Mister Cool zeigt Wärme

Gerardo Seoane blickt auf ein grosses erstes Jahr bei YB. Eine Annäherung an den unnahbaren Meistertrainer, der bei der Titelfeier doch noch Emotionen erkennen lässt.

Meister: Gerardo Seoane ist bei YB angekommen – und somit auf der grossen Bühne des Schweizer Fussballs.

Meister: Gerardo Seoane ist bei YB angekommen – und somit auf der grossen Bühne des Schweizer Fussballs.

(Bild: Christian Pfander)

Dominic Wuillemin

Als alle Dämme brechen, bleibt sich Gerardo Seoane treu.

Kevin Mbabu mit einem Pokal aus Karton auf seinen Rastakopf, Steve von Bergen am Metallgitter, das Megafon in der Hand, Guillaume Hoarau als Patron, vor ihm die in Bewegung geratene gelb-schwarze Menschenwand, hinter ihm seine hüpfenden und Champagner verspritzenden Teamkollegen, immer wieder Marco Wölfli, Meisterheld auf Lebzeiten und Feierbiest: Es sind Bilder des Rauschs, die am frühen Sonntagabend im Zürcher Letzigrund entstehen, als YB den FCZ besiegt hat, den 13. Meistertitel endlich gebührend feiern kann. Etwas abseits, auf Distanz: Seoane, mit seinem Sohn und den Kindern von Sportchef Christoph Spycher. Sie hüpfen. Seoane umarmt Medienmann Albi Staudenmann. Lacht.

Er wirkt erfreut, aber auch beherrscht.

Ein paar Tage zuvor, auf den letzten Metern zur Meisterschaft. Seoane schmunzelt, nimmt einen Schluck Wasser. Die Frage war, wie er feiern würde, gewänne YB den Titel am Samstag vor dem Fernseher – schliesslich könnte dies die Vorbereitung auf das Spiel beim FC Zürich beeinträchtigen. «Ihr wisst ja», sagt Seoane in die Journalistenrunde, «dass es mir keine Mühe bereitet, mich zusammenzureissen.»

Der 40-Jährige kokettiert mit jenen Fragen, die ihn begleiten, seit er im Sommer YB übernommen hat und er Sieg an Sieg reiht, fast nur Grund zum Jubeln hat.

Ist er wirklich so kontrolliert und cool? Oder mimt er das bloss?

Die zwei Gesichter

An einem warmen Samstagabend Ende Juni im österreichischen Fügen. Rund 50 YB-Fans rücken auf der Terrasse des Teamhotels zusammen. Die Stimmung ist heiter, das Abendessen mit der Mannschaft, der Höhepunkt der Fanreise, steht auf dem Programm. YB-CEO Wanja Greuel klopft mit dem Messer ans Weissweinglas, der Lärmpegel sinkt.

Neben ihm steht Seoane, der neue Trainer. Was sie von ihm halten sollen, wissen die Gäste nicht. Es gibt Vorurteile, die ihm anhaften, seit er 2010 in Luzern als Captain von Trainer Rolf Fringer auf die Tribüne verbannt worden ist. Aussagen von Wegbegleitern, wonach er die jungen Mitspieler von oben herab behandelt habe, sind wieder in die Öffentlichkeit getragen worden. Nimmt man den schnellen Abgang nach einem Halbjahr beim FCL, in dem Seoane den Club vom 9. auf den 3. Platz führte, und die nach hinten gegelten, halblangen Haare dazu, ist das Bild vom Karrieristen fertig.

«Tscherry», sagt Greuel zu Beginn der kleinen Fragerunde, während die Fans vor ihnen im Halbkreis stehen, «wie viele Sprachen sprichst du eigentlich?» «Fünf», antwortet der Innerschweizer mit spanischen Wurzeln. Und: «Ich hoffe, dass mit Berndeutsch bald eine sechste dazukommt.» Die Pointe glückt, die Fans lachen.

Die Eigenschaften, die Seoane in diesem aufgeräumten Moment im beschaulichen Ferienort demonstriert, wird er immer mal wieder zeigen. Im kleinen Rahmen kann er unterhaltsam sein, gewinnend, auch mal ausgelassen. Als er Anfang Oktober am Vorabend des Spiels bei Juventus Turin die Medienkonferenz absolviert hat, läuft er durch den Bauch des Allianz-Stadions auf den Rasen, schiesst den Ball ins verlassene Tor und jubelt ganz für sich allein. Dieser Seoane bietet einem beim ersten Treffen das Du an. Und dieser Seoane antwortet auf die Frage, wann er sich mal gehen lasse, mit «An der Fasnacht» – und lacht herzhaft.

Der andere Seoane – der, den die breite Öffentlichkeit kennt – ist stets bemüht, die Fassung zu wahren. Wenn er mal richtig jubelt wie Anfang März beim späten Siegtreffer gegen den FC Sion, wird darüber berichtet. Dieser Seoane kann auf die Frage, welches sein Lieblingsbuch sei, antworten, dass er dies sicher nicht preisgebe – duzen hin, duzen her. Dieser Seoane analysiert die Spiele in einer Seelenruhe, klar, präzis, intelligent, selbstkritisch. Eine Unart, die vielen Trainerkollegen eigen ist, nämlich den Fehler bei den Schiedsrichtern zu suchen, ist ihm fremd. Während eines Interviews sagte er einmal: «Der Unparteiische ist nie der Schuldige, weil er den schwierigsten Job hat.»

