Als Shaqiri Coach Tami mit den Schuhen sein Tor ankündigte

Vor acht Jahren war es die Schweiz, die den Final der U-21-EM bestritt. Trainer Pierluigi Tami erinnert sich zu gerne an seine starke Mannschaft.

Pierluigi Tami gibt an der U-21-EM 2011 die Richtung vor: Der Coach bereitet sein Team im Training auf das Finalspiel gegen Spanien vor.

Pierluigi Tami gibt an der U-21-EM 2011 die Richtung vor: Der Coach bereitet sein Team im Training auf das Finalspiel gegen Spanien vor.

(Bild: Getty Images/Tony Marshall)

Pierluigi Tami hat sich nach Sonogno zurückgezogen, in sein Rustico in der hintersten Gemeinde des Verzascatals. Der 57-Jährige geniesst die Ferien, spielt Boccia und Tennis mit seinen Freunden – und er schaut Fussball. Die U-21-EM geht in die finale Phase, und für Tami ist es nicht einfach ein beliebiges Turnier, sondern eines, das Erinnerungen weckt. An 2011. An die Tage in Dänemark. An den Finaleinzug der Schweiz. Mit ihm als Coach.

Tami, der nach seiner Entlassung bei Lugano im April 2018 eine Auszeit genommen hat und nun neben Alain Sutter als Nationalmannschaftsmanager gehandelt wird, war 2009 zum Chef der U-21-Auswahl befördert worden. Der Nachfolger von Pierre-André Schürmann formte eine Gruppe, die in der Barrage Schweden mit starken Auftritten eliminierte und an der Endrunde mit Spielern auffiel, die nicht Jahrgang 1988 oder 1989, sondern 1991 oder gar 1992 hatten: Xherdan Shaqiri war dabei, Admir Mehmedi und Granit Xhaka, der noch nicht einmal 19 war.

Shaqiris Ankündigung

Der Coach wünschte von seinen Spielern Selbstbewusstsein, unabhängig davon, wie der Gegner heisst. Heute sagt Tami: «Das war eine mutige Mannschaft.» In jener Zeit entstand ein Film über das Team, in dem nicht nur Aktionen auf dem Platz vorkommen, sondern auch Sequenzen aus der Garderobe oder dem Esssaal. Neulich setzte sich Tami mit seinem Sohn Mattia vor den Fernseher, um den Zusammenschnitt wieder einmal anzusehen – und wurde bestens unterhalten. Vor allem ein Bild bleibt ihm haften: Shaqiri hat beim Essen, nur ein paar Stunden vor der ersten Partie gegen den Gastgeber, seine Fussballschuhe bei sich. Er hält sie in die Höhe und sagt strahlend: «Mit denen erziele ich heute ein Tor!» Shaqiri hält Wort, trifft gegen Dänemark tatsächlich, die Schweiz siegt 1:0.

Die Gruppenphase bringt die Auswahl makellos hinter sich, zieht mit drei Siegen in drei Spielen in den Halbfinal ein und setzt sich gegen Tschechien in der Verlängerung 1:0 durch. Dank Admir Mehmedi, der mit drei Treffern zweitbester Torschütze des Turniers wird. «Admir war für mich eine unserer prägenden Figuren», sagt Tami, «und er war für die Mannschaft mit seiner ruhigen Art ein sehr wichtiger Bestandteil.»

Im Final erst endet der Höhenflug: Gegen Spanien verliert die Schweiz 0:2. Aber Tami verweist umgehend daran auf die hochkarätigen Namen des Gegners: auf Goalie David De Gea, Juan Mata, Ander Herrera (heute alle Manchester United), Javi Martinez, Thiago (beide Bayern) – «die Qualität der Spanier war beeindruckend».

Rossinis Abstieg

In seinem Team hatte Tami Spieler, denen es nicht zur ganz grossen Karriere reichte. Innocent Emeghara verliess im August 2011 GC, weil er sich für Aufgaben im Ausland berufen fühlte. Er wechselte nach Lorient, zog nach Siena, weiter zu Livorno, erlag dem finanziellen Lockruf aus Aserbeidschan, wagte einen Abstecher in die USA, spielte auf Zypern und zuletzt wieder in Aserbeidschan. Ein anderes Beispiel ist Jonathan Rossini, der im März 2010 unter Ottmar Hitzfeld gegen Uruguay (1:3) sein erstes und einziges A-Länderspiel bestritten und an der EM 2011 zu den besten Innenverteidigern gehört hatte. Der 30-Jährige ist nach verschiedenen Clubwechseln in Italien inzwischen in der Bedeutungslosigkeit der Serie C verschwunden. Ein anderes Beispiel ist Philippe Koch, der im EM-Final gegen die Spanier ebenfalls dabei war. Der einstige Captain des FC Zürich war zuletzt bei St. Gallen unter Vertrag, derzeit ist er ohne Verein.

Und dann gibt es einen Gaetano Berardi, der 2011 seine einzigen sieben Minuten als A-Nationalspieler erlebte (2:1 in Liechtenstein) und seit 2014 bei Leeds United unter Vertrag steht, in der englischen Championship. «Er war damals einer mit hervorragender Mentalität», sagt Tami, «und er spielt heute noch so: immer Vollgas.»

Tamis Prognose

Wenn Tami die Spiele von 2019 anschaut und mit jenen von damals vergleicht, denkt er: «Der Fussball ist noch etwas intensiver und schneller geworden. Im athletischen Bereich sind weitere Fortschritte erzielt worden.» Alles in allem bescheinigt er dem Turnier in Italien und San Marino «ein hervorragendes Niveau». Darum wird er heute in Sonogno den Abend wieder vor dem Fernseher verbringen, um die zwei Halbfinals zu verfolgen: Deutschland - Rumänien (18 Uhr) und Spanien - Frankreich (21 Uhr). «Rumänien ist die grosse, positive Überraschung, aber ich rechne mit einem deutschen Sieg», sagt Tami und denkt dabei an die bisherigen Leistungen von Luca Waldschmidt (SC Freiburg), der mit fünf Treffern die Torschützenliste anführt: «Mit seiner Spielintelligenz und feinen Technik ist er für mich der beste Mann des Turniers.»

Und auf wen soll Deutschland treffen? «Spanien», antwortet Tami, «das ist eine Mannschaft, die über enorm viel individuelle Klasse verfügt.» Und eines würde ihn am Ende nicht überraschen: Wenn die Geschichte 2019 enden würde wie 2011 – mit einem spanischen Triumph.

pmb.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt