«Bei der Diplomatie fängt die halbe Lüge an»

René Weiler sagt, was er denkt, und schafft sich so auch Feinde. In vielem, was er tut, ist der Trainer des FC Luzern von seinem Vater geprägt.

René Weiler will beim FC Luzern viel bewegen. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

René Weiler will beim FC Luzern viel bewegen. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Sind wir für Sie ernst zu nehmende Gesprächspartner?
Je nachdem… (schmunzelt). Sie haben vielleicht einen Blickwinkel, der inspirierend sein kann.

Sie stellen ja Ansprüche. Einmal sagten Sie sinngemäss: «Im Fussball reden viele mit, die nullkommanull Ahnung haben.»
Nullkommanull ist zwar hart, aber ja, es kommt der Wahrheit halt nahe. Ich tue mich schwer mit oberflächlichen Einschätzungen von Leuten, die kaum Trainings gesehen haben, die Fakten und Dialoge nicht kennen. Die nur die Tabelle anschauen und sagen: «Der Trainer macht doch fast alles verkehrt!» Da frage ich mich: Wie kann sich jemand ein solches Urteil erlauben?

Tun Sie sich grundsätzlich schwer mit anderen Ansichten?
Nein. Ich höre gut zu, aber ich beuge mich nicht dem Willen meines Gegenübers oder des angeblich Mächtigen, wenn ich weiss, dass er falsch liegt. Und ich erwarte, dass kompetent berichtet wird. Ich erlaube mir auch nicht, einen Arzt eines Besseren zu belehren. Sonst fragt er mich zu Recht: Hast du Medizin studiert? Aber im Fussball darf jeder mitreden und urteilen. Doch darf ich Sie etwas bitten?

Nur zu.
Man kann mich so darstellen, dass einige Leute mich überhaupt nicht mögen. Aber man kann auch sagen: Der Weiler ist direkt. Er sagt, was er denkt, und verstellt oder verkauft sich nicht.

Es kann Sie aber kaum verwundern, dass Sie mit Ihrer direkten Art zuweilen anecken.
Das mag sein. Aber muss eine Person, die Fussballer leiten, führen und besser machen muss, bequem sein? Nein. Fähig und fair muss sie sein. Führen bedeutet nach meinem Verständnis nicht, andere so zu behandeln, dass es für sie angenehm ist. Es bedeutet vor allem, die Menschen so zu behandeln, dass sie sich entwickeln.

Schadet Ihnen Ihre Kompromisslosigkeit auch?
Ja, es sind deshalb schon Feindschaften entstanden. Aber ich handle stets aus Überzeugung. Wenn ich nicht ständig sage, was das Gegenüber hören will, bin ich anscheinend schon schwierig und kompliziert. Viele entscheiden sich für Freundschaftskompromisse. Mir ist geistige Unabhängigkeit wichtiger.

Das müssen Sie erklären.
In der Regel können es sich nur vermögende Leute ohne Existenzängste leisten, das zu sagen, was sie denken. Ich machte mir aber genau das schon früh zur Gewohnheit, obschon ich kaum etwas auf dem Konto hatte.

Als junger Sportchef in St.Gallen liessen sie sich auf ein Rededuell mit dem damaligen Sponsor Edgar Oehler ein – ausgetragen via Zeitungen.
Ja, zum Beispiel, weil er mich nicht einmal persönlich konfrontierte. Aber darüber möchte ich nicht mehr reden.

Wir schon. Oehler hat damals gesagt, die Vereinsführung solle Sie nicht mehr als Sportchef, sondern als Papierkorbleerer beschäftigen. Gemessen daran, haben Sie es weit gebracht.
Die Geschichte möchte ich trotzdem nicht mehr aufwärmen. Wissen Sie, was mich stört?

Sagen Sie es uns.
Es gibt viele Möglichkeiten, Mitmenschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Ich bevorzuge ehrliche Kommunikation anstelle von Überzeugungstaktiken. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich es der betreffenden Person ins Gesicht.

Wer hat Sie in Ihrem Denken am stärksten geprägt?
Mein Vater. Er hat uns Kinder sehr früh in die Verantwortung genommen, wir lernten, nicht immer alles auf die anderen abzuschieben. Ich merke, dass viele gern verantwortlich wären und sich im Erfolg sonnen. Aber wenn sie wirklich da sein müssten, machen sie sich unsichtbar. Bis jetzt habe ich überall, wo ich war, Verantwortung getragen und den Kopf hingehalten. Von einer Führungsperson erwarte ich, dass sie auch in schwierigen Situationen präsent ist.

Wären Sie manchmal trotzdem gern diplomatischer?
Bei der Diplomatie fängt doch die halbe Lüge an. Ich will meiner Linie treu bleiben. Es ist meine Verantwortung als Führungsperson, nicht nur den Spieler, sondern auch den Menschen weiterzubringen. Damit er lernt, Konflikte auszutragen, damit er sich getraut, sich zu äussern oder einen Kollegen auf einen Fehler hinweist. Dauerhafte Harmonie bedeutet im Spitzensport Stillstand.

Sie haben unlängst gesagt: «Unsere Mannschaft ist mittelmässig.» Ist das konstruktiv?
Ganz genau sagte ich: «Zurzeit ist unsere Mannschaft mittelmässig.» Das ist ein Unterschied. Doch drehen wir es um. Ich sage: «Wir haben eine Topmannschaft.» Was passiert dann?

