«Der Videobeweis wird zu oft genutzt»

Der frühere Spitzenschiedsrichter Urs Meier findet, dass der Videobeweis den Fussball gerechter macht. Der 58-jährige Aargauer geht aber davon aus, dass die Technik neue Regeln nötig macht.

Urs Meier ist überrascht, wie oft der Videobeweis am Confederations Cup eingesetzt wird.

Urs Meier ist überrascht, wie oft der Videobeweis am Confederations Cup eingesetzt wird.

(Bild: Imago)

Wie verfolgen Sie den Confederations Cup in Russland?Urs Meier:Also im Grunde ist der Confederations Cup nicht unbedingt ein Wettbewerb, den ich unter keinen Umständen verpassen darf. Sportlich finde ich die Spiele längst nicht so spannend wie die bei einer Europa- oder einer Weltmeisterschaft. Aber dieses Jahr habe ich mir das eine oder andere Spiel angeschaut.

Weil Sie als ehemaliger ­Schiedsrichter wissen wollen, wie Ihre Nachfolger mit dem ­Videobeweis umgehen? Natürlich. Ich war gespannt, wie der erste grosse Testlauf funktioniert, was es noch für Probleme mit der Technik gibt und wie die Zuschauer auf diese Änderungen reagieren.

Wie fällt Ihr Urteil aus? Wie viele andere Betrachter auch sehe ich zwei Aspekte. Erstens: Der Videobeweis hilft dabei, dass der Fussball gerechter wird. Alle Einsätze der Technik haben dazu geführt, dass eine Situation den Regeln entsprechend bewertet wurde, das kann für den Sport nur gut sein.

Und jetzt kommt ein grosses Aber? Kein grosses, aber ein berechtigtes Aber. Die zahlreichen Diskussionen in den letzten Tagen zeigen ja, dass nicht alle Zuschauer mit dem Einsatz des Videobeweises zufrieden sind. Es gibt noch einige Probleme.

Es geht darum, dass das Spiel zu häufig unterbrochen wird und dass es zu lange dauert, bis eine Entscheidung fällt. Genau, das sehe ich auch so. In diesen beiden Bereichen gab es zahlreiche Diskussionen, was aber auch damit zu tun hat, dass der Videobeweis deutlich häufiger eingesetzt wurde, als ich das im Vorfeld erwartet hätte.

Warum ist das so? Die Übungsphase im Vorfeld des Turniers war zu kurz. Die Schiedsrichter haben zu wenig mit ihren neuen Möglichkeiten geübt, und das merkt man jetzt eben daran, dass es teilweise mehr als zwei Minuten dauert, bis eine Entscheidung gefällt wird. Oder dass die Schiedsrichter auf dem Rasen so verunsichert sind, dass sie selber ein-, zweimal zum Bildschirm laufen und anschliessend ihre eigenen Entscheidungen revidieren.

Wie lang war denn die Test­phase vor dem Turnier? Das weiss ich auch nicht. Aber wenn man die Ergebnisse sieht, dann war sie deutlich zu kurz.

Gehen Sie davon aus, dass die jetzigen Kinderkrankheiten künftig kein Thema mehr sein werden? Ja, ich gehe davon aus, dass man viele Dinge künftig nicht mehr sehen wird. In der Bundesliga hat man bereits ein Jahr lang parallel zum normalen Spielbetrieb mit der neuen Technik gearbeitet. Es gab an jedem Spieltag sogenannte Offlinetests, bei dem die Videoassistenten noch keine Sprechverbindung zum Schiedsrichter auf dem Rasen hatten. Ausserdem gab es mehrere Testläufe bei Spielen unter Ausschluss der ­Öffentlichkeit. Ich bin überzeugt, dass dieser Vorlauf gepaart mit der hohen Qualität der deutschen Schiedsrichter dazu führt, dass man in der Bundesliga nicht annähernd so häufig über den Videobeweis diskutieren wird.

