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Der Buffon-Nachfolger ist plötzlich nur noch Durchschnitt

Supertalent Gianluigi Donnarumma ist nicht mehr der sicherste Rückhalt. Ein prominenter Konkurrent wartet auf der Bank auf seine Chance.

Donnarumma eilt aus dem Tor. Hätte er besser sein lassen, Icardi dankt. Video: AP

Milans Lucas Biglia rauft sich die Haare. Fassungslos. Was soll der Argentinier auch anderes tun? Über 90 Minuten war er einer der Besten im rotschwarzen Trikot. Nun steht er in seinem Strafraum, zusammen mit ratlosen Kollegen, während sein Landsmann Mauro Icardi sich von Tausenden Inter-Tifosi feiern lässt. Wieder er, wieder ist der Captain der Nerazzurri die entscheidende Figur des Mailänder Derbys. Er erzielt per Kopf das einzige Tor des Spiels, in der 92. Minute.

Das ist die eine Version der Geschichte. Icardi der Matchwinner, der Held, nachdem er vorher kaum in Erscheinung getreten war. Doch wo Helden geboren werden, da gibt es meist auch Versager. Im San Siro am Sonntagabend heisst dieser Gianluigi Donnarumma, Goalie beim Stadtrivalen AC Milan. Er ermöglicht Icardi den Auftritt vor einer ekstatischen Nordkurve.

Der italienische Nationalgoalie eilt nach der Flanke von Vecino aus seinem Tor. Wie jemand, der bei einem Gewitter seinen Regenschirm zu Hause vergessen hat, merkt er auf halbem Weg, dass er das besser hätte lassen sollen. Zu spät, Icardi köpfelt ins nun praktisch leere Tor. Die «Gazzetta dello Sport» schreibt in ihrer Einzelkritik: «Ein paar schöne Paraden, ruiniert alles mit seinem grauenhaften Herauskommen.»

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Bilder: Icardi schiesst Inter zum Sieg

Inter-Captain Mauro Icardi lässt sich feiern. Der Angreifer trifft im Derby gegen Milan.
Inter-Captain Mauro Icardi lässt sich feiern. Der Angreifer trifft im Derby gegen Milan.
Marco Bertorello, AFP
Auch, weil sich Milan-Torhüter Gianluigi Donnarumma nach einer Flanke verschätzte.
Auch, weil sich Milan-Torhüter Gianluigi Donnarumma nach einer Flanke verschätzte.
Marco Bertorello, AFP
Für Milan und Rodriguez läuft es in dieser Saison bislang nicht nach Wunsch.
Für Milan und Rodriguez läuft es in dieser Saison bislang nicht nach Wunsch.
Marco Bertorello, AFP
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Debüt mit 16, erster Titel mit 17

Gianluigi Donnarumma ist erst 19 Jahre alt. Dennoch hat er bereits 114 Serie-A-Spiele absolviert, das allererste fast auf den Tag genau vor drei Jahren, mit 16. Der Teenager vom Golf von Neapel krachte urplötzlich auf die Bühne des italienischen Fussballs. Er war lange der einzige Lichtblick in einem Milan, das nicht ansatzweise an frühere Tage erinnerte. Nach gut einem Jahr als Nummer 1 im Mailänder Tor holte er seinen ersten Titel. Den italienischen Supercup, weil er im Penaltyschiessen den Versuch von Juventus’ Paulo Dybala parierte.

In Italien war man sich da schon sicher. Nach über 20 Jahren Gianluigi Buffon hat man zumindest auf der Goalieposition ausgesorgt. Heute spielt Donnarumma tatsächlich auf dieser Position, doch so unumstritten, wie es einst schien, ist er nicht mehr. Und das nicht erst seit seinem Aussetzer am späten Sonntagabend vor 80'000 Zuschauern.

Ungeschlagen? Das letzte Mal ist lange her

In der laufenden Saison blieb Donnarumma in neun Spielen nie ungeschlagen, saisonübergreifend sind es nun 14 Spiele hintereinander, in denen er mindestens ein Tor kassierte, 17 insgesamt. Zum Vergleich: Mit gerade mal 16 Jahren gab es in seinen ersten 14 Serie-A-Spielen sieben Spiele ohne ein Gegentor. Nun zu sagen, all diese Treffer gingen auf seine Kappe, wäre falsch, zeitweise hält er weiterhin überragend. Die Magie aber, sie ist gewichen, Donnarumma ist stark im Eins-gegen-Eins, hat aber Schwächen bei hohen Bällen in den Strafraum. Auch mit dem Fuss ist ihm schon der eine oder andere Lapsus unterlaufen. Im italienischen Cupfinal im Frühling verschuldete er zwei von vier Gegentoren.

Der Torhüter ist nicht einfach ein Talent. Welpenschutz? Gibt es nicht. Denn obwohl noch nicht mal 20, befindet er sich, was sein Salär angeht, auf dem Podest der Serie A. Mehr als er verdienen nur Cristiano Ronaldo und Teamkollege Gonzalo Higuain. Die Art, wie Donnarumma an diesen Vertrag kam, führte im Sommer 2017 zu einem ersten Bruch mit den Tifosi der AC Milan. Der Club bot fünf Millionen Euro, Donnarumma und sein Berater, der berüchtigte Mino Raiola, wollten sechs, verlängerten vorerst nicht, bis die Vereinsleitung nachgab und dazu noch seinen weit weniger begabten und neun Jahre älteren Bruder Antonio aus Griechenland nach Mailand holte.

Der wird fürs Nichtstun fürstlich entlöhnt, eine Million bekommt er jährlich. Als Raiola trotzdem wiederholt über einen Wechsel von Gianluigi Donnarumma spekuliert, entrollt die Südkurve ein Banner: «Sechs Millionen pro Jahr und die Verpflichtung deines Parasiten-Bruders? Geh jetzt, die Geduld ist vorbei!» Bei der U-21-EM in Polen werfen Fans Falschgeld auf den Platz. Coach Gennaro Gattuso stärkt seinem Schützling den Rücken: «Für sein Alter ist er der beste Torhüter der Welt.»

Die Konkurrenz: Mehr als nur der Bruder

Doch Milan hat in diesem Sommer auf der Goalieposition zugelegt. Da ist nun nicht mehr nur der Bruder, der bisher je einmal in der Europa League und im Cup spielen durfte. Da sitzt Spiel für Spiel ein Mann auf der Bank, der, eigentlich egal, wo er auch war, gewann: Pepe Reina, Welt- und Europameister mit Spanien, deutscher Meister mit Bayern München, englischer Cupsieger mit Liverpool, italienischer Cupsieger mit Napoli. 36 ist Reina mittlerweile, spielen durfte er bisher nur in der Europa League.

Gianluigi Donnarumma seinerseits scheint von einem grossen Versprechen zu einem durchschnittlichen Torhüter zu werden. Ab und an geniale Paraden, traumhafte Reflexe, immer wieder aber auch Unsicherheiten. Die Interessenten, die einst Schlange gestanden und Wahnsinnssummen geboten haben sollen, sind weg. Böse Zungen sagen nun, Donnarumma sei der erste Athlet, der mit 17 auf dem Höhepunkt seines Schaffens war. All das muss nichts heissen. Denn bei all dem Trubel um seine Person wird eines oft vergessen. Der junge Mann wird im Februar gerade mal 20.

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