Ein Mini-Spektakel

Der FC Thun kommt im Berner Derby spät zu einem 1:1 und hinterlässt enttäuschte Young Boys. Die Tore entschädigen für das Gezeigte.

  • loading indicator
Dominic Wuillemin

Der Fussball kann verwunderliche Geschichten schreiben: Da bringt es der FC Thun fertig, während fast vier Ligapartien kein Tor zu erzielen. Und dann trifft der eingewechselte Saleh Chihadeh im Derby gegen Meister YB in der 84. Minute mit einem Seitfallzieher zum Ausgleich. Als gäbe es nichts Leichteres.

Das 1:1 des Oberwalliser Jokers ist viel umjubelt, doch die Partie nicht zu Ende: Die Reaktion der Berner ist YB-like: entschlossen, direkt, ja fast wütend. Die Thuner wissen sich nur noch mit Fouls zu helfen. Der eingewechselte Guillaume Hoarau darf sich zweimal mit einem Freistoss versuchen. Mit dem ersten zielt er daneben, der zweite endet in der Thuner Mauer.

Und so können die Young Boys auch im dritten Ligaspiel in Folge nicht gewinnen. Sie liegen nun drei Punkte hinter dem FC Basel zurück, der gleichzeitig daheim den FC Zürich 4:0 besiegt. «Die Enttäuschung überwiegt», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane. «Wir haben uns den Abend anders vorgestellt. Die Leistung war nicht genügend.»

Halbzeit zum Vergessen

Für den FC Thun ist es derweil nach drei Niederlagen in Folge ein Teilerfolg. Zehn Punkte trennen die Teams vor der Partie, nach sieben Spieltagen schon eine kleine Welt. Und doch stehen sie sich gefühlt näher als auch schon: hier die Gäste, die, weil Nicolas Ngamaleu kurzfristig ausfällt, gleich sieben gewichtige Absenzen zu beklagen haben und nur eine der letzten fünf Partien gewinnen konnten – jene im Cup beim FC Freienbach; da das Heimteam, auch von Verletzungen gebeutelt, dessen letztes Ligator ganze 270 Minuten zurückliegt, eine halbe Ewigkeit.

Es ist deswegen nicht über­raschend, wie sich das Spiel entwickelt. Die Mannschaften sind bemüht, weil aber das Selbstverständnis fehlt, das Pressing des Gegners auszuspielen, kommt es zu vielen Zweikämpfen und nur kurzen Ballbesitzphasen. Während der Meister sich zumindest in der Anfangsphase dem Tor mehrmals annähern kann, spielt Thun so wie ein Team, das seit drei Partien keinen Treffer erzielt hat. Es ist bezeichnend für die Oberländer Offensivdarbietung, dass ihre erste Gelegenheit durch einen Kopfball Nikki Havenaars nach einer halben Stunde auf einen Eckball folgt. Als es YB-Verteidiger Cédric Zesiger just mit dem Pausenpfiff fertigbringt, den Ball aus zwei Metern über das Tor zu bugsieren, ist das ein passender Abschluss dieser Halbzeit.

Halbzeit zum Schwärmen

Insofern könnte der Kontrast nicht grösser sein, als Gianluca Gaudino just nach Wiederanpfiff mit einem herrlichen Freistoss aus zwanzig Metern zur Führung für YB trifft. Es ist ein Tor der Gattung Weltklasse, eines, das zeigt, warum Weltklassetrainer Pep Guardiola einst bei Bayern München den Narren an Gaudino gefressen hatte. Und Schiedsrichter Lionel Tschudi beweist Mitgefühl mit Gaudino und den leidenden 7410 Zuschauern ohne ein Herz für den FC Thun: YB-Stürmer Jean-Pierre Nsame hatte sich beim Schuss des Mittelfeldspielers an der Oberländer Mauer ganz leicht zu schaffen gemacht, ein Vergehen, das seit dieser Saison geahndet werden kann. Doch nach Konsultation des Videos bestätigte der Schiedsrichter den Treffer.

Es ist ein passender Auftakt für eine zweite Halbzeit, die deutlich an Unterhaltungswert gewinnt. Das hat mit Gaudino zu tun, der nun vor Selbstbewusstsein strotzt und nach einem Tänzchen durch die Thuner Defensive seinen zweiten Treffer von Thuns Goalie Andreas Hirzel verhindert sieht. Und einem Heimteam, das seine Zurückhaltung ablegt und Qualität einwechseln kann. Matteo Tosetti lanciert kurz nach seiner Hereinnahme herrlich Simone Rapp, der Stürmer bringt es auch in diesem Spiel fertig, eine Grosschance auszulassen. Er scheitert an YB-Goalie David von Ballmoos.

Es ist schliesslich Chihadeh, der Thun für die Leistungssteigerung belohnt. Er lässt sein Trainer sagen: «Wir sind glücklich mit diesem Punktgewinn.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt