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Der vergessene Bayern-Spieler

Obwohl Jérôme Boatengs Weggang feststeht, wird er in München nicht verabschiedet und bleibt der Meisterfeier fern. Der Club und der Spieler haben sich entfremdet.

Der FC Bayern München feiert seinen 29. Meistertitel: Jérôme Boateng ist nicht dabei und wird auch in keinem Wort erwähnt. (Video: Youtube)

Das Podest auf dem Rasen war verlassen, rot-silbernes Konfetti lag darauf. Die Spieler, die hier eben noch die Meisterschale in den Münchner Mai-Himmel stemmten, sie waren weitergezogen Richtung Fankurve. Niklas Süle nahm sehr grosse Schlucke aus den sehr grossen Weissbiergläsern, Joshua Kimmich schenkte sein Trikot den Fans und Thomas Müller gab natürlich den Animateur.

Jérôme Boateng sah ihnen dabei zu. Er stand neben dem verlassenen Podest abseits von allen anderen. Er unterhielt sich mit Betreuern und es sah so aus, als sei er selbst ein Betreuer. Als dürfe er diesen Titel nicht feiern. Als sei es nicht sein Titel.

Auf Instagram postete Boateng später ein Bild. Er schrieb: «Die beste Art den Titel zu feiern, ist mit meinen Mädchen.» Auf dem Foto ist zu sehen, wie er mit seinen Töchtern über den Rasen ging. Einen Mannschaftskameraden sah man nicht, so wie auch keiner der zahlreichen Fotografen in der Arena ein Bild von Boateng mit der Meisterschale machen konnte. Wohl aber vom zweiten Ersatz-Torhüter Ron-Thorben Hoffmann und von Winter-Neuzugang Alphonso Davies.

Noch dabei, aber doch nicht

An der offiziellen Meisterfeier am Nockherberg wurden abtretende Spieler wie Arjen Robben, Franck Ribéry und Rafinha von Karl-Heinz Rummenigge, Bayerns Vorstandsvorsitzendem, in den höchsten Tonen gelobt und so ehrenvoll verabschiedet (siehe Video oben). Boateng wurde in keinem Wort erwähnt. Der Weltmeister von 2014 nahm nicht an der Meisterfeier teil, er fuhr auch nicht mit dem Mannschaftsbus dorthin und sagen wollt er sowieso nichts. Die «Bild» schrieb am Sonntag, Boateng sei stattdessen auf der Hochzeit eines Freundes gewesen, der Club hätte Bescheid gewusst. Bei der Meisterfeier am 26. Mai auf dem Marienplatz sei er wieder dabei.

Vielleicht wird er physisch anwesend sein, aber wie jemand, der dazugehört, so wirkte Boateng nicht mehr. Das ist durchaus erstaunlich, denn es ist ja ganz und gar nicht übertrieben, zu behaupten, dass Boateng die jüngere Vergangenheit des FC Bayern geprägt hat. 286-mal stand der 30-Jährige für den FC Bayern auf dem Platz, das sind mehr Einsätze als halb-offizielle Clublegenden wie Giovane Elber oder Stefan Effenberg haben. In der ewigen Einsatz-Rangliste liegt der mit allen Ehren verabschiedete Robben nur zwei Plätze vor ihm.

Boateng gewann mit Bayern die Champions League, als Stammspieler, als jemand, der das Spiel des FC Bayern nicht nur mit seinen Quarterback-Pässen prägte. Es gab Zeiten, da hielten ihn einige Menschen für den besten Innenverteidiger der Welt. Und nun steht er da und schaut seiner Mannschaft beim Feiern zu.

Der Anfang vom Ende

In der Arena am Samstag sah man den Höhepunkt einer Geschichte der Entfremdung zwischen einem Spieler und einem Verein. Sie begann, als Karl-Heinz Rummenigge sagte, er habe das Gefühl, Boateng müsse wieder «back to earth» kommen und Boateng daraufhin meinte, über solche Kritik könne er «nur lachen». Im vergangenen Sommer ging die Beziehung zwischen Bayern und Boateng schon ihrem Ende entgegen, der gebürtige Berliner war sich mit Paris Saint-Germain über einen Wechsel einig. Es scheiterte dann an der Ablöse und vielleicht auch ein bisschen an Niko Kovac, der sich öffentlich für Boateng stark machte.

Der Trainer, der wie Boateng aus Berlin kommt und mit dessen Halbbruder Kevin-Prince ein Jahr zuvor den DFB-Pokal gewann, rückte aber zunehmend von seinem Spieler ab. Er setzte während der Saison immer häufiger auf das Duo Hummels/Süle. Boateng kam höchstens dann, wenn einer der beiden verletzt oder gesperrt war. Während er auf der Bank sass, fiel er als Herausgeber seines eigenen Magazins auf, dass er BOA nannte. Und als Schirmherr einer vorab gross beworbenen Party nach dem BVB-Spiel in München, über die Uli Hoeness im Vorfeld sehr subtil zwischen den Zeilen durchscheinen liess, wie er darüber so denkt («Ich werde da nicht hingehen. Weil es ein Schwachsinn ist!»).

Wenn das Angebot stimmt...

Dass Boateng den FC Bayern in diesem Sommer verlassen wird, das ist nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» bereits seit März sicher. Mit Lucas Hernandez und Benjamin Pavard kommen zwei Innenverteidiger für zusammen 115 Millionen Euro. Verabschieden wollte ihn der FC Bayern im Gegensatz zu Robben, Ribéry und Rafinha trotzdem nicht. Vielleicht ist das Verhältnis zwischen Vorstand und Spieler so heruntergekühlt, dass man ihm Blumen verwehrt. Vielleicht steckt auch nur das wirtschaftliche Kalkül dahinter, weil die Ablöse mit jedem Blumenstrauss sinkt. Allerdings scheute sich Rummenigge im vergangenen Jahr nicht, während der WM offen zu verkünden, dass Boateng bei entsprechendem Angebot gehen könne.

So oder so geht ein gebrauchtes Jahr zu Ende. Boateng musste im Februar ja auch von Bundestrainer Löw erfahren, dass dieser in der Nationalmannschaft nicht mehr mit ihm plane und er musste auch lesen, dass man das bei ihm ja noch im Gegensatz zu Mats Hummels und Thomas Müller irgendwie verstehen könne. Weil man ja ahnt, dass sein geschundener Körper nach all den Verletzungen nicht mehr jedes Spiel schafft. Seit Juli 2016 fehlte er zusammengerechnet über 300 Tage wegen Muskel-, Leisten- und Schulterverletzungen.

Der «Kicker» berichtete neulich, Boateng habe die Auflösung seines bis 2021 laufenden Vertrages verlangt. Sollte er damit durchkommen, wäre er ablösefrei zu haben. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass der FC Bayern das tun wird. Wohin es ihn ziehen könnte, das weiss man aktuell noch nicht. Boateng ist erst 30 Jahre alt, früher hätte man gesagt, zwei, drei gute Jahre hat er noch. Was sicher scheint: Einen Abschied wie Rafinha, Robben und Ribéry – den wird er in München nicht bekommen.

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