Dann heisst es: Was ist in Weiler gefahren?
Eben. Wenn mein Sohn öfters Vierer aus der Schule heimbringt, kann ich ihm sagen: Du bist mittelmässig, vielleicht sogar ungenügend. Oder ich kann sagen: Du bist stark, die Prüfungen sind ein Mist, bei dieser Lehrerin lernst du nichts, deine Eigendisziplin ist super… Gehts eigentlich noch?

Trotzdem: Die Spieler dürften wenig Freude haben, wenn sie von Mittelmass lesen.
Nein, aber ich sagte ja nicht, dass es bei diesem Zustand bleiben wird. Wir streben gemeinsam als Team mehr an. Es liegt nur an uns, die Situation zu verbessern. Kritik ist das Mittel, das zur Verbesserung führt. Eigene Erfahrungen haben mir das gezeigt.

Erzählen Sie.
Als ich beim FCZ spielte, wurde ich wegen einer Verfehlung für eine Woche in den Nachwuchs verbannt und bestritt dort ein Spiel. Mein Vater sagte hinterher, er schäme sich für mich und meine lustlose Leistung. Ich wollte ihm erklären, das es mit diesem und jenem schwachen Mitspieler zusammenhänge. Er antwortete: «Das interessiert mich nicht. Es geht nicht um andere. Du musst anders auftreten.» Das nahm ich mir zu Herzen.

Sie hatten als Trainer Erfolg in Schaffhausen, stiegen mit Aarau auf, machten aus Nürnberg einen Kandidaten für die 1. Bundesliga, wurden Meister mit Anderlecht. Wieso sind Sie jetzt trotzdem nur in Luzern?
Es gab kein konkretes Angebot aus der Bundesliga als Cheftrainer. Vielleicht vermarkte ich mich auch zu wenig. Und wenn ich sage, eine Mannschaft steht in der Tabelle da, wo sie es verdient, übertrage ich das auf mich: Ich habe das, was ich verdiene, und ich bin zufrieden damit.

Luzern ist bekannt dafür, dass viele mitreden und Einfluss nehmen wollen – vor allem auch in Bezug auf den Trainer.
Es ist ganz einfach: Wenn mich die Verantwortlichen nicht mehr wollen, werden sie es mir schon sagen. Dann habe ich das zu akzeptieren und bringe den Schlüssel zurück. Ich bin aber überzeugt, dass wir in Luzern noch einiges bewegen können.

Gibt es Trainer, die Ihnen imponieren?
Ganz viele! Lucien Favre zum Beispiel, er ist kein Selbstdarsteller. Oder Jeff Tomlinson, der Eishockeytrainer von Rapperswil-Jona. Er realisierte einen sensationellen Aufstieg. Jetzt gewinnt das Team nur selten, aber Tomlinson ist immer noch der gleiche Trainer mit sehr vielen Qualitäten. Das Problem ist halt, dass er für die höchste Liga weniger Potenzial im Kader hat.

Sie hätten Favres Assistent in Dortmund werden können. War Ihnen das zu wenig?
Nein. Ich würde sehr gern mit Favre arbeiten. Aber das Gesamtpaket stimmte für mich nicht.

Wieso?
In erster Linie familiär bedingt.

Was reizte Sie an Luzern?
Ich bin zufrieden, wenn ich etwas entwickeln und mich einbringen kann beim FC Luzern.

Und wenn Ihnen die Ideen ausgehen, um den Club besser zu machen?
Ich verfüge schon über Drive. Wenn ich aber zu oft auf Widerstand stosse und ausgebremst werde, wäre das nicht förderlich.

In der Vergangenheit haben Sie die Konsequenzen gezogen und sind zurückgetreten – in Aarau beispielsweise. Kann es in Luzern genauso kommen?
Sie können diese Fälle nicht vergleichen, sie sind zu unterschiedlich. Ich war in Aarau an einem Punkt angekommen, an dem ich das Gefühl hatte, mehr sei nicht möglich – auch weil der Club und ich unterschiedliche Ansprüche hatten. In Luzern bin ich erst vier Monate, ich habe einen Dreijahresvertrag und bin überzeugt, dass wir viel bewegen können.

Wie viel, ist die Frage. YB und Basel bewegen sich in anderen Dimensionen.
Fehlt das grosse Geld, muss es uns gelingen, in anderen Bereichen Bestwerte zu erreichen: beispielsweise in der Infrastruktur, beim Personal, bei der Nachwuchsarbeit oder im Marketing. Das Ziel sollte es auch sein, von Halbjahr zu Halbjahr stärker zu werden, die besten Spieler länger halten zu können und jene, die nicht genügen, abzugeben.

Ihr Team steht auf Rang 7. Wenn Sie gut sind, müsste es bald aufwärtsgehen. Ach ja? Der Einfluss des Trainers ist paradoxerweise gross – und gleichzeitig eingeschränkt. Die Tabelle allein lasse ich als Gradmesser für die Arbeit eines Trainers aber nicht gelten. Sportlicher Erfolg ist vor allem auch vom Budget und Spielerpotenzial abhängig.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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