Der Hoffnungsträger sorgt sich

Matteo Tosetti macht die Thuner Situation vor dem Heimspiel gegen Lugano zu schaffen.

Flanken als Offensivwaffe: Matteo Tosetti hat in 88 Ligapartien für Thun 38 Tore vorbereitet.

Flanken als Offensivwaffe: Matteo Tosetti hat in 88 Ligapartien für Thun 38 Tore vorbereitet.

(Bild: Freshfocus)

Dominic Wuillemin

Der Griff an den Oberschenkel löst einen Moment des Schreckens beim FC Thun aus: Es ist Mittwochvormittag, als Matteo Tosetti das Training abbrechen muss: Statt Flanken zu üben, seine Kerndisziplin, humpelt er vom Platz. Fällt der Vorbereiter, mit dessen Rückkehr die Thuner grosse Hoffnungen verbanden, am Samstag beim Heimspiel gegen Lugano, seinen früheren Club, nach wochenlanger Verletzungspause wegen einer Sprunggelenkverletzung erneut aus? Als der Tessiner eine Stunde später aus der Therapie kommt, sagt er: «Gegen Lugano würde ich auch nur mit einem Bein spielen.»

Tosetti hat den Humor nicht verloren, das ist schon einmal ein gutes Zeichen für Thun. Gerade bei ihm, diesem Gefühlsmenschen, der sein Inneres nicht zu verbergen vermag.

Als am Sonntag die Nieder­lage gegen Xamax feststand, verschwand Tosetti sofort in der ­Kabine, er stehe für ein Interview nicht zur Verfügung, hiess es. Der Frust über das 0:2 in diesem Spiel, in dem sich die Thuner nach zehn sieglosen Ligapartien endlich den Befreiungsschlag erhofft hatten, sass tief. Er sei wütend gewesen, sagt Tosetti. Er fand, es wäre mehr dringelegen, er trauerte den ­vergebenen Chancen nach. Auch seiner, bei der er in der 90. Minute gegen Goalie Laurent Walthert das 1:1 vergeben hatte.

Das musste raus, er wurde kurz laut in der Garderobe, dann zog er sich zurück. Der 27-Jährige ging das Spiel im Kopf durch, stieg zur Regeneration aufs Velo, erst dann fühlte er sich in der Lage, wieder ein paar Worte mit den Teamkollegen zu wechseln. Er wisse mittlerweile besser, mit einer Niederlage umzugehen. Für Ablenkung sorgt Tochter Noemi, die im Sommer geboren ist. «Wenn sie lacht, ist es um mich geschehen», sagt Tosetti. Sie half ihm abzuschalten, doch als er dann Sonntagnacht im Bett lag, tauchten die ­Bilder von der Partie gegen Xamax wieder auf. Er tat sich schwer einzuschlafen. Er schlafe seit Wochen nicht mehr gut, sagt Tosetti. «Ich mache mir Sorgen.»

Felle wegschwimmen sehen

Diese Gefühlslage ist ein starker Kontrast zur Situation vor ein paar Monaten, als die Oberländer sorg- und scheinbar schwerelos durch die Liga flogen. In der Vorrunde hatten sie nach Ligaprimus YB am zweitmeisten Tore erzielt, am drittwenigsten zugelassen. Zu Beginn des Frühjahrs gewannen sie dann in Lugano und in St. Gallen, verloren nicht gegen die Young Boys – aus drei Spielen resultierten 7 Punkte.

Mit den Ausfällen von Dennis Hediger und Tosetti begann die Baisse, die im 0:2 gegen die Neuenburger ihren Tiefpunkt fand. Die Thuner, die von November bis letzten Sonntag durchgehend in den Top 3 lagen, stecken in dieser verrückten Saison nun als Vierter im Abstiegskampf. Die Lage sei heikel, sagt Tosetti. «Wir sind selber schuld. Wir hätten den Sack längst zumachen können.»

Er glaubt, dass der 3. Rang dem Team nicht gut bekommen sei, weil man sich in falscher Sicherheit gewogen habe – auch, weil die Konkurrenz oft am Vortag des Thuner Spiels habe Punkte liegen lassen. «Wir können es uns nicht leisten, nicht mit 100 Prozent bei der Sache zu sein.»

Am schlimmsten war für Tosetti, tatenlos zusehen zu müssen. Es passiere nicht oft, dass sich Thun in einer solch guten Ausgangslage wie heuer befinde. «Deshalb müssen wir diese Gelegenheit auch nutzen», sagt der Flügel, der sich daran stört, wenn nun gesagt wird, das erste Ziel sei es immer gewesen, den Abstieg zu verhindern. «Wir waren so lange auf dem dritten Rang, da muss es auch das Ziel sein, diesen zu behaupten.» Er sei nicht mehr der Jüngste, sagt Tosetti, insofern biete eine solche Chance vielleicht nicht mehr oft. «Auch deshalb war ich am Sonntag so ­wütend», sagt er.

Zwischen Himmel und Hölle

Nichtsdestotrotz: Die Thuner ­haben es immer noch in den eigenen Füssen – ein Heimsieg gegen Lugano, und sie sind wieder Dritter und dürften ihre ­ Abstiegssorgen los sein. Zudem ­stehen sie am Sonntag in einer Woche im Cupfinal gegen Basel. Das ist das Paradoxe an ihrer Lage. «Wir können immer noch Grandioses erreichen», sagt ­Tosetti, der davon träumt, mit Thun europäisch zu spielen.

Und wenn nicht, würde er dann weiterziehen? Er müsse nicht wechseln, nur damit er gewechselt habe, sagt er. «In einem anderen Club werde ich kaum eine so wichtige Rolle haben.» Zudem fühle er sich mit seiner jungen ­Familie im Oberland sehr wohl. «Ich hoffe, dass alles gut kommt, dass ich in Thun bleiben und die Europa League bestreiten kann.»

Aber nun müsse man sich zuerst aus der unangenehmen Situation befreien, sagt Matteo Tosetti, alles andere sei nebensächlich. «Wir stecken im Abstiegskampf.» Da gelte es, simpel zu spielen, füreinander zu laufen und zu kämpfen. «Dann kommt es gut.»

Tosetti will das am Samstag vorleben, der Oberschenkel werde ihn nicht daran hindern. Es sind gute Nachrichten für die Oberländer.

Berner Zeitung

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