Alles Kopfsache

Marvin Spielmann ist mit zwei Toren gegen YB in den Fokus gerückt. Der 21-jährige Flügel hat beim FC Thun die schwere Aufgabe, Christian Fassnacht zu ersetzten. Das Potenzial dazu hätte er.

Auf dem Sprung: Flügel Marvin Spielmann befindet sich beim FC Thun auf gutem Weg.

Auf dem Sprung: Flügel Marvin Spielmann befindet sich beim FC Thun auf gutem Weg.

(Bild: Patric Spahni)

Dominic Wuillemin

Vor dem Heimspiel gegen Lausanne wird Marvin Spielmann wie immer die Kopfhörer über die Ohren streifen, die Musik einschalten, in sich kehren. Er wird zurückdenken an die vergangenen Partien, sich gute Aktionen vor Augen führen, «die Emotionen abrufen», wie er es nennt. Es ist sein Ritual. Und in diesen Tagen auch eine Erinnerung, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet.

Vor zehn Tagen beim denkwürdigen 4:0-Sieg in Bern gelangen dem 21-Jährigen zwei Treffer. Es waren seine Premierentore für die Oberländer, die ersten seit fast einem Jahr. Eine Befreiung. «Endlich ist der Ball wieder reingegangen», sagt Spielmann. Und Andres Gerber findet: «Der Match kann bei ihm ­etwas auslösen.»

Der Sportchef nennt Spielmann eine Wundertüte. Gerber versteht dies einerseits als Lob, weil in einer solchen Tüte ja schöne Dinge stecken können. Anderseits: Man weiss nicht, was herauskommt. Spielmann steckt im positiven wie im negativen Sinn voller Überraschungen. Für ihn geht es darum, das eine beizubehalten und am anderen zu arbeiten. Das ist gar nicht so einfach.

Vom Joker zum Skorer

Als Marvin Spielmann vor einem halben Jahr vom FC Wil aus der Challenge League nach Thun wechselte, war dies für ihn der nächste Schritt nach oben. Aufgewachsen in Olten als Sohn eines Schweizers und einer Kongolesin hatte der frühere Juniorennationalspieler seine Karriere beim FC Aarau lanciert, ehe ihn die von türkischen Investoren finanzierten Wiler mit Geld und Versprechungen in die Ostschweiz lockten.

Als sich nach einem Jahr herauszustellen begann, dass auf die grossen Worte der Klubverantwortlichen keine Taten mehr folgten, kam das Interesse der Oberländer für Spielmann gerade richtig. Für Thun war dessen Verpflichtung derweil eine per­spektivische. Auf den Flügeln spielten Matteo Tosetti, der zweitbeste Vorlagengeber der Schweiz, und Christian Fassnacht, der mutmasslich stärkste Thuner der letzten Saison.

Spielmann musste sich gedulden. Bevor er im Mai erstmals in der Startaufstellung stand, hatte er etliche Teileinsätze absolviert. Er war der Ergänzungsspieler, der mit seiner Schnelligkeit den müde gelaufenen Verteidigern wehtun konnte, ein Joker.

Nach dem Abgang von Fassnacht zu YB ist Spielmanns Rolle eine wesentlich wichtigere. Er sollte nun seine Leistungen konstant erbringen, Entscheidendes beitragen, liefern. «Ich muss an mich glauben. Darf mich von einer nicht gelungen Aktion nicht entmutigen lassen», sagt Spielmann. Bei ihm ist es nicht eine Frage des Könnens. Sondern ob es ihm gelingt, dieses abzurufen. Es ist eine Kopfsache.

Weniger ist manchmal mehr

Auf Marvin Spielmanns Fähigkeiten angesprochen, gerät Andres Gerber ins Schwärmen. Er erzählt von dessen Antritt, der so explosiv sei wie bei ganz wenigen Spielern, die er bisher gesehen habe. Von dessen Beidfüssigkeit, der Schusstechnik, den Qualitäten im Eins-gegen-Eins. «Er hat fantastische Anlagen», sagt Gerber. «Aber er muss lernen, sie richtig einzusetzen.»

Die ersten Partien gegen Sion und den FC Zürich offenbarten Spielmanns Defizite. Er zeigte vielversprechende Ansätze, kam zu Chancen. Aber er behielt den Ball zu lange, traf falsche Entscheidungen. Der Flügel wollte zuweilen mit dem Kopf durch die Wand. «Er muss Geduld haben», sagt Gerber. «Und einfach spielen.» Weniger ist manchmal mehr, das versuchen die Thuner Verantwortlichen Spielmann aufzuzeigen.

Zu was er fähig sein kann, bewies Spielmann letzte Woche mit seinen beiden Treffern gegen YB. Das eine erzielte er mit rechts, das andere per Direktabnahme mit links. «Für solche Erlebnisse spiele ich Fussball», sagt er. Vielleicht wird Marvin Spielmann dereinst an das Derby zurückdenken. Als jene Partie, in der ihm der Knopf aufgegangen ist.

Berner Zeitung

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