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Tami stellt sich vor die Secondos

Der Direktor des Nationalteams präsentiert seine Pläne für den Schweizer Fussball. Er macht sich für eine weltoffene Schweiz stark.

Florian Raz
Nationalmannschafts-Direktor Pierluigi Tami sprach am Donnerstag in Muri bei Bern erstmals in diesem Jahr zu den Medien.
Nationalmannschafts-Direktor Pierluigi Tami sprach am Donnerstag in Muri bei Bern erstmals in diesem Jahr zu den Medien.
Claudio de Capitani/freshfocus
Tami ging es zu Beginn des neuen Jahres vor allem darum, zu erklären, wie der Fussballverband mittlerweile aufgestellt ist, wie die einzelnen Kammern organisiert sind, welche Werte er vertreten und Visionen verfolgen soll.
Tami ging es zu Beginn des neuen Jahres vor allem darum, zu erklären, wie der Fussballverband mittlerweile aufgestellt ist, wie die einzelnen Kammern organisiert sind, welche Werte er vertreten und Visionen verfolgen soll.
Freshfocus (Claudio de Capitani)
Es gehe ihm und dem Verband im neuen Jahr aber auch darum, einen Schritt auf die Journalisten zuzumachen. Es solle mehr Pressekonferenzen geben «und wir wollen eine Whatsapp-Gruppe mit den Journalisten schaffen».
Es gehe ihm und dem Verband im neuen Jahr aber auch darum, einen Schritt auf die Journalisten zuzumachen. Es solle mehr Pressekonferenzen geben «und wir wollen eine Whatsapp-Gruppe mit den Journalisten schaffen».
Peter Schneider, Keystone
Seit seiner Vorstellung im Sommer 2019 hat Tami bei der Nationalmannschaft eine unruhige, intensive Zeit erlebt.
Seit seiner Vorstellung im Sommer 2019 hat Tami bei der Nationalmannschaft eine unruhige, intensive Zeit erlebt.
Peter Schneider, Keystone
Einerseits qualifizierte sich die Schweiz am Ende souverän für die EM 2020 im kommenden Sommer.
Einerseits qualifizierte sich die Schweiz am Ende souverän für die EM 2020 im kommenden Sommer.
Anthony Anex, Keystone
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Über eine halbe Stunde redet Pierluigi Tami bereits. Es geht um seinen Wunsch nach einem Ausbildungszentrum für alle Nationalteams, Talentmanager, Rasenqualität und sogar um das Gewicht des Gepäcks bei Flugreisen. Manchmal erinnert der Anlass an eine Vorlesung an der Universität. Aber plötzlich wird der Direktor des Schweizer Nationalteams für seine Verhältnisse richtiggehend emotional.

Auf einem Video sind Nationalspieler von vor 16 Jahren zu sehen. Es läuft die Hymne. Und die Spieler? Bewegen kaum die Lippen – nicht einmal Alex Frei, der sich selbst gern als Patrioten bezeichnet.

Tami sagt zu den Bildern aus der Vergangenheit und zu der in der Gegenwart immer wieder aufflammenden Diskussion um angeblich echte und weniger echte Nationalspieler: «Das Verhalten bei der Nationalhymne ist kein wirkliches Problem. Sie war es vor zwanzig Jahren nicht – und sie ist es auch heute nicht.»

Dann setzt der Tessiner zu einem Appell an. «Wir leben in einer diversen Gesellschaft. In einer Gesellschaft mit verschiedenen Hautfarben, Religionen, sexuellen Orientierungen und unterschiedlichen politischen Ansichten. Und wir als Nationalmannschaft repräsentieren alle. Ohne jemanden auszugrenzen, weil er anders ist.»

Eine späte Antwort auf Mieschers Frage

Es ist der kraftvollste Moment seines Auftritts. Und ein symbolischer. Schliesslich ist Tamis Vorgänger Alex Miescher darüber gestolpert, dass er nach der Doppeladler-Affäre an der WM 2018 in dieser Zeitung die Frage stellte: «Wollen wir Doppelbürger?» Es waren die folgenden Schockwellen im Schweizerischen Fussballverband, die zu Tamis Einsetzung Anfang Juli geführt haben.

