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Der 467-Millionen-Angriff

Paris Saint-Germain dürfte für den 18-jährigen Kylian Mbappé 180 Millionen Euro bezahlen. Es ist derwomöglich letzte irrwitzige Wechsel eines surreal anmutenden Transferfensters. Die Uefa will über die Bücher gehen.

Die 222 Millionen Euro Ablösesumme, die Paris Saint-Germain diesen Sommer hingeblättert hat, machen den Brasilianer Neymar zum bislang teuersten Fussballer der Welt.
Die 222 Millionen Euro Ablösesumme, die Paris Saint-Germain diesen Sommer hingeblättert hat, machen den Brasilianer Neymar zum bislang teuersten Fussballer der Welt.
Keystone
Der Franzose Kylian Mbappé folgte Neymar: Seine Dienste sind den Parisern 180 Millionen Euro wert.
Der Franzose Kylian Mbappé folgte Neymar: Seine Dienste sind den Parisern 180 Millionen Euro wert.
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Zlatan Ibrahimovic, der schwedische Stürmerstar, wurde 2009 für 70 Millionen Euro von Inter Mailand zum FC Barcelona transferiert.
Zlatan Ibrahimovic, der schwedische Stürmerstar, wurde 2009 für 70 Millionen Euro von Inter Mailand zum FC Barcelona transferiert.
Keystone
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Es sind die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als in Münster ein Bauunternehmer beschliesst, den ortsansässigen Fussballklub zum erfolgreichsten Deutschlands zu machen. Doch das im Mai 1949 eingeführte Vertragsspielerstatut verhindert Zahlungen hoher monatlicher Geldbeträge. Es schreibt einen Maximallohn von 320 Deutschen Mark vor.

Preussen Münster muss also andere Wege finden, die besten Fussballer in die westfälische Universitätsstadt zu locken. Arbeitsplätze werden vermittelt, Unterkünfte bezahlt. Und einer bekommt gar eine Grosstankstelle versprochen. So gehört Preussens Offensive zum Besten, was der Fussball in dieser Zeit zu bieten hat. Ein Journalist erfindet schnell den passenden Namen: der «100 000-Mark-Sturm».

20 Millionen für den Vater

In diesen Tagen stellt Paris Saint-Germain gerade mit die stärkste Sturmreihe auf dem Globus zusammen. An die Seite des uruguayischen Mittelstürmers Edinson Cavani, der vor vier Jahren für rund 65 Millionen Euro aus Neapel gekommen war, gesellte sich Anfang August der Brasilianer Neymar für die Rekordablöse von 222 Millionen. Nun folgt für 180 Millionen der 18-jährige Franzose Kylian Mbappé von Monaco, der erst eine Saison auf höchstem Niveau bestritten hat. Es sind surreal anmutende Zahlen. Aus Münsters 100 000-Mark-Sturm wird 68 Jahre später Paris’ 467 000 000-Euro-Angriff.

Wie Münster muss sich das von Katar finanzierte PSG Kniffs bedienen, damit der Transfer nicht die Regularien des Financial Fairplay (FFP) verletzt (siehe Box). Mit einer Tankstelle lassen sich aber heute keine Fussballer mehr anwerben. Auch nicht, wenn sie sich wie im Falle von Mbappé noch im Teenageralter befinden. In den letzten ­Wochen reiste die Entourage des Nationalspielers nach Madrid, um Real, das sich ebenfalls sehr für den Stürmer interessierte, das Angebot der Pariser zu präsentieren.

Selbst der grösste Verein der Welt musste sich eingestehen, dass ein Kauf Mbappés nicht realisierbar sei. Der 18-Jährige dürfte künftig ein Jahres­gehalt von 18 Millionen Euro erhalten, etwa doppelt so viel, wie die Königlichen geboten hatten. Vater Wilfried, der Sohnemanns Karriere managt, soll nebenbei mal eben 20 Millionen Handgeld kriegen. Mit Talenten lässt sich grosses Geld verdienen, Mbappés 20-jähriger Landsmann Ousmane Dembélé wechselte letzte Woche für 105 Millionen Euro von Dortmund nach Barcelona.

Altbekannter Trick

Es ist nicht unwahrscheinlich, wird Kylian Mbappés Wechsel mit dem Financial Fairplay vereinbar sein. In den letzten Wochen hat PSG offenbar nicht nur intensiv mit Monaco verhandelt, sondern sich auch regelmässig mit der Uefa ausgetauscht. Das Ergebnis: Mbappé wird vorläufig für ein Jahr ausgeliehen, die Summe von 180 Millionen wird erst in einem Jahr fällig. Der Trick ist nicht neu, vorab italienische Teams haben in den letzten Jahren auf diese Weise etliche Geschäfte getätigt. Für die Pariser bringt der Deal den Vorteil, dass sie ein Jahr länger Zeit haben, Mbappés Ablösesumme dem FFP entsprechend in die Bilanz einfliessen zu lassen.

Das allerdings wird nicht einfach: Allein Neymar und Mbappés Ablöse und Lohnkosten dürften die Bilanz diese Saison mit 100 Millionen Euro belasten, in den folgenden vier Saisons mit je 135 Millionen (Transfersummen werden während der Vertragslaufzeit amortisiert, im Falle Neymars finden also jedes Jahr 44,4 Millionen Eingang in die Bilanz). Zweifel, ob dies den Regularien des FFP entspricht, sind allgegenwärtig.

Der Widerstand anderer Klubs steigt, Gladbachs Manager Max Eberl etwa kritisierte Paris scharf. In den letzten Wochen gab es auch unbestätigte Gerüchte, dass sich etliche Grossklubs gegen PSG und Manchester City, das mit Geld aus den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert wird, verbündet haben. Bayern Münchens Präsident Uli Hoeness tadelte zwar den Neymar-Transfer, sein Klub aber pflegt schon länger eine Partnerschaft mit Katar. Der Flughafen in Doha ist seit kurzem zudem ­Ärmelsponsor der Bayern.

Ähnlich wie bei Zidane 2001

Der slowenische Uefa-Präsident Aleksander Ceferin kündigte am Montag in einem Interview mit dem Fussballmagazin «Kicker» an, die bestehenden Vorschriften zu überdenken. Er sagte: «Wenn wir unsere eigenen Regeln nicht respektieren, können wir dichtmachen. Dann wären wir ein zahnloser Tiger.» Zu einer Kritik an Paris Saint-Germain liess sich Ceferin allerdings nicht hin­reissen. Und er meinte: «Unsere Untersuchungen zeigen: Der Wechsel von Zinédine Zidane von Juventus Turin zu Real Madrid war 2001 in der Relation fast wie der Neymar-Transfer, wenn man etwa die Budgets und den Gesamtmarkt vergleicht.» Der heutige Real-Trainer kostete damals rund 74 Millionen Euro.

Die Zeiten ändern sich: Mit dem «100 000-Mark-Sturm» ist Preussen Münster ein Spitzenteam. Im Juni 1951 spielt der Klub in Berlin um die deutsche Meisterschaft. Doch gegen den 1. FC Kaiserslautern unterliegt Preussen vor 100 000 Zuschauern im Olympiastadion. Dem Meisterpokal wird der Verein nie mehr näher kommen, die Spieler ziehen in den nächsten Jahren weiter. Die versprochene Grosstankstelle etwa entpuppte sich als eine einzelne schrottreife Zapfsäule.

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