«Und dann schlagen sie zu»

Das Leicester-Märchen nimmt kein Ende. Ein Stürmer aus der Premier League erklärt, was den Aussenseiter so stark macht.

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Exakt ein Jahr ist es her, da sah es für den damaligen Aufsteiger Leicester City in der Premier League düster aus. Die Foxes standen als Schlusslicht da, sieben Punkte hinter einem Nichtabstiegsplatz, bevor sie sieben der letzten acht Spielen gewinnen und somit die Klasse halten konnten. Heute, sechs Runden vor Schluss, führt Leicester die Tabelle mit sieben Punkten Vorsprung auf Tottenham Hotspur an.

«Innenverteidiger der alten Schule»

Wie konnte das Team mit einem vergleichbaren Marktwert wie Abstiegskandidat Crystal Palace sich derart steigern? Eine Erklärung liefert Watford-Stürmer Troy Deeney. In der Sportsendung «Match of the Day 2» in der BBC analysierte er den Gegner, auf den er in dieser Saison zweimal getroffen ist, detailliert.

Ein Loblied sang Deeney gleich zu Beginn auf den deutschen Innenverteidiger Robert Huth: «Ich habe gegen jeden Abwehrspieler der Premier League gespielt, und Huth ist der härteste von allen.» Der ehemalige Chelsea-Profi lasse einen gleich zu Beginn des Spiels mit ein paar harten Tacklings seine Präsenz spüren. «Huth ist wie sein Abwehrpartner Wes Morgan, gegen den ich mir schon mehrmals in der zweiten Liga harte Duelle lieferte, ein Innenverteidiger der alten Schule.»

Trashtalk, also Provokationen des Gegners, sind bei Morgan und Huth allerdings kaum ein Thema – dafür bleibt mehr Redezeit untereinander: «Die Leicester-Spieler sind im permanenten Dialog, von vorne bis hinten. Das ist einer der Gründe, weshalb sie so gut organisiert sind in der Defensive.»

Der Arbeitsbereich von Kanté gegen Southampton. Quelle: BBC

Ein nahezu unüberwindbares Zentrum komplettieren die lauffreudigen Danny Drinkwater und insbesondere der französische Senkrechtstarter N’Golo Kanté. Der Franzose, im Sommer von Caen nach Leicester gewechselt, stellt mit 139 Tacklings den Höchstwert der fünf europäischen Topligen.

«Kanté ist einfach überall. Nicht nur gegen uns, sondern in jedem Spiel, das ich bisher von ihm gesehen habe», so Deeney und schob nach: «Wenn du am Ball bist, weisst du niemals woher, aber du weisst mit Sicherheit: Er kommt. Also versuchst du den Ball schnellstmöglich loszuwerden.» Darunter leidet mitunter natürlich auch die Präzision. Sein Loblied auf den 25-Jährigen schloss Deeney mit der Erkenntnis: «Ein grosses Problem ist schon, an Kanté vorbeizukommen. Noch schwieriger ist es aber, ihn hinter dir zu lassen. Er ist in dieser Saison der beste Mittelfeldspieler der Premier League.»

«Sie wollen, dass du dich überlegen fühlst»

In Anbetracht des ziemlich mühsamen Weges durch die Mitte scheint die Lösung für Leicesters Gegner einfach: Angriffe über aussen. Tatsächlich laden die Foxes dazu ein, über die Flügel zu kommen: 341 Flanken liess Leicester in den vergangenen 16 Spielen zu – mit Abstand der höchste Wert. «Das ist Teil von Ranieris Taktik. Denn im Zentrum bist du gegen Morgan und Huth sowieso nahezu chancenlos, und auch die Aussenverteidiger Danny Simpson und Christian Fuchs sind ausserordentlich kopfballstark», erklärt Deeney. Im Gegensatz zu den meisten anderen Teams ist der Überraschungsleader also auch auf dem zweiten Pfosten gut besetzt – deshalb enden fünf von sechs Flanken in einer Balleroberung.

Indirekt gehört diese Taktik gar zu Ranieris Angriffsstrategie, denn diese basiert weiterhin auf Konterfussball. Deeney: «Leicester gehört zu den Teams, die wollen, dass du dich überlegen fühlst. Sie warten darauf, bis du aufrückst, denkst, du dominierst das Spiel, und dann schlagen sie zu.» Auch am vergangenen Wochenende beim 1:0-Heimsieg gegen Southampton war Leicester dann am gefährlichsten, als der Gast seine beste Phase zu haben schien.

Und die Fussballer aus East Midland haben noch eine grosse Waffe: «Im Gegensatz zu anderen Stadien herrscht im King Power Stadium stets eine hervorragende Atmosphäre. Die Fans merken genau, wann das Team ihre bedingungslose Unterstützung braucht.» Mit nur einer Niederlage steht Leicester auch in der Heimtabelle zuoberst.

Dank seiner bescheidenen und ehrlichen Arbeit erhält das Sensationsteam aber auch von den gegnerischen Fans Support. Anerkennend schmetterten sie zuletzt voller Inbrunst: «You’re gonna win the league!»

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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