaube, die Schweiz trifft keinerlei ­Anstalten, die Fifa zu bedrohen.

Ein Ende der Steuererleichterungen wird immer wieder mal gefordert – bleibt in der Schweiz aber ­vielleicht tatsächlich chancenlos.
Die Schweiz hat die grossen Sportverbände mit ihren Konditionen ja auch ­angezogen. Ich als Ausländer sage, sie hat sich auch einen Prestigegewinn ­davon versprochen. Inzwischen ist es aber schon ethisch bedenklich, dass die Schweiz der Fifa so viel Schutz gewährt. Denn so wird verhindert, dass sie sich von Grund auf verändern könnte.

Sollte die Schweiz hart eingreifen, würde die Fifa doch einfach nach Katar abwandern.
Katar hätte aber nicht dieselbe symbolische Qualität wie die Schweiz. Wenn sie nach Katar ginge, dann würde man ­sagen: Da sind sie jetzt unter sich – eine laut amerikanischer Ministerin Verbrecherbande und ein laut Amnesty International bedenklicher Staat. Da würde der Einfluss der Fifa, den sie aufgrund ihrer symbolischen Macht hat, deutlich schwinden. Das wäre ein bisschen ­ungerecht, klar. Aber das wäre die ­Konsequenz.

Warum ist es denn so wichtig, dass die Fifa sauber ist? Der Fussball der Gegenwart ist so gut wie nie – ob da die TV-Stationen diesem oder ­jenem Funktionär etwas Geld ­bezahlen für eine WM-Übertragung, kann uns als Konsumenten doch egal sein?
Das liegt daran, dass es ein Sport ist. Der Sport basiert auf der Grundannahme, dass es sich um ein einwandfreies und gerechtes Geschehen handelt, das nach Regeln geschieht, die eingehalten werden. Wir wollen ja, dass das Ergebnis sauber zustande kommt. Das ist die Grundessenz des Sports, das macht seine ethische Attraktivität aus. Wenn sich jetzt herausstellt, dass die Organisation, die das alles garantieren soll, von Grund auf korrupt ist, dann bekommt man es mit der Angst zu tun. Es gibt im Fussball ein höheres Gut: Die Unversehrtheit des Spiels – man geht davon aus, dass die WM-Spiele sauber abgelaufen sind. Bei der Vergabe von WM-Austragungsorten aber wird in das Spiel eingegriffen. Da stellt sich dann nach der Entscheidung heraus, dass ein Austragungsort gewählt worden ist, an dem es im Sommer zu heiss für Fussballturniere ist.

Korruption im Fussball ist keine neue Erfindung, schon früher ­wurden korrupte Funktionäre erwischt. Warum ist die öffentliche Aufregung erst in den letzten Jahren so gross geworden?
Der Wendepunkt war die Doppel­vergabe der WM nach Russland und insbesondere nach Katar. Weil da die Entscheidung ­offensichtlich direkt beeinflusst wurde durch den Einsatz von Russlands Präsident Wladimir Putin oder im Fall von ­Katar schlichtweg unverständlich war: eine Wahl, die das Ranking der Entscheidungskommission auf den Kopf stellte. Erst als sich in der Öffentlichkeit ein ­Erschrecken darüber breit machte, dass man eine solche Entscheidung ­treffen konnte, dachte man bei der Fifa über eine Verlegung des Termins in den Winter nach. Womit man alle Sport­verbände und Fussballligen der Welt verstörte, die ihren Spielbetrieb im ­Winter haben.

Ist der Widerstand gegen Katar nicht einfach unsere westlich-­europäische Arroganz, die der ­arabischen Welt keine WM gönnt?
Das glaube ich nicht. Der Punkt ist, dass mit Katar ein Land die WM erhalten hat, das keinerlei Fussballkultur hat – und auch keine zu entwickelnde Fussball­kultur. Man hat das Gefühl, dass sich ein reiches Land wie Katar eine WM leisten möchte. Was nicht bedeutet, dass Katar diese WM gekauft haben muss. Aber da spielen sehr viele Interessen eine Rolle: vorauseilender Gehorsam, der Wunsch, an diesem Reichtum zu partizipieren und auch an der Medienmacht, die ­Katar mit seiner hohen Präsenz in den Medien der Welt und mit al-Jazeera ebenfalls besitzt.

Ist die WM-Vergabe nicht schlicht das Spiegelbild der neuen ­Welt­ordnung? Die Gewichte ­verschieben sich, das bringt auch den Fussball in Bewegung.
Ich glaube nicht, dass es ein Spiegelbild ist. Die Weltlage ist sehr komplex. Und die Rolle von Katar ist je nach Bereich und je nach Weltlage sehr schwankend. Man wird nicht exakt sagen können, ­welches genau die politische Rolle von Katar ist. Sicher ist, dass Katar durch ­seinen Reichtum grossen Neid bei ­seinen Nachbarn weckt und dass es sich in ­einer strategisch gesehen sehr ­ungünstigen Lage befindet. Ein Miniland, das sich praktisch nicht selbst ­verteidigen kann.

Und das auch deshalb versucht, sich als weltweiten Sport-Hub zu positionieren . . .
Das finde ich übrigens sehr geschickt, dass Katar versucht, die symbolische Kraft des Sports zu nutzen. Die besteht ja darin, Aufmerksamkeit zu erregen und auch die friedliche Botschaft des Sports zu nutzen. Das ist eine virtuose Strategie auf der Ebene der Symbolpolitik. Es ist aber zugleich eine politische Strategie. Und da muss sich der Weltfussballverband fragen, ob er sich vor den Karren eines Minilandes spannen lassen will.

Die Europäer haben sich während des Fifa-Kongresses als grosse ­Reformatoren aufgespielt. Aber hat die Uefa wirklich höhere ethische Standards als die Fifa?
Ob sie das hat, weiss ich nicht. Wenn ich daran denke, dass Platini seinen Sohn an den Emir von Katar vermittelt hat, dass er den Emir mit dem damaligen fran­zösischen Präsidenten Nicolas Sarkozy ­zusammengebracht hat und daraus eine Menge an Geschäftsdeals zwischen ­Katar und Frankreich resultierten . . . Da habe ich meine Zweifel. Aber die grossen westeuropäischen Verbände und die USA haben begriffen, dass sie so nicht weitermachen können.

Reicht das denn, wenn ein paar Westeuropäer und die USA das begriffen haben?
Nein, natürlich nicht. Das reicht bei der Präsidentenwahl ja nicht einmal für eine ordentliche Stimmenzahl. Da hätte man Jahre im Vorfeld einen Kandidaten aufbauen müssen.

Warum hat nie jemand aus dem europäischen Fussball gewagt, Blatter die Stirn zu bieten? Jetzt tritt er ab – und es gibt keinen valablen Nachfolger. Warum etwa konnte sich Platini nicht in Stellung bringen?
Er hätte sich ja schon vor zwei Jahren positionieren müssen. Und das hat er nicht getan, weil er keine grossen Führungsfähigkeiten hat und kein politischer Kopf ist. Er ist ein eher angepasster Charakter, der Blatter hinterher­gelaufen ist und darauf gehofft hat, dass er ihm irgendwann einmal nachfolgen kann. Er möchte wohl auf die weichste, sanfteste Weise, die man sich vorstellen kann, an die Macht gelangen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2015, 00:00 Uhr

Zur Person

Gunter Gebauer, emeritierter Philosophieprofessor, Sportwissen­schafter und Linguist, ist im deutschen Sprachraum einer der führenden Denker zum Sport. Der 71-Jährige Deutsche forscht weiterhin, im Sport vor allem zum Fussball.

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