Der Traditionsclub ist wie neugeboren

Servette kehrt nach 6 Jahren in die Super League zurück – und erhöht das Budget massiv.

Vorzeitiger Platzsturm und ausgelassene Freude: Fans und Spieler kannten in Genf kein Halten mehr. (Video: SDA)
Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Was hörte Didier Fischer nicht alles, als er Ja sagte. Ja zur Übernahme von Servette. Ja dazu, einen Haufen Scherben zusammenzukehren und 6 Millionen Franken Schulden zu tilgen. Verrückt müsse jemand sein, der sich so etwas antue. Und ein Freund der Familie bat spöttisch um ein letztes gemeinsames Foto in Freiheit – Fischer werde vielleicht am gleichen Ort landen wie einige seiner Vorgänger: hinter Gittern.

Der 60-jährige Fischer kann über die Episode schmunzeln. Er ist der Präsident, der im Juni 2015 antrat, um Servette nach dem Absturz in die Promotion League grundlegend zu sanieren. Und der am Abend des 10. Mai 2019 seinen bislang grössten Triumph feiert: Die Genfer, mit 17 Meistertiteln immer noch dritterfolgreichster Verein der Schweiz, stehen nach dem 3:1 gegen Lausanne vor 20'000 Zuschauern drei Runden vor Schluss als Aufsteiger in die Super League fest. Dabei gab es kurz vor Spielende Verwirrung. Die Fans interpretierten einen Pfiff des Schiedsrichter falsch und rannten euphorisiert aufs Feld – drei Minuten zu früh. Die Partie wurde unterbrochen. Als alle Anhänger den Rasen verlassen hatten konnte zu Ende gespielt werden.

Zerstörte Glaubwürdigkeit

Ansonsten hat der Club wieder eine positive Ausstrahlung, er wirkt wie neugeboren nach Jahren, in denen Hochstapler und Blender wie Marc Roger, Majid Pishyr oder Hugh Quennec mit Misswirtschaft die Glaubwürdigkeit zerstörten, bis Servette im nationalen Geschäft kein Faktor mehr war. Heimspiele im Stade de Genève mit seinen 30'000 Plätzen verkamen meist zu einer trostlosen Angelegenheit. Aber Fischer, ein lokaler Unternehmer, schreckte all das nicht ab, im Gegenteil. Er erkannte «ein schönes Projekt», ihn zog die Vorstellung an, diesem maroden Laden nicht bloss einen frischen Anstrich zu geben, sondern frisches Leben. Dieses Talent hatte er entwickelt: in Schieflage geratene Firmen wieder aufzurichten.


Bildstrecke: Servette zurück in der Super League

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In Genf pflegt Fischer enge Beziehungen zur lokalen Finanzwelt. Er brachte es fertig, dass die Fondation Hans Wilsdorf, die Stiftung des gleich­namigen Gründers der Uhrenmarke Rolex, mehrere Millionen Franken zur Rettung von Servette beisteuert. Und er begeisterte vermögende Leute für den Fussball, deren Identität er nicht preisgibt. Er betont lieber, dass er «gute Menschen» um sich habe: «Ich gebe oft Auskunft. Aber die Arbeit verrichtet eine tolle Gruppe.»

Das verschwundene Dossier

2017/18 glaubte Fischer, Servette wäre bereit für die Super League. Stattdessen endete die Saison in der Challenge League auf Platz 3. Und mit der Frage: Wer wird eigentlich neuer Trainer? Alain Geiger hatte sein Dossier zwar eingeschickt, aber nie ein Signal erhalten. Also rief er im Mai Fischer an, der darob erstaunt war. Von Geigers Bewerbung wusste er nichts, konnte er nichts wissen, weil Mitarbeiter sie ihm nicht weitergeleitet hatten. «Weil sie fanden, dass Geiger nicht alle Kriterien erfüllt», sagt Fischer. Der Präsident aber lud ihn zum Gespräch ein, liess sich überzeugen und gab ihm einen Zweijahresvertrag. Kaum hatte er das getan, meldeten sich die Skeptiker: Geiger, wieso er? Ist ein Trainer, der zwei Jahre ohne Club war, dieser Aufgabe gewachsen?

Fischer kümmerte das so wenig wie seinen neuen Coach aus dem Wallis. Geiger wusste, dass er die Chance packen musste. Das hiess: aufsteigen. Heute sagt der 58-Jährige: «Ich hatte den Vorteil, über viel Erfahrung zu verfügen.» Er integrierte neun neue Spieler und verfügte über ein Kader, das zu einem Steigerungslauf fähig war. In der Vorrunde musste Geiger eine heikle Phase überstehen, jetzt kann er sagen: «Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben.»

Ab Sommer begrüssen sie in Genf wieder YB und Basel statt Chiasso und Rapperswil-Jona. Der Präsident hat angekündigt, dass das Budget für die erste Mannschaft von 6 auf bis zu 15 Millionen Franken angehoben wird – der Betrag ist für die nächsten drei Jahre garantiert.

Geiger wagt sich mit Respekt an die Aufgabe heran und prognostiziert, dass Servette zu jenen Vereinen gehören werde, für die der Ligaerhalt das primäre Ziel sein müsse. Fischer wiederum wünscht Spektakel, weil Fussball für ihn auch Entertainment ist. «Und wenn der Genfer unterhalten wird, kommt er auch wieder ins Stadion», sagt er. Als erstes Zwischenziel wird ein Schnitt von 8000 Zuschauern angestrebt.

Die präsidiale Forderung

Für Fischer ist die Ankunft auf höchster Ebene auch deshalb von grösster Bedeutung, weil so den Junioren endlich Perspektiven im eigenen Haus geboten werden. In der Vergangenheit verlor Servette immer wieder Talente für bescheidenes Geld an andere Clubs. 2,5 Millionen lassen sich die Genfer die Nachwuchsabteilung kosten, und Fischer erwartet, dass der Club stärker davon profitiert.

Den Trainern der Nachwuchsteams machte er klar: «Es ist mir völlig egal, ob ihr Schweizer Meister werdet. Entscheidender ist es, dass viele eigene Junioren den Sprung zu unseren Profis schaffen. Und die Besten sollen danach von Servette direkt ins Ausland transferiert werden.» Sagts und fügt an: «Unser Kurs stimmt.»

TelegrammServette - Lausanne 3:1 (1:1). - 20'055 Zuschauer. - SR San. - Tore: 4. Stevanovic 1:0. 15. Frick (Eigentor) 1:1. 74. Alphonse 1:0. 77. Imeri 3:1.

Rangliste: 1. Servette 33/70 (76:32). 2. Lausanne-Sport 33/56 (56:35). 3. Aarau 32/54 (58:44). 4. Winterthur 32/47 (48:47). 5. Wil 32/38 (29:41). 6. Vaduz 32/38 (43:58). 7. Rapperswil-Jona 32/35 (42:47). 8. Kriens 32/35 (43:49). 9. Schaffhausen 32/35 (38:57). 10. Chiasso 32/30 (39:62).

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