Der General macht die Schotten dicht

Neu betreut Dick Advocaat den morgigen YB-Gegner Feyenoord. Der 72-Jährige versteht es, Teams zu stabilisieren. Liebe ist ihm deshalb in Holland nie zuteil geworden.

Dick Advocaats (rechts) erstes Spiel mit Feyenoord: Stürmisch, aber siegreich beim 3:0 in Venlo.

Dick Advocaats (rechts) erstes Spiel mit Feyenoord: Stürmisch, aber siegreich beim 3:0 in Venlo.

(Bild: Keystone Olaf Kraak)

Dominic Wuillemin

Als Dick Advocaat letzte Woche bei Feyenoord Rotterdam den Trainerjob des zurückgetretenen Jaap Stam übernommen hatte, verschwendete er keine Zeit, seinem Ruf alle Ehre zu machen. Er setzte den brasilianischen Verteidiger Eric Botteghin als Captain ab und übertrug die Ver­antwortung dem holländischen Nationalspieler Steven Berg­huis.

Seine Begründung: «Als ich das erste Mal in die Kabine kam, erinnerte die Stimmung an ein Begräbnis.» Dann verzichtete eram Sonntag bei seiner Premiere darauf, Nicolai Jörgensen eine Pause zu gewähren. Der Däne, wichtigster Angreifer im Kader, hasst es, auf Kunstrasen zu spielen. Er reiste deshalb vor zwei Wochen nicht mit nach Bern.

Solche Sonderbehandlungen liegen jetzt nicht mehr drin: Jörgensen musste gegen VVV Venlo auf Kunstrasen spielen. Der Angreifer traf zum 1:0, bereitete das 2:0 vor, Feyenoord gewann 3:0. Es war ein Einstand nach Mass für Advocaat. Einer, der verdeutlicht, wie der Trainer funktioniert.

Advocaat bedeutet auf Deutsch Anwalt. Aber als freundschaftlicher Fürsprecher seiner Spieler hat der 72-Jährige in seiner drei Jahrzehnte währenden Karriere nie gegolten. Vielmehr pflegt er die Profis mit harter Hand zu führen. Der Spitzname des knapp 170 Zentimeter grossen Holländers: der kleine General.

Verbundenheit mit van Gaal

Der autoritäre Führungsstil verbindet ihn mit Louis van Gaal (auch Tulpen-General genannt). Aber nicht nur: Die beiden schätzen sich, seit sie Anfang der Achtzigerjahre gemeinsam für Sparta Rotterdam gespielt haben.

Als sich Advocaat 2008 mit Zenit St. Petersburg auf den Uefa-Cup-Final gegen seinen früheren Club Glasgow Rangers vorbereitete, willigte van Gaal, damals bei AZ Alkmaar beschäftigt, in ein Testspiel ein, in dem er seine Mannschaft in der gleichen Formation wie der schottische Gegner agieren liess. Zenit gewann den Final 2:0. Es ist Advocaats grösster Erfolg.

Doch während van Gaal im Weltfussball hoch respektiert ist als Taktiker und Verfechter der holländischen Ballbesitzschule, steht Advocaats Werk in einem schlechteren Licht. Zwar lässt auch er bevorzugt im in Holland schon fast in der Verfassung festgeschriebenen 4-3-3-System spielen, aber ihm fehlen die Ideen, damit es seine Spieler mit Esprit ausfüllen könnten.

Advocaats Fokus gilt dem Verteidigen, er versteht es, Teams zu stabilisieren und so zu Resultaten zu kommen. Als er im holländischen Fernsehen als Analyst arbeitete, beschrieb die Tageszeitung «Trouw» kürzlich, habe es für ihn jeweils zwei Erklärweisen gegeben. Wenn ein Team gut spielte, dann, weil es kompakt agierte. Wenn nicht, bemängelte er die fehlende Kompaktheit.

So hat es der Trainer zwar in seiner langen Karriere nie ganz nach oben gebracht, seine Dienste werden aber nach wie vor geschätzt. Feyenoord ist seine zwanzigste Station. Advocaat arbeitete für Mönchengladbach, Fenerbahce Istanbul, wurde mit Eindhoven holländischer Meister, mit den Rangers schottischer, mit Zenit russischer. Diese Erfolge liegen schon länger zurück, in den letzten Jahren wurde er vorab als Feuerwehrmann engagiert.

Als er bei Sunderland 2015 neun Spieltage vor Schluss übernahm, war die Lage angespannt. Dann machte er die Schotten dicht, holte mit seinem Team 12 Punkte und sicherte mit zwei 0:0 in Folge schon eine Woche vor Saisonende den Ligaerhalt. Bei der Pressekonferenz nach dem entscheidenden Spiel bei Arsenal brach Advocaat in Tränen aus. Der kleine General kann auch Gefühle zeigen.

Peinlichkeit mit Holland

Es war sein vielleicht letztes Glanzstück. Aus seinem kurzen, dritten (!) Engagement beim holländischen Nationalteam (2017) ist vorab in Erinnerung geblieben, wie er einen Journalisten anblaffte, Schweden werde doch nicht 8:0 gegen Luxemburg gewinnen.

«Was ist das für eine dumme Frage?» Doch eben genau das taten die Schweden, verdrängten so die Holländer vom zweiten Platz und stürzten die stolze Fussballnation ins Jammertal. Die Elftal verpasste die WM. Vier Jahre zuvor war sie, angeleitet von van Gaal, bis in den Halbfinal vorgerückt.

Dementsprechend gemischt sind die Gefühle in Rotterdam Advocaat gegenüber. Doch: Dass er kriselnde Clubs zurück in die Spur führen kann, hat er zur Genüge bewiesen. YB wird morgen Donnerstag kaum noch einmal so leichtes Spiel haben wie vor zwei Wochen beim 2:0.


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