Dieser Seoane kann sich zusammenreissen. Er sagt: «Ich beherrsche mich nicht bewusst, ich bin einer, der überlegt, bevor er handelt. Aber in mir drin kann ich eine enorme Freude entwickeln.»

Schriftsteller und YB-Fan Pedro Lenz, dessen Mutter wie Seoanes Eltern aus Spanien stammt, erklärt sich das Verhalten des YB-Trainers so: «Ich sehe bei ihm etwas, das ich bei mir lange auch sah. Ich bin ebenfalls halber Ausländer, wir tragen ein Fremdarbeiter-Gen in uns. Wir haben das Gefühl, dass wir die saubereren Hosen tragen, höflicher sein und mehr leisten müssen als die anderen, um akzeptiert zu werden.»

Der respektvolle Erbe

Als es in einem Gespräch mal darum ging, welche typisch spanischen Charakterzüge er trage, sagte Gerardo Seoane, er verfüge über viele Schweizer Tugenden. Aber ja, er möge die mediterrane Küche, bleibe gerne länger auf. Er schaut dann vorzugsweise Fussball, in Spanien beginnen Partien um 21.30 Uhr. Danach hört er sich die Pressekonferenzen mit den Trainern an.

Das kann sich beissen, denn Seoanes Tage beginnen in der Regel früh. Um 5.45 Uhr fährt er an seinem Wohnort in Hergiswil los, im Auto hört er spanische Fussballpodcasts, keine Musik. Sein Leben dreht sich um Fussball, er sagt: «Für seine Leidenschaft ist man bereit, alles zu tun, da zählt man die Stunden nicht.»

Schon als Juniorencoach bereitete er sich akribisch auf das Trainerdasein im Profifussball vor. Er liess sich während Spielen filmen, sein Verhalten an der Seitenlinie analysieren. Seit vier Jahren arbeitet er mit einem Coach an seiner Persönlichkeit und an den Führungsqualitäten. Als ihm dann Anfang des letzten Jahres der Sprung in den Profifussball gelang, war er bereit. Die Herausforderung, den beliebten Meistertrainer Adi Hütter zu ersetzen, meistert er mühelos. Hatte er nicht Angst vor diesem Schritt? «Ich spürte in den Gesprächen: Sollte ich gewählt werden, bin ich bei YB bestens aufgehoben. Es ist ein gesunder Club mit guter Führung, keine One-Man-Show.»

Das grosse Erbe Adi Hütters managt Seoane: respektvoll, klug – weil zu Beginn auch konservativ. Beim Saisonauftakt gegen GC nominiert er eine Startelf, die der Österreicher wohl auch genauso gewählt hätte. Seine Ideen streut Seoane nach und nach ein, seine grösste Leistung ist vielleicht, wie er YB mühelos durch den aufwühlenden Herbst führt, mit dem Abenteuer Champions League und Partien fast im Drei-Tage-Takt.

Seoane scheut kühne Entscheide nicht, im grossen Old Trafford beim grossen Manchester United nominiert er ein zentrales Mittelfeld mit zwei 21- und einem 22-Jährigen. Er rotiert gerne, das Team ist unter ihm variabler und unberechenbarer geworden. Er ist kommunikativ, sucht auch regelmässig das Einzelgespräch mit jenen Spielern, die in der Hierarchie nicht zuoberst stehen.

Die alten Rollenbilder

Die Zweifel, die Gerardo Seoane bei der Amtseinsetzung begleiteten, werden rasch vom Sound des Erfolgs übertönt, von der erstmaligen Teilnahme an der Champions League, dem Vorsprung auf den FC Basel, der fast mit jedem Spieltag grösser wurde – ein legendäres 7:1 gegen den grossen Konkurrenten inklusive. Er ist angekommen bei den Young Boys – und somit auf der grossen Bühne des Schweizer Fussballs. Auch wenn er nach einem Jahr in Bern kein Berndeutsch redet. Der einzige Makel in Seoanes Debütsaison bei YB ist der verlorene Cupviertelfinal in Luzern.

Und doch bleibt eine gewisse Distanz beim Berner Publikum zu Seoane. Bezeichnend ist die Reaktion auf die Gerüchte nach einem möglichen Abgang in die Bundesliga zu Mönchengladbach. Es genügt, damit wieder die alten Rollenbilder vom berechnenden Karrieristen hervorgekramt werden.

Bis am Sonntagabend?

Vielleicht verändert sich in diesem Moment etwas in der Wahrnehmung Seoanes. Ein letztes Bild: Stade de Suisse, um 22 Uhr. Als Letzter schleicht er, jetzt ein Meistercoach, hinaus, unbemerkt pirscht er sich an die Moderatoren von Radio Gelb-Schwarz heran und duscht sie mit Champagner. Seoane lacht und hüpft und tanzt vor Freude.

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