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Der Kitt im Mannschaftsgefüge

Trotz langen verletzungsbedingten Abwesenheiten ist Kevin Bigler beim FC Thun zur Identifikationsfigur geworden.

Das Urgestein: Die Stockhorn Arena ist schon seit vielen Jahren das Zuhause von Kevin Bigler.
Das Urgestein: Die Stockhorn Arena ist schon seit vielen Jahren das Zuhause von Kevin Bigler.
Daniel Teuscher

Quizfrage: Wer ist im aktuellen Kader des FC Thun hinter Dennis Hediger der dienstälteste Spieler? Stefan Glarner? Guillaume Faivre?

Auf Kevin Bigler kommen bei dieser Frage wohl die wenigsten, doch der 26-Jährige ist ein Thuner Urgestein, hat die Juniorenabteilung durchlaufen und gehört seit 2011 zum Kader der ersten Mannschaft. «Ich habe halt nicht 300 Spiele gemacht – was sicher möglich gewesen wäre», sagt Bigler. Er sitzt am Donnerstagmorgen unter der Tribüne der Stockhorn-Arena und tut, was er immer wieder tun muss, wenn es um ihn geht. Er spricht über seine elend lange Verletzungsgeschichte, die beiden Bandscheibenvorfälle, die ihn zweimal je etwa anderthalb Jahre ausser Gefecht gesetzt haben. Der letzte Eintrag in seiner Blessurenakte ist eine Hirnerschütterung, die er sich im März im Spiel gegen Basel nach einem Faustschlag von FCB-Goalie Jonas Omlin zugezogen hat. «Leider gab es VAR damals noch nicht», sagt Bigler und grinst.

Der Gümliger ist ein äusserst reflektierter Gesprächspartner. Er schwadroniert nicht von schönen Toren, viel Geld und grossen Ligen. Er erzählt vielmehr von der Freude am Fussball, die er nach seiner Rückkehr auf den Platz verspürt habe, den Spielen gegen Basel und Sion zum Ende der letzten Saison, nach denen er wusste, dass er noch möglichst lange weiterspielen möchte, dass er sich nicht bremsen lassen will von Rückschlägen und Enttäuschungen. «Jeder hat seine Achillesferse, bei mir ist es halt der Rücken», sagt Bigler und erzählt, wie er bereits vor den Trainings Übungen mache, um den Körper in Gang zu bringen. «Ich habe meine Methoden gefunden, wie ich die Sache im Griff habe.»

Die Episode mit Chihadeh

Anfang Mai unterzeichnete Bigler einen neuen Einjahresvertrag. Sowohl er als auch die sportliche Leitung hatten lange zugewartet und geschaut, wie sich die gesundheitliche Situation entwickelt. «Wenn Profisport nicht mehr möglich gewesen wäre, bringt es mir ja auch nichts, noch einen Dreijahresvertrag zu unterschreiben», sagt Bigler. Als er sich gut erholte, erhielt er das neue Arbeitspapier. 71 Spiele hat Bigler in den acht Jahren in der ersten Mannschaft absolviert und dabei ein Tor erzielt. Der Wert des polyvalenten Mittelfeldspielers spiegelt sich nicht in Zahlen. Trainer Marc Schneider erklärt, Bigler sei sehr wichtig für die Mannschaft: als Leader, als Kämpfer, als Vorbild. «Das ist in der Aussenwahrnehmung nicht immer ersichtlich.»

In der Stockhorn-Arena erzählt Bigler eine Episode von der Partie letzte Woche gegen Xamax: Als er in der 78. Minute ausgewechselt wurde, habe er seinem Ersatz Saleh Chihadeh gesagt, es sei ihm eine Ehre, ihm für sein Debüt in der Super League Platz zu machen. Es sind solche Geschichten, die einem den Menschen Kevin Bigler näherbringen, die zeigen, weshalb er trotz Verletzungspech und verhältnismässig wenig Einfluss auf dem Platz immer noch in Thun ist, weshalb die Verantwortlichen 2015, als Bigler eigentlich für ein Jahr an den FC Biel ausgeliehen gewesen wäre, doch wieder als Erstes an ihn dachten und ihn zurückholten, nachdem sich Stefan Glarner verletzt hatte. «Kevin verkörpert unsere Werte perfekt», sagt Schneider. «Er ist unheimlich verlässlich.»

Das Coaching für Fatkic

Der Ruf des verlässlichen Arbeiters – er begleitet Bigler schon lange, und er ist sich bewusst, dass dieser unterschiedlich interpretiert werden kann. Positiv, als der Spieler, der immer irgendwann zu seinen Einsätzen kommt. Oder negativ, als der, der eben nicht spielt, wenn alle fit sind. Der Konkurrenzkampf im zentralen Mittelfeld ist beträchtlich; mit Roy Gelmi und Kenan Fatkic kamen im ersten Spiel, in dem Bigler zusammen mit Basil Stillhart das Zentrum bildete, zwei Akteure nicht zum Einsatz, die auch schon Stammspieler gewesen waren, und mit Dennis Hediger wird irgendwann im Herbst der gesetzte Captain zurückkehren. Bigler weiss das. Er sagt: «Ich will mir einen Stammplatz erkämpfen und zeigen, dass ich dort hingehöre.» Eine Kampfansage an die Konkurrenten? Mitnichten. Im nächsten Moment erzählt er beispielhaft vom guten Verhältnis zu Fatkic und wie sie sich im Training gegenseitig coachen und pushen.

Kevin Bigler ist der Kitt im Mannschaftsgefüge, der längst über den Fussballplatz hinaus denkt. «Wenn du zweimal anderthalb Jahre weg und derart im Ungewissen bist, musst du dich mit dem Leben nach dem Fussball auseinandersetzen, sonst bist du naiv», sagt er. Letztes Jahr hat der gelernte Kaufmann die Berufsmatura abgeschlossen, irgendwann will er ein Studium aufnehmen. Damit habe er sich eine Tür geöffnet, falls es im Fussball nicht mehr weitergehe, sagt Bigler. «Dieser Tag kommt sowieso irgendwann.» Egal ob in einem oder in zehn Jahren. Für Kevin Bigler ist klar: «Ich freue mich auf das, was noch kommt.»

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