Der Model-Torhüter

Der Brasilianer Alisson entzückt weit über die AS Roma hinaus. Heute will er seinen Club in die Viertelfinals der Champions League führen.

In zwölf Meisterschaftsspielen ohne Gegentor: Roms brasilianischer Torhüter Alisson. Foto: Giampiero Sposito (Pacific Press, LightRocket, Getty Images)

In zwölf Meisterschaftsspielen ohne Gegentor: Roms brasilianischer Torhüter Alisson. Foto: Giampiero Sposito (Pacific Press, LightRocket, Getty Images)

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Ist es ein gutes Zeichen für ein Team, wenn der Goalie regelmässig zum Mann des Spiels gewählt wird – oder doch eher eines, dass es der Mannschaft an der Balance fehlt? Dieser Grundsatzfrage ging die Römer Tageszeitung «Il Messaggero» gestern nach – kaum zufällig am Tag vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Schachtar Donezk.

Viel Publikum wird heute Abend wieder einmal das Olimpico bevölkern, mehr als 50'000 Fans sollen das Team gegen die Ukrainer nach dem 1:2 im Hinspiel zum Erfolg schreien. Dass die erste Viertelfinalqualifikation seit 2008 damals gegen Real Madrid weiter realistisch bleibt, verdanken die Italiener einem Mann: Alisson. Der brasilianische Schlussmann verfiel im Gegensatz zu seinen Kollegen in der Eiseskälte von Charkow nicht in Schockstarre, sondern hielt mit mirakulösen Paraden die Hoffnungen am Leben. «Das knappe Resultat belohnt vor allem die Leistung von Alisson», urteilte die «Gazzetta dello Sport». Kein Roma-Anhänger mochte der rosaroten Sportfibel widersprechen.

Schon 15-mal zu null

Es ist keine neue Beurteilung. Alisson gibt seinem Team mit sicherer Strafraumbeherrschung, katzenhaften Reaktionen und soliden Fähigkeiten mit den Füssen immer wieder die Chance auf ­Erfolgserlebnisse. Dazu strahlt der 25 Jahre alte 193-cm-Hüne enorme Ruhe aus. In zwölf Meisterschaftsspielen blieb er ohne Gegentor, zuletzt am Freitag beim 3:0 gegen Torino – das ist Ligarekord –, dazu in allen drei Heimspielen in der Champions League. Wenn man bedenkt, wie fehleranfällig die Innenverteidiger Manolas und Fazio sind und dass bei ­deren Ersatz Juan Jesus nur beten hilft, ein unfassbarer Wert. «Was Alisson zeigt, ist grossartig», lobt Francesco Totti, Roms Kaiser im Ruhestand.

Gross geworden ist der Mann mit deutschen Wurzeln – mit vollem Namen heisst er Alisson Ramses Becker – bei ­Internacional Porto Alegre. Mit acht war er in die Akademie eingetreten, dort hatte er sämtliche Juniorenstufen durchlebt und den Sprung ins Profikader ­geschafft. Beim Club, von dem einst auch Paulo Roberto Falcao nach Rom gewechselt war, verdrängte er zuerst seinen älteren Bruder Muriel auf die Ersatzbank, später führte er das Karrierenende von Goalielegende Dida herbei. Für die erste Mannschaft bestritt er mehr als 100 Spiele und gewann viermal das «Campeonato Gaucho», die Staatsmeisterschaft von Rio Grande do Sul.

Alissons Talent war früh aufgefallen, unter anderen auch dem heutigen ­Nationaltrainer Tite, der einst in Porto Alegre arbeitete. Für den Goalie gab es schon früh nur den Fussball, seine Vorbilder sind Manuel Neuer und Gianluigi Buffon. Auf seinem Weg wollte er sich durch nichts abbringen lassen, auch nicht durch die Vertreterin einer Modelagentur, die ihn einst beim Shopping folgendermassen ansprach: «Du hast die Veranlagungen. Hast du es noch nie als Model versucht?» Alisson erzählte unlängst im brasilianischen Fernsehen von dieser Begegnung als 18-Jähriger. Seine Antwort sei ein überzeugtes Nein gewesen, sagte er lächelnd. «Das lenkt nur vom Fussball ab.»

Zu Beginn in der Meisterschaft Ersatz

Seine Akklimatisation in Rom verlief nicht problemfrei. Wojciech Szczesny war in der Saison 2016/17 die klare Nummer 1 unter Luciano Spalletti, Alisson spielte nur in den Cupwettbewerben, ein schwaches Trostpflaster, da die Roma in der Europa League engagiert war. Im Gegensatz zu anderen unzufriedenen Spielern sorgte er nicht für schlechte Stimmung. «Ich habe versucht, dem Trainer die Entscheidung so schwierig wie möglich zu machen», sagt er. Dabei hilft ihm auch sein tiefer Glaube, dass alles ohnehin kommen wird, wie es kommen soll. «Ich bin Goalie der AS Roma und Diener von Christus», beschreibt er sich auf Twitter.

Die Freizeit geniesst er mit seiner Frau Natalia, die Zweisamkeit wird immer wieder unterbrochen durch Alissons Reisen zur Nationalmannschaft über den Atlantik. Er ist derzeit die Nummer 1 in der «Seleçao», vor Ederson, dem noch ein Jahr Jüngeren von Manchester City. Wer auch immer spielen wird: Zwei Spitzentorhüter, beide jung zudem, hatte Brasilien vor einer WM lange nicht mehr.

Liverpool in der Poleposition

7,5 Millionen Euro überwiesen die ­Römer für Alisson – ein Schnäppchen. Falls ihm eine gute WM gelingt, könnte der Betrag im Sommer zehnmal so hoch liegen, er wäre weltteuerster Goalie. An möglichen Interessenten fehlt es nicht. In der Poleposition scheint Liverpool, das schon im Winter mit seiner Verpflichtung liebäugelte.

«Vielleicht kommen die Gerüchte noch einmal auf, vorerst konzentriere ich mich aber auf die Roma», sagt Alisson. Übersetzt heisst das, er will heute wieder zu null spielen. Und wenn er für einmal wenig zu tun hätte, wäre ihm dies wohl auch egal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 22:53 Uhr

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