Barças Verzweiflung

Am Freitag ist die spanische Liga in die neue Saison gestartet. Die Verhältnisse an der Spitze scheinen so klar wie lange nicht mehr.

Ernüchtert: Lionel Messi und Barca wurden im Supercup vorgeführt.

Ernüchtert: Lionel Messi und Barca wurden im Supercup vorgeführt.

(Bild: Keystone)

Dominic Wuillemin

Am Mittwochabend spät während der ersten Halbzeit des Rückspiels des spanischen Supercups liess Real einmal fast eine Minute lang den Ball laufen, drei aufeinanderfolgende Hackenpässe inklusive. Das Publikum johlte bei jedem Zuspiel, die bemitleidenswerten Barça-Akteure wurden vorgeführt.

Es stand da zwar erst 1:0 für das Heimteam. Aber es war ein Klassenunterschied ersichtlich. Der FC Barcelona, der dominanteste Klub des letzten Jahrzehnts, hatte einen neuen Tiefpunkt erreicht. Es war eine Demütigung.

Nach dem Final, den Real mit einem Gesamtskore von 5:1 gewann, stand Lionel Messi gedankenversunken am Spielfeldrand. Er wirkte erschüttert, desillusioniert. Seinen im nächsten Sommer auslaufenden Vertrag hat er trotz anderslautenden Ankündigungen immer noch nicht verlängert.

Spielt Messi gar mit dem Gedanken, den Klub nach 18 Jahren zu verlassen? Barça ohne Messi, Messi ohne Barça, es ist eigentlich unvorstellbar. Aber das war bis vor kurzem auch, dass ein Klub 222 Millionen für einen Spieler bezahlen würde. Bis Paris St-Germain kam und Neymar von Barça wegkaufte.

Extensives Shopping

6 Jahre ist es her, da befand sich der FC Barcelona auf dem Höhepunkt. Im Final der Champions League wurde Manchester United 3:1 besiegt, mit Trainer Pep Guardiola, einer Vereinsikone, mit sieben Spielern in der Startaufstellung, die aus dem eigenen Nachwuchs stammten, mit einem unwiderstehlichen Kurzpassfussball, genannt Tiki-Taka.

Barça war weltweit der Vorzeigeklub, eine Marke, von überallher reisten Fussballvertreter an, um die sagenumwobene Juniorenakademie «La Masia» zu besichtigen, sich inspirieren zu lassen. Jetzt ist sogar der Nachschub aus dem Nachwuchs versiegt.

Zuletzt schaffte es kaum noch ein Spieler nach oben. Und die, denen der Schritt gelang, haben nicht nachweisen können, den hohen Ansprüchen zu genügen. Stattdessen kaufte der Klub extensiv ein, ohne erkennbares Konzept. Abgänge wie die der Klublegende Xavi Hernandez konnten nicht wettgemacht werden, Xavis designierter Nachfolger Thiago Alcántara wurde für nur 25 Millionen Euro an Bayern verkauft.

Etliche der teuren Zugänge wie Paco Alcácer und André Gomes enttäuschten. Diese Woche wurde der 29-jährige Brasilianer Paulinho für 40 Millionen aus China verpflichtet. Das Geschäft sorgte bei grossen Teilen des Anhangs für Unmut, in der Fachwelt für Erstaunen.

Exquisites Kader

Seit 2014 hat der FC Barcelona 415 Millionen für Zugänge ausgegeben, Real Madrid derweil 270 Millionen. Wer das Geld geschickter investierte, zeigte der Supercup in aller Deutlichkeit. Barça machte einen erschreckend durchschnittlichen Eindruck, es war auf Einzelleistungen von Messi und Luis Suarez angewiesen, der sich zu allem Übel auch noch verletzte und den Saisonstart verpasst.

Real do­minierte ohne den gesperrten ­Ronaldo, ohne den geschonten Gareth Bale, ohne den zuletzt überragenden Isco. Und die Zweikampfmaschine Casemiro wurde erst eingewechselt, als der Final längst entschieden war. Stattdessen glänzte im Mittelfeld der 23-jährige Matteo Kovacic, in der Offensive der 21-jährige Marco Asensio. Der Spanier war 2015 für gerade einmal 3,5 Millionen Euro von Mallorca gekommen, er hat das Potenzial zum Weltstar.

Real vereint auf etlichen Positionen mit die besten Spieler des Globus. Dahinter warten hoch begabte Jünglinge auf ihre Chance. Trainer Zinedine Zidane gelingt es offensichtlich mühelos, das exquisite Kader zu moderieren. In 19 Monaten als Trainer der Königlichen hat er so viele Titel gewonnen wie Spiele verloren (7). Die Stärkeverhältnisse in Spanien scheinen bei Saisonstart so klar wie lange nicht mehr.

Nach der Niederlage im Supercup trat Barças Generalmanager Pep Segura vor die Kameras des katalanischen Senders TV3. Er versicherte, der Klub sei nahe dran, Liverpools Philippe Coutinho und Dortmunds Ousmane Dembélé zu verpflichten. Seither hat sich nichts getan, beide Klubs möchten nicht verkaufen. Und wenn überhaupt, nur für weit über 100 Millionen Euro.

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke meinte gegenüber dem «Kicker», Barcelona sei dem Wunsch, Dembélés Transfer zu realisieren, bisher keinen Millimeter näher gekommen. Und dann sagte er zu den Äusserungen von Segura: «Was er erzählt, kann ich mir nicht erklären. Und wenn, dann nur dadurch, dass Real Madrid sein Team im Supercup schwindlig gespielt hat.»

Berner Zeitung

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