Alltag statt Ausnahmezustand

YBs Nicolas Ngamaleu verpasste knapp den Afrika-Cup. Nun will er in Bern angreifen.

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Dominic Wuillemin

Ein letzter Blick aufs Handy, ein letztes Mal den Zwischenstand checken, dann geht Nicolas Ngamaleu raus auf den Platz. Nicht im ägyptischen Ismailia, wo Kamerun am Dienstag im dritten Gruppenspiel des Afrika-Cups fast gleichzeitig gegen Benin um den Einzug in den Achtelfinal spielt. Sondern in Fügen im Zillertal, dort, wo sich YB auf die neue Saison vorbereitet und vor rund hundert Zuschauern ein Testspiel gegen Lewski Sofia bestreitet.

Alltag statt Ausnahmezustand: Ngamaleu hätte allen Grund, zu hadern. Aber nachdem er während seines Teileinsatzes herrlich per Lupfer das 1:1 erzielt hat, sagt er: «Ich bin glücklich, zurück bei YB zu sein.»

Mitte des letzten Monats stand der 14-fache Nationalspieler im provisorischen Kader Kameruns, bereitete sich auf den wichtigsten Wettbewerb des Kontinents vor. Die Teilnahme am Turnier stellte mehr als ein Ziel dar: ein sehnlicher Wunsch, einer, der zu einem Höhepunkt seiner Karriere hätte werden sollen.

Und der 24-Jährige tat alles, sich diesen zu erfüllen. Er blickt auf die beste Saison seiner Laufbahn. Er konnte die Einsatzzeit verdoppeln, erzielte zwölf Ligatreffer, vier davon in den letzten vier Partien. Kein Zweifel: Ngamaleu reiste in Topform ins Camp. Doch wenige Tage vor Turnierbeginn eröffnete ihm sein Trainer, der frühere holländische Weltstar Clarence Seedorf, auf ihn zu verzichten. Es sei ein schwieriger Moment gewesen, sagt Ngamaleu. «Die Teilnahme war mein grosser Traum.»

Bekenntnis zu YB

Ngamaleu steht am Rand des Platzes in Fügen. Zuvor wartete er geduldig, während Teamkollegen Auskunft gaben. Er ist frei von Allüren, freundlich, auch scheu. Wenn er spricht, gilt es genau hinzuhören. Es würde ihm nicht in den Sinn kommen, schlecht über Seedorf zu reden, den er als grosse Figur bezeichnet. Er sagt: «Es lief nicht wie gewünscht, so ist es eben. Aber ich bin glücklich, in der engeren Auswahl gewesen zu sein.»

Ngamaleu verfolgt nun aus der Ferne das kamerunische Nationalteam, er schaut auch die Partien Guineas, der Heimat von Mohamed Ali Camara, seinem Zimmerpartner im Trainingslager, das am Freitag zu Ende ging. Und auch jene der Elfenbeinküste, mit seinem YB-Teamkollegen Roger Assalé, der bisher keine einzige Minute bestritt. Er stehe im Kontakt mit Assalé, sagt Ngamaleu. «Es ist eine harte Zeit für ihn. Aber Roger ist sehr reif, er weiss damit umzugehen.»

Gereift ist auch Ngamaleu. Zahlen alleine würden nicht genügen, seine Entwicklung festzuhalten, sagt Gerardo Seoane. Der YB-Trainer berichtet, wie sich Ngamaleu geöffnet, die Zurückhaltung abgelegt habe, viel selbstbewusster geworden sei. «Und er verbreitet gute Stimmung, hat immer ein Lächeln auf den Lippen.» Seoane schätzt auch die Vielseitigkeit Ngamaleus, der sowohl auf beiden Seiten wie vorne spielen kann, sowie dessen Unberechenbarkeit, gepaart mit Technik und Tempo. «Einen Spieler mit seinen Eigenschaften haben wir sonst nicht im Kader», sagt Seoane.

Die letzte Saison könnte Begehrlichkeiten wecken, könnte bei Ngamaleu das Verlangen fördern, nach zwei Jahren in Bern den nächsten Schritt zu machen. Darauf angesprochen, sagt er ohne Umschweife: «Ich will bei YB bleiben.» Ihm gefalle die Stadt, das Leben im Team. «Zudem werden wir auch nächste Saison europäisch spielen.» Das sei Herausforderung genug.

Am Samstag trifft Kamerun im Achtelfinal auf Nigeria, Ngamaleu wird vor dem Fernseher mitfiebern. Er hofft in zwei Jahren, bei der nächsten Ausgabe des Afrika-Cups, die in seiner Heimat stattfinden soll, dabei sein zu können. «Nun gilt es in diesem Stil weiterzumachen», sagt er. «Dann wird meine Zeit kommen.»

Berner Zeitung

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