Das Warten auf Lichtsteiners Pension

Vor dem Final Four in Portugal drückt sich Petkovic vor einem klaren Wort.

«Ich spiele so lange, bis es mich verbläst»: Stephan Lichtsteiner. Foto: Urs Oeschger

«Ich spiele so lange, bis es mich verbläst»: Stephan Lichtsteiner. Foto: Urs Oeschger

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Auf der Strasse vor dem Hotel stauen sich die Autos. Im Hintergrund heben die Flugzeuge ab. Und im 7. Stock des Flughafenhotels in Kloten hält Vladimir Petkovic Hof. Der Nationalcoach gibt sich wieder einmal die Ehre, bevor er heute mit seinen Spielern nach Porto reist. Da spielt die Schweiz am Mittwoch gegen Portugal, es ist der Halbfinal des Final Four.

Es geht um einen Pokal, nicht den grössten im Fussball, weil nur die Nations League angesagt ist. Aber immerhin geht es um einen Titel, und von denen hat der Schweizer Verband erst zwei gewonnen: dank der U-17 an der EM 2002 und an der WM 2009. «Wir sind da, wo wir hinwollten», sagt nun Petkovic.

Als die Schweizer im vergangenen Herbst in die Nations League starteten, waren sie nur die Nummer 2 in ihrer Dreiergruppe: hinter Belgien, dem WM-Halbfinalisten. Schliesslich setzten sie sich als Gruppensieger durch, «dank des Wunderresultats gegen Belgien», sagt Petkovic in Erinnerung an das 5:2 von Luzern im November.

23 Spieler hat er für Portugal aufgeboten, Noah Okafor, vor ein paar Tagen erst 19 geworden, ist darunter das neue Gesicht. «Ich habe mir das verdient», sagt der Basler. Dafür fehlt ein anderer, und der ist nicht irgendwer im Schweizer Fussball. Das ist Stephan Lichtsteiner. «Unser Captain», wie Petkovic betont.

Es ist eine bemerkenswerte Personalie. Natürlich steht Lichtsteiner nicht mehr für die Zukunft, er ist im Januar 35 Jahre alt geworden. Und doch hätte ein Aufgebot für dieses Turnier ein Zeichen des Coachs sein können – ein Zeichen, die Verdienste eines Spielers zu würdigen, der 105-mal für die Schweiz im Einsatz stand.

Die ungenutzten Chancen

Petkovic hätte für ihn leicht einen Platz im Kader schaffen können. Allein durch die Tatsache, dass er einen Spieler mehr mitnimmt, was für den Schweizer Verband keine nachhaltigen Kosten verursacht hätte. Oder er hätte einen anderen Spieler daheim lassen können. Jacques-François Moubandje zum Beispiel, der in Toulouse seit Januar nur drei Einsätze hatte. Oder Michael Lang, der seit Anfang März keine Minute mehr gespielt hat für Mönchengladbach. Oder Loris Benito, der im März beim 3:3 gegen Dänemark in Basel während seines Einsatzes überfordert war.

Viele Möglichkeiten hätten sich Petkovic geboten. Er wollte keine davon ergreifen. Und er tat das mit dem Argument: «Lichtsteiner war nie für die Nations League aufgeboten.» Dabei ­gehörte Lichtsteiner zum Aufgebot, das zum Start dieses Wettbewerbs 6:0 gegen Island gewann. Er stand keine Minute weniger im Einsatz als Renato Steffen, der jetzt nach Porto reist. Oder Okafor, der Neuling. Djibril Sow kommt auch nur auf elf Minuten und Benito gar nur auf drei.

Was immer Petkovic an Erklärungen vorbringt, um Lichtsteiners Nichtnomination zu ­erklären: Überzeugend sind sie nicht. Seine Einsilbigkeit zu diesem Thema lässt jedenfalls den Schluss zu, dass es ihm nicht ­angenehm ist. So wenig eben, wie es ihm angenehm war, ­anderen verdienstvollen Spielern zu erklären, dass ihre Zeit im ­Nationalteam vorbei ist.

Nach der WM 2018 in Russland liess der Coach durchblicken, dass er nicht mehr auf Valon Behrami, Gelson Fernandes, Blerim Dzemaili und Johan Djourou setzen will. Zumindest fürs Erste, ­zumindest mit der schwammigen Formulierung, er wolle im Herbst der Nations League andere Spieler testen. Behrami erklärte darauf emotionsgeladen seinen Rücktritt. Das stand nicht für Petkovics kommunikative Fähigkeiten. Fernandes erklärte seinen Abschied ruhig, Dzemaili Monate später ebenso, nur Djourou lässt seine Zukunft offen.

Lichtsteiners Traum

«Als Nationaltrainer kann ich die Spieler nicht in Pension schicken», sagt Petkovic. Er verzichtet erst dann auf einen Spieler, wenn der selbst den Verzicht erklärt oder im Club keine Einsätze mehr hat. Manchmal kommt ihm allerdings auch die Idee, einen Spieler einfach nicht mehr aufzubieten. Das ist bei Gökhan Inler bis heute der Fall. Inler wartet seit März 2016 auf sein 90. Länderspiel. Er war der Vorgänger Lichtsteiners als Captain des Nationalteams.

Lichtsteiner mag nicht aufhören, «meine Werte sind erstklassig», meldete er letzte Woche via Nachrichtenagentur SDA, «ich bin topfit». Er lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er noch ein Jahr anhängen will. Das wird nicht bei Arsenal sein. Sein Einjahresvertrag läuft jetzt aus, nachdem Lichtsteiner in 23 von 58 Spielen zum Einsatz kam.

Dass er nicht aufhören mag, überrascht nicht weiter. Sein Ehrgeiz und Charakter haben ihn überhaupt erst so weit gebracht. «Ich spiele so lange, bis es mich verbläst», sagte er im März, das war vor seinem Einsatz zum Start der EM-Qualifikation in Georgien. Drei Tage später wurde er geschont, dabei hätten seine Erfahrung und Cleverness sehr gut getan, um gegen Dänemark ein 3:0 über die Zeit zu bringen. Sein Stellvertreter an jenem Abend, Kevin Mbabu, besass sie nicht.

Im März wurde Lichtsteiner auch gefragt, ob es für ihn ein Ziel sei, den Rekord Heinz Hermanns von 118 Länderspielen zu übertreffen. «Es ist ein grosser Traum», antwortete er. Petkovic tut wenig, ihm diesen Traum zu erfüllen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt