Der coole Wikinger

Die Qualitäten des neuen YB-Verteidigers Frederik Sörensen werden heute Abend (21 Uhr) in Belgrad gefragt sein.

Erfahrung im Marakana-Stadion in Belgrad: Mit Köln verlor Frederik Sörensen (links) 2017 bei Roter Stern 0:1.

Erfahrung im Marakana-Stadion in Belgrad: Mit Köln verlor Frederik Sörensen (links) 2017 bei Roter Stern 0:1.

(Bild: Srdjan Stevanovic (Getty Images))

Fabian Ruch

Im Casting für eine Wikingerfigur wäre er ein aussichtsreicher Kandidat. Frederik Sörensen ist gross und athletisch, die Haare sind blond und kurz, er ist ein zugänglicher Typ mit kräftigem Händedruck.

Heute dürfte der Däne eine Hauptrolle bei den Young Boys einnehmen, wenn es in Belgrad darum geht, im Rückspiel des Champions-League-Playoff gegen Roter Stern kühl zu bleiben in feuriger Ambiance. «Die Stimmung wird grossartig sein», sagt Sörensen, «aber das ist ein Ansporn. Als Kind träumt man von solchen Spielen.»

Sörensen ist einen langen, beschwerlichen Weg gegangen, einen überraschenden auch, es ist eine Karriere voller interessanter Wendungen. Aufgewachsen in Roskilde, bekannt für ein Musikfestival, auf einer Ostseeinsel rund 30 Kilometer von Kopenhagen entfernt, wechselte er mit 15 zum Hauptstadtclub Lyngby.

Oft stand er um 4 Uhr auf, fuhr mit dem Zug nach Kopenhagen zur Schule und ins Training, am Abend um 8 war er wieder zu Hause. «Ich habe damals gelernt, dass man durchbeissen muss, wenn man ein Ziel erreichen will», sagt er.

Von Chiellini gelernt

Bald galt Sörensen als begabter Abwehrspieler skandinavischer Prägung, 2010 schon kam das Angebot, das er nicht ausschlagen konnte. Das grosse Juventus rief. Eben erst 18 geworden, zog Sörensen allein nach Italien. Durchbeissen auf die harte Tour. Dolce Vita war weit entfernt, es ging einzig um Fussball. «Ich wollte von der italienischen Verteidigerschule profitieren.»

Juventus, Grossmeister des sachlichen 1:0, sollte prägend sein für die Entwicklung Sörensens. Er schwärmt, wenn er von den damaligen Teamkollegen spricht, von Gianluigi Buffon, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini, der ein Vorbild sei bezüglich Einstellung, Klasse, Professionalität.

Am letzten Wochenende übrigens siegte Juventus zum Saisonstart sachlich 1:0 bei Parma. Torschütze: Chiellini, mittlerweile 35. «Taktisch werden die Fussballer bei Juventus bis ins allerkleinste Detail geschult, oft stundenlang bis die Abstimmung praktisch auf den Zentimeter genau stimmt», erzählt Sörensen.

Und weil Juventus erhebliches Verletzungspech beklagte, bestritt er, noch keine 19, immerhin 17 Serie-A-Einsätze für den italienischen Renommierverein. Trainer Antonio Conte jedoch setzte später auf die prominenten Landsleute in der Verteidigung, Talent Sörensen zog leihweise weiter, zuerst zu Bologna, später zu Hellas Verona.

Das Gespräch mit Spycher

In Bologna lernte er seine Freundin kennen, in diesem Mai wurden sie Eltern der Zwillinge Bianca und Diana, die mit der Mutter in Italien leben – und nach Bern kommen, sobald Sörensen eine Wohnung gefunden hat. Das Italien-Abenteuer jedenfalls hat sich für den Verteidiger gelohnt.

Mitgenommen als Fussballer hat er «die Mentalität von Juventus, jedes Spiel gewinnen und immer besser werden zu wollen». Aus seiner Zeit bei Bologna sei er auch mit der Dreierabwehrkette vertraut, angesprochen auf seine Stärken meint er: «Ich bin kopfballstark, das Stellungsspiel ist ganz okay, ich spiele gerne mutig im Aufbau, bin trotz meiner Grösse von 1,94 Meter nicht der langsamste Spieler.»

Es sind Attribute, die Sörensens Marktwert vor ein paar Jahren in die Höhe schnellen liessen. Von Juventus wechselte er 2015 für rund 3 Millionen Franken Ablösesumme zu Köln, er überzeugte in der Bundesliga, stand 2017 kurz vor einem 10-Millionen-Transfer in die Premier League.

Sörensen blieb, stieg mit Köln ab und erklärte, er wolle nicht in die 2. Bundesliga. Mehrere Wechsel zerschlugen sich, am Ende stand er letzte Saison zwar in Kölns Kader, bestritt aber nur fünf Kurzeinsätze. Er spricht von einem «verlorenen Jahr» – und war in der Sackgasse.

In diesem Sommer hatte Sörensen einige Angebote abgelehnt, weil er aus familiären Gründen in der Nähe Italiens bleiben wollte. Als Christoph Spycher vor rund zwei Wochen in Köln aufgetaucht sei, habe ihn das Gespräch mit dem YB-Sportchef sofort davon überzeugt, ein Jahr leihweise in die Schweiz zu kommen. «Die Young Boys sind ein erfolgreicher Club und haben nicht nur mit dem Sieg gegen Juventus Spuren hinterlassen.»

Win-win-win-Transfer

Man fragt sich ja, wie ein Fussballprofi Informationen sammelt über einen potenziellen Arbeitgeber. «Ich kannte ein paar Spieler», sagt Sörensen, «Fabian Lustenberger etwa aus der Bundesliga.» Er habe im Internet nachgeschaut, wie der Verein in den letzten Jahren gespielt habe und wie das Kader aussehe, wer auf der gleichen Position spiele, die Altersstruktur, solche Dinge.

«Die Sache war für mich schnell klar», sagt der 27-Jährige. «Auch die Aussicht auf die Champions League ist reizvoll.» Im Hinterkopf hat der Däne zudem das Nationalteam, in dem die Konkurrenz prominent ist, etwa mit Andreas Christensen (Chelsea) und Simon Kjaer (FC Sevilla). Der langjährige Nachwuchsnationalspieler Sörensen wurde erst einmal, 2017 gegen Deutschland, eingewechselt.

Der Leihtransfer kann eine Win-Win-Win-Situation sein: Der Spieler erhält Praxis, YB einen starken Verteidiger, Köln 2020 eine Ablösesumme. Für eine fixe Übernahme sei Sörensen zu teuer gewesen, sagt Sportchef Spycher. «Aber er ist für uns perfekt, weil er sofort helfen kann.» Auch Trainer Gerardo Seoane lobt seinen neuen Abwehrturm: «Er bringt alles mit, um unsere Defensive zusammen mit Fabian Lustenberger zu führen.»

Sein Spiel im Marakana

Beinahe wäre YB im Playoff auf den FC Kopenhagen getroffen, das wäre für Sörensen besonders interessant gewesen. «Aber auch auf den Auftritt bei Roter Stern freue ich mich», sagt er. «Wir waren im Hinspiel beim 2:2 stark, haben uns viele Chancen herausgespielt, leider ist Roter Stern relativ einfach zu den zwei Toren gekommen.» Auch wegen Sörensen, im Hinspiel auf der Bank, soll das heute anders werden.

Er kennt das Marakana-Stadion, in der Europa League verlor Köln 2017 zweimal 0:1 gegen Roter Stern, das mit dem Torverhältnis von 2:1 (!) aus sechs Partien hinter Arsenal Rang 2 belegte. «Wir hätten im letzten Spiel in Belgrad mit einem Sieg weiterkommen können», sagt Sörensen, «es war eine Art Final, so wie es am Dienstag sein wird.»

Die Zuschauer im Marakana seien laut gewesen, der lange Weg durch den Tunnel aufs Feld sei speziell, bedrohlich aber sei die Stimmung nie gewesen. «Und auf dem Platz geht es sowieso nur um Fussball.»

Sehnsuchtsland Italien

Sörensen hinterlässt einen ausgesprochen fokussierten Eindruck. Er spricht davon, mit YB den Titel verteidigen zu wollen und die Champions League zu erreichen. «Und ich habe mir erzählen lassen, es gebe in Bern eine grosse Sehnsucht, endlich wieder den Cup zu gewinnen.»

2020 aber wird er wohl weiterziehen, am liebsten nach Italien, dorthin, wo er vor 12 Monaten beinahe gelandet wäre. Der Transfer zu Atalanta Bergamo war nahezu perfekt, scheiterte an Kleinigkeiten. Sörensen verpasste eine tolle Saison Atalantas, das nun sensationell in der Champions League steht. Dorthin will Sörensen am Dienstagabend ebenfalls.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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