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Der anfällige Riese

Spartak Moskau, Thuns Gegner in der Qualifikation zur Europa League, ist der erfolgreichste und beliebteste Club Russlands. Dementsprechend gross sind Druck und Erwartungshaltung.

Neuer Hoffnungsträger: André Schürrle spielt seit letzter Woche für Spartak Moskau. Die Leihgabe von Dortmund gab am Wochenende beim 0:0 im Stadtderby gegen Dynamo ihr Debüt.
Neuer Hoffnungsträger: André Schürrle spielt seit letzter Woche für Spartak Moskau. Die Leihgabe von Dortmund gab am Wochenende beim 0:0 im Stadtderby gegen Dynamo ihr Debüt.
Dimitri Golubowitsch (Imago)

Eigentlich, sagt Marco Otero, sei ein Weiterkommen Thuns gegen Spartak Moskau unmöglich. Der 45-jährige Zürcher, seit Sommer technischer Leiter der Nachwuchsakademie des spanischen Grossclubs FC Valencia, denkt an das Renommee der Vereine, den riesigen Wertunterschied der Kader (Thun weist auf transfermarkt.ch 17 Millionen Euro aus, Spartak 94). Doch Oteros «eigentlich» verrät es: Er traut den Berner Oberländern die Überraschung zu.

Dass sich Otero am Dienstagnachmittag zwischen zwei Terminen an der spanischen Mittelmeerküste die Zeit nimmt, sich mit dem Duell in der dritten Runde der Qualifikation zur Europa League zu beschäftigten, hat nichts damit zu tun, dass er nach der Jahrtausendwende bei GC Teamkollege von Thuns Sportchef Andres Gerber war. Vielmehr ist er ein Kenner des russischen Clubs, arbeitete er doch in der Saison 2014/15 als Assistent von Murat Yakin für Spartak. «Ein sensationeller Verein», sagt Otero. «Mit einer Strahlkraft, die vergleichbar mit jener von europäischen Topclubs ist.»

Spartak gilt als beliebtester Club Russlands mit den meisten Fans. Das hat mit seiner Tradition zu tun, die reichhaltig ist – mit 12 sowjetischen und seit 1991 10 russischen Meisterschaften ist Spartak das erfolgreichste Team der Nation. Aber auch damit, dass Spartak, anders als gerade die Konkurrenz aus der Millionenmetropole Moskau, weder der Armee (ZSKA), dem Geheimdienst KGB (Dynamo), noch den Staatsbahnen der Sowjetunion (Lokomotive) zugeordnet werden kann. Spartak ist der Club des Volkes.

Der unbeliebte Besitzer

Seiner Popularität nicht geschadet hat, dass Spartak die besten Zeiten längst hinter sich hat. Nach 9 Titel in 10 Jahren verlor der Verein ab 2001 den Anschluss an die Spitze. 2003 gewannen die Rot-Weissen noch einmal den russischen Cup, dann folgte eine bitter lange Zeit des Scheiterns. Trainer kamen und gingen, prominente wie der Italiener Nevio Scala, der Däne Michael Laudrup und der Spanier Unai Emery, kaum einer hielt sich länger als ein Jahr im Amt. Mit Yakin wurde der Vertrag im Sommer 2015 nach einer Saison und Rang 6 aufgelöst. Spartak erhalte grosse Aufmerksamkeit, sagt Otero, alles werde medial ausgeschlachtet. Und Mikhail Sanadze, Korrespondent des «Kicker» in Russland, meint, die grosse Anspruchshaltung gegenüber dem Club führe dazu, dass er sich nie Zeit für einen Neuaufbau lasse, immer schnelle Resultate anstrebe.

Seit 2003 ist Leonid Fedun Besitzer Spartaks. Er ist so reich wie ungeduldig. Als Mitinhaber des Ölkonzerns Lukoil, das 2017 von «Forbes» als eines der hundert grössten Unternehmen weltweit bewertet wurde, hat er es zu einem Milliardenvermögen gebracht. Doch obwohl er dem Club 2014 mit der Otkrytije-Arena ein modernes Stadion erbaut hat – das erste eigene in der langen Historie –, und Spartak mit dem Meistertitel 2017 endlich der Titellosigkeit ein Ende setzte, ist Fedun bei den meisten Fans äusserst unbeliebt. «Sie halten ihn nach all den Misserfolgen für nicht würdig, den Club zu führen», sagt Sanadze.

Der Star als Symbol

In diesem hitzigen Klima ist es schwierig, etwas gedeihen zu lassen. Seit November darf sich der Russe Oleg Kononow versuchen. «Ein guter Trainer», sagt Otero, der ihn 2014/15 als Konkurrent erlebte, als Kononow Krasnodar coachte. Nach mässigem Saisonstart steht Kononow allerdings schon in der Kritik. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass er in diesen Tagen die Mannschaft umbauen muss. Mit den Brasilianern Luiz Adriano und Fernando haben zwei Leistungsträger den Verein nach dem Saisonauftakt verlassen, gekommen sind etliche neue Offensivspieler. Darunter das holländische Mittelfeldtalent Guus Til, das 18 Millionen Euro kostete und der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte ist. Sowie André Schürrle, der deutsche Weltmeister von 2014.

Der schnelle Stürmer, von Dortmund ausgeliehen, ist ein grosser Name, aber mit seiner Geschichte der Stagnation auch ein Symbol für Spartak und den russischen Fussball. Die Liga hat gerade beim ausländischen Spitzenpersonal an Anziehungskraft verloren. Das hat mit Sanktionen des Westens zu tun, die nach dem Einfall in die Krim 2014 verhängt wurden und den Einsturz der Landeswährung brachten. Die Folgen erlebte Otero hautnah mit. Als er im Juni 2014 nach Moskau kam, musste er für einen Euro 35 Rubel bezahlen, im Oktober waren es schon 68, im Dezember zwischenzeitlich über 100.

Da die Verträge mit Ausländern in Euro vereinbart werden, hatten die Clubs innert wenigen Monaten viel mehr für ihre Starspieler zu bezahlen. Die Folge war ein massiver Einbruch bei den Transferausgaben, von über 300 Millionen Euro auf den Jahrzehnttiefstwert von 40 Millionen in der Saison 2015/16. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert, ist wieder ein Aufwärtstrend erkennbar. Zenit St. Petersburg gab kürzlich 40 Millionen Euro für den Brasilianer Malcom vom FC Barcelona aus.

Der angezählte Trainer

Meister Zenit liegt nach fünf Spieltagen bereits wieder auf Rang 1, ist Spartak schon fünf Punkte voraus. Dementsprechend gross ist die Unruhe rund um den Club sowie der Druck, der am heutigen Donnerstagabend in der Stockhorn-Arena (19 Uhr) auf dem Favoriten lastet. Das Ausscheiden gegen Thun würde wohl das Schicksal von Trainer Kononow besiegeln. Otero sagt: «Thun hat im Gegensatz zu Spartak nichts zu verlieren. Gerade deshalb kann es viel gewinnen.»

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