Andorra: Die Oase für Fussballmuffel

Am Montag tritt die Schweiz in der WM-Qualifikation beim Fussballexoten Andorra an. Das Duty-Free-Einkaufsparadies kommt nicht nur wegen seiner Berge und Briefkastenfirmen wie eine Mischung aus der Schweiz und Liechtenstein daher.

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Wenigstens die Anreise hört sich nach ganz grossem Fussball an. Wer nach Andorra reisen will, fliegt nach Barcelona: Neymar, Messi, Suarez, Nou Camp. Die rund dreistündige Fahrt ins Minifürstentum zwischen Spanien und Frankreich führt, wer diesen Weg nehmen will, über Guardiola (de Bergueda), bald ist man in den Pyrenäen, im Einkaufsparadies Andorra. 468 Quadratkilometer Fläche, knapp 78'000 Einwohner, Exot unter den Fussballexoten, Rang 203 in der Fifa-Weltrangliste, ge­meinsam mit den Britischen Jungferninseln.

Andorra ist eine Oase für Fussballmuffel. In den allermeisten der 210 Fifa-Mitgliedsländer ist Fussball Nationalsport, Andorra muss die Ausnahme sein. Als offizielle Nationalsportarten gelten Rugby und Rollhockey, wo das Ländlein mal Weltklasse darstellte. Aber wer spielt schon Rollhockey?

Sonst kennt man Andorra als Skidestination und von strengen Tour-de-France-Etappen, letztmals vor drei Mo­naten. «Fussball», sagt der An­gestellte im Tourismusbüro hier, «Fussball spielt bei uns keine Rolle.» Der Ligabetrieb ist überschaubar, früher wurden wegen Platzmangel alle Partien in den zwei vorhandenen Arenen aus­getragen, der FC Andorra spielt ohnehin in Spanien.

468 Quadratkilometer Fläche, knapp 78'000 Einwohner, Exot unter den Fussballexoten, Rang 203 in der Fifa-Weltrangliste, ge­meinsam mit den Britischen Jungferninseln.

Profis gibt es kaum, die Nationalmannschaft ist eine bessere Feierabendtruppe, und als sie vor wenigen Tagen in Portugal 0:6 verlor, meinte Trainer Koldo Alvarez: «Nachdem Cristiano Ronaldo schon nach vier Minuten zwei Tore erzielt hatte, rechnete ich mit dem Schlimmsten.»

Man kann sich die Frage stellen, ob es sinnvoll ist,dürfen sich Andorra, San Marino, Gibraltar und Liechtenstein mit den Branchenriesen messen. Cristiano Ronaldos Torquote profitiert davon, vielleicht heute auch jene von Haris Seferovic, wenn die Schweiz in der andorranischen Hauptstadt La Vella zur Straf­aufgabe in dieser WM-Qualifi­kation antreten muss.

Andorra besass 1960 erst knapp 8000 Einwohner, mittlerweile sind es rund zehnmal so viel, aber noch immer viel zu wenige für eine kompetitive Auswahl – zumal die Hälfte aus dem Ausland stammt. Und anders als Katar im Handball kann sich das reiche Andorra auch nicht einfach so ein paar Kickergrössen angeln.

Die Einbürgerung ist kompliziert, der Fussballer müsste zwanzig Jahre im Staat leben, eine Andorranerin heiraten oder hier studiert haben. Das ist beinahe weniger realistisch als ein Sieg Andorras in einem Pflichtspiel. Erst einmal, vor genau zwölf Jahren gegen Mazedonien (1:0), gelang das.

Es ist also nicht einfach, Andorraner zu werden.1Sonst aber sieht man es hier mit den Regularien nicht so eng, die Öffnungszeiten beispielsweise sind äusserst li­beral, die Schnäppchenangebote gewaltig, die Preise allgemein tief. Das lockt viele Touristen an, rund zehn Millionen im Jahr, die meisten bleiben einen Tag, das genügt.

Im Duty-Free-Paradies gibt es jede Menge Outlets, auch Alkohol und Nikotin wird steuergünstig vertrieben, vermutlich gibt es kein Land mit einer derartigen Dichte an Zigaretten­werbung.

Im Duty-Free-Paradies gibt es jede Menge Outlets, auch Alkohol und Nikotin wird steuergünstig vertrieben, vermutlich gibt es kein Land mit einer derartigen Dichte an Zigaretten­werbung. An der Grenze zu Spanien steht sogar ein schmuckes Tabakmuseum. Andorra ist – nicht mehr so stark wie früher – auch ein Land der Briefkasten­firmen und eine Steueroase.

Man fühlt sich als Schweizer also fast wie zu Hause, und dies nicht nur, weil Max Frisch das Drama «An­dorra» schrieb. Andorra ist eine Art Mischung aus Liechtenstein und der Schweiz, steile Felswände begrenzen das Tal auf beiden Seiten, man kann im Winter Skifahren und im Sommer steile Passstrassen hochradeln.

Aber wir sind ja wegen des Fussballs hier.Das macht einen automatisch zum Sonderling hier. Eine kleine Umfrage unter rund zwei Dutzend Menschen ergibt am Sonntagnachmittag ein er­nüchterndes Resultat. Keiner weiss vom bevorstehenden Auftritt der Schweizer am Montagabend. Niemand interessiert sich für das Nationalteam, einige für Fussball. «Barcelona!» lautet dann die Standardantwort. Das Nou Camp und Neymar, Messi, Suarez sind ja nicht fern.

Nicht einer jedoch kennt einen Schweizer Fussballer, jemand nennt ­Zlatan Ibrahimovic. Schweiz und Schweden, der Klassiker. An­dorra, so lautet vielleicht der Trost, kann im Ausland gar nicht verwechselt werden, weil kaum jemand das Land kennt. So schnell wird die Suche nach Fussball in der Hauptstadt La Vella aber nicht aufgegeben.

In den zahllosen Sportläden hängen selbstredend viele Shirts, vor allem von Barcelona. Selbst auf Nachfrage aber ist es ein Ding der Unmöglichkeit, ein andorranisches Trikot zu erstehen. Schade. Es hätte sich wegen seiner Ex­klusivität im Training zu Hause vorzüglich tragen lassen.

Vielleicht gibt es ja heute eines zu kaufen im Estadi Nacional d’Andorra,sehr britisch mitten in einem Wohngebiet gelegen. Schliesslich ist der Platz im Ge­birge begrenzt. Mit einer Kapazität von knapp 3300 Plätzen ist es dreissigmal kleiner als das Nou Camp, besitzt einen Kunstrasen, aber nicht auf jeder Seite eine Tribüne. Warum auch?

Es will ja doch kaum einer den Fussballoberzwerg kicken sehen. Seit 2010 hat Andorra in 47 Länderspielen sieben Tore geschossen, drei Remis erreicht (zweimal 0:0 gegen Aserbeidschan, 1:1 gegen Moldawien), aber immerhin nie höher als 0:6 verloren. In den insgesamt 136 Länderspielen seit 1996 schoss die Auswahl erst dreimal mehr als ein Tor und holte drei Siege.

Würde die Schweiz heute verlieren, es wäre die Urgrossmutter aller Blamagen.Ein Vergleich mit dem heutigen Kontrahenten aber gewinnt Andorra, dessen faktische Gründung auf 1278 zurückgeht. Das war dreizehn Jahre vor dem Schweizer Bundesbrief.

Ein Vergleich mit dem heutigen Kontrahenten aber gewinnt Andorra, dessen faktische Gründung auf 1278 zurückgeht. Das war dreizehn Jahre vor dem Schweizer Bundesbrief.

Unabhängig ist Andorra erst seit 1993, es ist das einzige Land der Welt mit zwei ausländischen Staatsoberhäuptern: dem spanischen Bischof von La Seu d’Urgell, Monseigneur Joan En­ric Vives i Sicilia, sowie dem ­französischen Staatspräsidenten François Hollande. Ihr Amt be­sitzt repräsentativen Charakter, der Regierungschef regelt die Ge­schäfte. Dieser heisst sinnigerweise Antoni Marti Petit, was perfekt zum Kleinststaat passt.

Die Amtssprache Andorras ist Katalanisch.Das wiederum er­innert den Fussball-Aficionado sofort ans Nou Camp, an Neymar, Messi, Suarez. Und vielleicht auch an Andres Iniesta. Der kleine Passgenius Barcelonas wirbt in einem Schaufenster in der andorranischen Hauptstadt La Vella für Matratzen.

Der stille, schüchterne Iniesta ist eine ausgezeichnete Wahl im Land mit einer der niedrigsten Fertilitätsraten weltweit. Dort liegt An­dorra mit einem Wert von 1,39 geborenen Kindern pro Frau auf Rang 212 von 224 Ländern. Fast wie in der Fifa-Weltrangliste. Im Fussball-Schlafstandort ist Iniestas Auftritt als Matratzenwerbefigur ohnehin massgeschneidert.

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