Tamis Auftritt ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt wirkt wie eine späte, aber umso stärkere Antwort auf Mieschers Frage. Der neue Direktor der Nationalmannschaft stellt sich klar vor die Secondos im Team. Und er macht sich zugleich für eine weltoffene Schweiz stark.

«Identifikation funktioniert nicht über eine Hymne», sagt Tami, «sie funktioniert darüber, wie ich mich verhalte. Und wenn ich unsere Spieler auf dem Feld sehe, dann zeigen sie dort klar, dass sie sich mit dieser Mannschaft identifizieren.»

Sowieso macht sich Tami wenig Sorgen um die aktuelle Ausgabe des Teams: «Die nächsten vier Jahre kann diese Mannschaft ohne grössere Probleme bestehen.» Die Frage, die ihn stärker umtreibt, lautet: «Was kommt danach?»

Petkovic dürfte bleiben

Kurzfristig will Tami bis Ende Februar entscheiden, von welchem Trainerteam die Schweiz nach der EM 2020 betreut wird. Es scheint wenig gegen eine Vertragsverlängerung mit Vladimir Petkovic zu sprechen. Zumindest hat sich Tami mit keinem anderen Trainer getroffen. Zu den Gesprächen mit Petkovic sagt er: «Der Lohn ist ein wichtiges Thema. Aber nicht das einzige.»

Tami war unter anderem verpflichtet worden, um Petkovic zu führen. Und er soll den Nationaltrainer auf jenen Gebieten stützen, auf denen dieser seine Schwächen hat. Zum Beispiel in der Kommunikation gegen aussen – und teilweise auch gegen innen.

Tami war in seinem ersten Halbjahr auf diesem Gebiet durchaus tätig. Es ist etwa ein offenes Geheimnis, dass es seinen mehr oder weniger sanften Druck brauchte, um Petkovic auf seine Reise zu Xherdan Shaqiri nach Liverpool zu schicken. Aber in seiner ersten Zwischenbilanz redet Tami nicht über diese Dinge. Lieber zeichnet er das grosse Bild, geht dem Weg nach, den ein Schweizer Fussballer von seiner Juniorenzeit bis zu den Einsätzen in der Nationalmannschaft durchläuft.

Tami stellt besorgt fest, dass alle Auswahlen ausser dem A-Nationalteam regelmässig die Endrunden verpassen. Und dass die Super League im europäischen Ranking innerhalb von vier Jahren von Rang 11 auf Platz 20 abgerutscht ist. Das zusammen löst bei ihm die Befürchtung aus, die Schweiz könnte auf dem internationalen Markt ihren Ruf als hervorragendes Ausbildungsland verlieren.

Das wäre nicht nur für die Vereine der Super League ein Problem, die auf Transfereinnahmen angewiesen sind. Auch das Nationalteam wäre betroffen, weil es Spieler braucht, die in den fünf besten Ligen Europas Erfahrungen sammeln.

Konflikt um die U-Teams

Für Tami steht deswegen fest, dass die Junioren-Nationalteams künftig weniger der Ausbildung dienen und stattdessen stärker auf sportliche Erfolge getrimmt werden sollen. Was insofern interessant ist, als es innerhalb des Verbandes umstritten ist, wem die U-Auswahlen unterstellt sein sollen. Derzeit ist Tami nur für das A-Nationalteam und die U-21 zuständig.

Bei seiner Antrittsrede Anfang Juli sagte Tami den bemerkenswerten Satz: «Ich möchte niemanden stören.» Seine Visionen, die er ein halbes Jahr später vorstellt, werden tatsächlich niemanden im Verband nachhaltig verschrecken.

Und doch wirkt es so, als mache sich Tami über Dinge Gedanken, über die sich bislang beim Schweizerischen Fussballverband niemand den Kopf zerbrochen hat. Darüber etwa, wie mit Spielern umgegangen wird, die nach langen Jahren nicht mehr für das Nationalteam aufgeboten werden.

Dieser weite Blick kann einem Verband nicht schaden, der in den letzten Jahren im Krisenmanagement jeweils einen hilflosen Eindruck hinterlassen hat.

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