Davide Callà, ein Fussballer-Leben für ein ganzes Buch

Dieser Mann hat im Kicker-Sport alles gesehen: Erfolg, Absturz, Tränen. Morgen spielt er mit Winterthur gegen «seinen» FC Basel.

Hier kann er sich wieder als «Fussball-Romantiker» fühlen: Davide Callà auf der Winterthurer Schützenwiese. Foto: Reto Oeschger

Hier kann er sich wieder als «Fussball-Romantiker» fühlen: Davide Callà auf der Winterthurer Schützenwiese. Foto: Reto Oeschger

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als Davide Callà vor Jahren einmal in einem Restaurant sass, einen Kaffee vor sich, hatte es auf dem Zuckerpäckchen einen Spruch. Er las ihn, nahm ihn auf und konnte sich in diesem Moment nicht vorstellen, dass er für ihn so treffend sein könnte.

Callà hat ein Leben fast für ein Buch hinter sich. So viel hat er schon erlebt. Und den Satz von damals würde für ihn als Titel dazu passen. Der wäre etwas lang, ja, sagt Callà, aber vielleicht würden sich die Leute denken: «Wer kommt auf so einen langen Titel? Was ist denn das für ein komisches Buch? Vielleicht würde es genau darum ein Bestseller.»

Der Satz, den er im Kopf hat, heisst: «Es gibt mehr Leute, die zu früh aufgeben, als solche, die scheitern.» Henry Ford sagte ihn so ähnlich, der grosse US-Autobauer.

Callà ist Fussballer. 34 ist er seit ein paar Tagen, er hat in all den Jahren so viel gelernt und gesehen, dass er Erfahrung genug hat, um auch in einem normalen Beruf zu bestehen. Er weiss um die absurden Auswüchse in seinem Sport, um Gehälter, die fern von Gut und Böse sind, um die Gier, die sowieso etwas vom Schlimmsten sei. Das Stadion ist zum Kolosseum geworden, Daumen rauf oder runter. Und wenn man den puren Sport sehen wolle, sagt er, müsse man Olympische Spiele schauen.

«Fussball bewegt mich»

Aber deshalb weg vom Fussball? Nein, will er nicht. «Fussball bewegt die Massen», sagt er, «Fussball bewegt mich.» Die integrative Kraft dieses Spiels fasziniert ihn.

Der Freitag ist ein schöner Herbsttag, als er auf der Winterthurer Schützenwiese sitzt und von seinem Leben erzählt, von Aufstieg und Abstieg, von Rückschlägen und Erfolgen. Fünf Tage sind es da noch bis zu diesem Spiel, das für ihn ein besonderes sein wird: der Cup-Achtelfinal morgen zwischen dem FC Winterthur und dem FC Basel.

Es geht nicht einfach um ein Wiedersehen mit dem alten Club, von dem er im Sommer nach Winterthur in die Challenge League wechselte. Es geht um ganz viele Emotionen. Winterthur, das ist der Ort, wo er sich als «Fussball-Romantiker» fühlen kann. Weil hier einst alles begann und seine Karriere eines Tages auch zu Ende gehen wird.

Und Basel, da war er viereinhalb Jahre, viermal Meister, einmal Cupsieger und auch Teilnehmer an der Champions League, «die ganze Geschichte ist fast ein filmreifes Märchen», sagt er.

Messi? Ronaldo? Baggio!

Gut, die letzte Saison in Basel war eine zum Vergessen, Raphael ­Wicky konnte mit ihm als Spieler nicht mehr viel anfangen. Er durfte noch genau 102 Minuten spielen. Zu seinem Abschied fand sich in der «Basler Zeitung» trotzdem ein Leserbrief: «Danke, Davide Callà, für alles, was Sie für den FCB geleistet haben. Typen wie Sie sterben im heutigen Fussball je länger, desto mehr aus.» Callà liest das auf einem Ausdruck nach. Und fragt, ob er ihn haben dürfe. Das Lob bedeutet ihm viel. Es ist für ihn die Bestätigung, dass er beim FCB nicht nur als Fussballer, sondern auch als Mensch geschätzt wurde.

Callà ist der Junge aus Winterthur-Seen, «Italia novanta», die WM von 1990, ist die erste, die er bewusst miterlebt. Mit dem Vater sitzt er vor dem Fernseher, sieht Baggio und Schillaci und rennt nach den Spielen der Italiener, seiner Italiener, raus auf den Parkplatz und spielt für sich alle Szenen nach.

Fussball hat er im Kopf, nichts als Fussball. Als die Italiener vier Jahre später in den USA den WM-Final wegen Baggios verschossenem Elfmeter verlieren, bricht für ihn eine Welt zusammen. «Was ich da geweint habe!» Wer ihn heute übrigens fragt, ob er für Messi oder Ronaldo sei, dem sagt er: «Für Baggio!»

Die Trainer spüren, dass Davide Callà etwas hat, das anderen fehlt: Sozialkompetenz.

Das Leben geht schnell weiter. Mit 17 in der U-21 des FCW, mit 18 Jahren und 5 Monaten Debüt für den FC Wil in der Super League, mit knapp 20 Cupsieger mit Wil und auch sein erster Abstieg. Es geht nach Genf, zu Servette, nach einem halben Jahr macht der Club Konkurs. St. Gallen holt ihn, bald ist er hier Captain, wie schon in der nationalen U-21. Seine Trainer spüren, dass er etwas hat, das anderen fehlt.

Die Schlagworte heute heissen: Sozialkompetenz, Empathie. Es ist sein Gefühl für die Situation, das er mit den Jahren verfeinert, das Gefühl, im richtigen Moment das Richtige zu sagen, auch wenn es kritisch ist. Callà steht dafür, dass es zum Erfolg nicht nur die Leistung auf dem Platz braucht, sondern auch das Verbindende daneben. Basels früherer Sportchef Georg Heitz hat einmal gesagt: «Er ist ein Führungsspieler, wie man ihn sich malen kann.»

In St. Gallen lernt Callà die Grenzen seines Körpers kennen. Zu Beginn der Saison 2006/07 gehen im rechten Knie Kreuzband und Knorpel kaputt. Er fällt 16 Monate aus. Ein halbes Jahr nach seinem Comeback steht St. Gallens Abstieg fest, «eine sportliche Tragödie», sagt er. Und zieht weiter, zu GC.

«Es braucht Leute, die an einen glauben», sagt Callà.

In Zürich ist er oft verletzt, das rechte Knie macht Probleme. Er lässt es sich nach jahrelangen Schmerzen nochmals operieren («der grosse Service») und fällt ein Jahr aus. Kaum ist er zurück, hat er einen Leistenbruch. In vier Saisons verpasst er fast 60 Prozent aller Meisterschaftsspiele, GC gibt ihm deshalb keinen Vertrag mehr. Er versteht das: ­«Irgendwann ist der Kredit aufgebraucht.»

Aarau bietet ihm einen Ausweg in der Challenge League, aber bald spürt Callà, dass das Knie keine Beschwerden mehr bereitet. Er kann wieder seinen Fussball spielen, unbelastet, unbeschwert. Aarau steigt auf, und ein halbes Jahr später meldet sich Bernhard Heusler bei Callà, dem Mann von der rechten Seite: «Kannst du dir vorstellen, beim FCB zu spielen?» Was ist das für eine Frage?, denkt sich Callà.

Heusler ist damals Präsident in Basel, Murat Yakin der Trainer und Marco Streller der wortstarke Captain. «Es braucht Leute, die an einen glauben», sagt Callà. Die Basler glauben an ihn, Yakin setzt auf ihn, dann Paulo Sousa, danach Urs Fischer. Callà kommt in seinen ersten dreieinhalb Jahren auf 90 Einsätze in der Liga, es ist eine ganz andere Quote als bei GC. Gegen Liverpool bestreitet er sein erstes Champions-League-Spiel, zwar nur für neun Minuten, aber immerhin. Er vergisst sie nicht.

Die leuchtenden Augen

34 also ist er inzwischen, Amos heisst der Kleine, den er mit seiner Frau hat, Amos wie der Prophet, weil beide gläubig sind. Er muss ein Schlingel sein. Mit dem iPhone wirbelt der Dreijährige jetzt schon herum. Und wenn Callà von ihm erzählt, leuchten die Augen – wie wenn er vom Fussball erzählt, von den Erinnerungen an all das, was er neben dem Platz erlebt hat, von den Streichen, die er mit seinen Mitspielern in jungen Jahren gespielt hat.

In Winterthur ist er Captain, was sonst? Einmal die Woche hilft er als Assistent bei der U-13 des FCW. Am Sonntagabend analysiert er für den Teleclub Spiele der Serie A. Fussball, immer Fussball, er sagt: «Das macht Spass.»

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