Ausgerechnet Nuhu

Trotz ausgezeichneter Leistung verlieren die Young Boys das Hinspiel der Champions-League-Playoffs gegen ZSKA Moskau 0:1. Der überragende Kasim Nuhu fabriziert in der 91. Minute ein kurioses Eigentor.

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Fabian Ruch

ZSKA Moskau gelingt am Dienstagabend in Bern vermutlich ein Weltrekord. Null Torchancen und vielleicht zwei Ausflüge über die Mittellinie ab der 49. Minute – aber ein Torerfolg! Die Nachspielzeit ist gerade angebrochen, als der rund 25. ZSKA-Befreiungsschlag vor dem YB-Strafraum aufsetzt. Kasim Nuhu köpfelt einmal zu kurz zurück, er köpfelt ein zweites Mal zu weit zurück – und hebt den Ball über David von Ballmoos. Der Goalie hechelt verzweifelt zurück, versucht zu klären – und landet wie ein Gefangener im Tornetz.

Das unglaubliche Eigentor von Nuhu in der 91. Minute. Quelle: SRF

Ausgerechnet Nuhu, zuvor mit einer formidablen Leistung im Weltklassebereich unterwegs, mutiert kurz nach 22.30 Uhr zum Unglücksraben. Die Young Boys verlieren das Hinspiel der Champions-League-Playoffs gegen ZSKA Moskau trotz ausgezeichneter Leistung 0:1. Es ist auf einmal sehr ruhig im Stade de Suisse.

Starker YB-Start

Den wunderbaren Sommerabend verbrachten Tausende Zuschauer noch bis kurz vor Spielbeginn rund ums Stadion, erwartungsvoll und gut gelaunt. Und drinnen entwickelte sich in feierlicher Stimmung ein umkämpftes Ringen. Die muskelbepackten Akteure auf beiden Seiten setzten ihre Körper lustvoll ein, Freunde von gehobener Spielkunst kamen vorerst nicht auf ihre Kosten. Aber es war schnell, intensiv, umstritten, zunächst mit klaren Vorteilen für ein couragiertes YB.

Nach rund zehn Minuten und zwei, drei halbwegs gefährlichen Schüssen allerdings wichen die Gastgeber ein paar Meter zurück, das Geschehen verlagerte sich ins Mittelfeld, wo bei den Young Boys Leonardo Bertone und Yoric Ravet spielten – und nicht Djibril Sow und Christian Fassnacht. Trainer Adi Hütter hatte sich für eine Champions-League-Aufstellung entschieden, mit Routine, Tempo, Härte im Team.

Obwohl ZSKA defensiv – mit mehreren Verteidigern mit Kampfsportmassen – keineswegs einen unwiderstehlichen Eindruck hinterliess, offenbarten sich für kurze Zeit die Vorzüge der eingespielten Equipe. Rasant und ohne Schnickschnack überbrückten die Gäste das Feld, mit technisch herausragenden Akteuren wie Alan Dsagojew und Aleksandar Golowin.

Mitte der ersten Halbzeit gestaltete ZSKA das Geschehen sogar leicht überlegen, mit zwei, drei für die Young Boys brenzligen Situationen. Doch der Ball rollte günstig für die Berner, was 100 Meter entfernt auf der anderen Seite nicht der Fall war. Ausgerechnet Miralem Sulejmani, Feinfuss mit Kopfballschwäche, stand bei zwei Flanken mutterseelenallein wenige Meter vor dem Tor – und verfehlte das Ziel. Kurz darauf musste der Serbe nach einem Zusammenprall minutenlang am Kopf gepflegt werden, was die Angriffsoptionen seines Teams massiv beschnitt.

Nach dem Seitenwechsel allerdings stürmten die Young Boys vor 20 000 Zuschauern, als gelte es, einen 1:3-Rückstand aus dem Hinspiel aufzuholen. Sie griffen forsch und frech an, mit Mut und Matchplan, oft über die Flügel, manchmal mit Steilpässen auf Roger Assalé. Der Ivorer, einen Kopf kleiner als seine Gegenspieler, beschäftigte die ZSKA-Hünen, im Abschluss allerdings sündigte auch er. Zu zögerlich, zu kompliziert, zu ungenau schloss Assalé ab. Wenig präzis gerieten auch die vier Schüsse von Leonardo Bertone in kurzer Zeit.

Akinfejews Grossparade

Man erhielt in der zweiten Hälfte den Eindruck, Champions-League-Stammgast sei nicht ZSKA Moskau. Sondern YB. Auch Torjäger Guillaume Hoarau kam zu zwei grossen Möglichkeiten. Einmal verpasste er mit dem Kopf, das andere Mal zwang er Torhüter Igor Akinfejew in der 79. Minute zu einer sensationellen Parade, wie sie das Stade de Suisse selten gesehen hat. Hoarau lenkte einen Benito-Schuss blitzschnell ab, verlor aber das Duell der Superreflexe gegen Akinfejew.

Es war eine vorzügliche, reife Vorstellung der Young Boys mit herausragenden Protagonisten. Wie Nuhu, der sich mit Zweikampfstärke, Frechheit und Spielfreude 91 Minuten lang für höhere Ligen empfahl. Oder Loris Benito, der nach verhaltener erster Halbzeit aufdrehte und Hereingaben am Fliessband produzierte. Oder Kevin Mbabu, Benitos Aussenverteidigerpendant auf rechts, der unermüdlich rauf und runter rannte und Eckball um Eckball herausholte. Allein: Keiner der Corner führte wegen der ZSKA-Lufthoheit zu Gefahr. Die Stärke des russischen Spitzenteams bei Standardsituationen ist gefürchtet. Im Rückspiel in einer Woche dürfte der Favorit zu einigen Eckbällen und Freistössen in YB-Strafraumnähe kommen. Nicht nur Kasim Nuhu wird gefordert sein. Bis in die Nachspielzeit.

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