Weiss, wovon er spricht: In seiner Karriere hat Urs Meier 883 Spiele auf Profi-Ebene geleitet. Von 2007 bis 2011 war er zudem Chef der Schweizer Schiedsrichter. Bild: Keystone

Und in anderen Ligen? Spannend dürfte es in Portugal und Italien werden, wo die Technik auch genutzt wird – dort werden die Schiedsrichter aber ebenfalls ohne Testphase ins kalte Wasser geworfen.

Wo liegt aktuell das grösste ­Problem? Der Videobeweis wird zu oft genutzt.

Aber dafür ist er doch da. Nein, er ist eine Absicherung. Aber wenn man drei- oder viermal pro Spiel den Videobeweis zurate ziehen muss, dann heisst das doch auch, dass der Schiedsrichter sich bei drei oder vier Situationen nicht sicher ist. Es kann nicht sein, dass so oft ins laufende Spiel eingegriffen wird.

Wie häufig sollte der Schiedsrichter denn Ihrer Meinung nach die Technik beanspruchen? Das Beste wäre, wenn er sie gar nicht benötigt. Ich vergleiche es immer mit einem Airbag im Auto: Es ist eine Absicherung im Hintergrund für den absoluten Notfall. Aber ein richtig umsichtiger und guter Fahrer braucht seinen Airbag nie. Das gilt auch für Schiedsrichter, und damit bin ich wieder bei dem, was ich seit Jahren sage: Man muss das Schiedsrichterniveau an der Weltspitze fördern, erst recht mit der ­Einführung des Videoschiedsrichters.

Das übernimmt doch die ­Technik. Das ist auch gut so, wenn es um die eine Situation geht, die ein Spiel oder gar ein ganzes Turnier entscheiden kann. Aber wenn ich sehe, dass beim Confederations Cup eine Situation aufgrund einer falschen Offsideentscheidung abgepfiffen wird, obwohl der Spieler klar in der eigenen Platzhälfte gestartet ist, dann reden wir von einem Schiedsrichterproblem und nicht von einem Videobeweisproblem. Und man muss sich bewusst sein: Wenn der Videoschiedsrichter eingeführt wird, dann braucht es noch mehr professionelle und gut ausgebildete Schiedsrichter.

«Wenn der Videoschiedsrichter ­eingeführt wird, dann braucht es noch mehr pro­fessionelle und gut ausgebildete Schiedsrichter.»Urs Meier

Ach ja? Natürlich. Im Fussball gibt es Dinge wie die Absicht, die einen grossen Einfluss haben. Lenkt der Spieler den Ball absichtlich mit der Hand ab oder nicht? Foult er seinen Gegenspieler absichtlich oder nicht? Das ist ent­scheidend! Aber auf stehenden Bildern ist das nicht oder nur sehr schwer zu erkennen. Deswegen braucht es auch vor den Bildschirmen bestens geschulte Schiedsrichter mit einem grossen Verständnis.

Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen am Confederations Cup, was müsste man noch ändern? Die Kommunikation.

Welche Kommunikation? Im Moment ist es so, dass weder die Spieler noch die Zuschauer wissen, welche Szene sich die Schiedsrichter anschauen. Sie ahnen in vielen Fällen gar nicht, was auf dem Feld passiert und warum das Spiel unterbrochen ist. Offside? Foul? Hands? In anderen Sportarten, beim American Football oder beim Rugby, geht man mit dieser Situation viel transparenter um, dort wissen ­alle, was Sache ist.

Das verkürzt die Wartezeit aber nicht. Nein, aber die Wartezeit ist eine ganz andere. Als Zuschauer fühlt man sich involviert. Im Tennis wird doch vor dem Hawk-Eye auch diskutiert, ob der Ball im Aus war oder nicht. Das schafft sogar einen Mehrwert, man fühlt sich als Zuschauer involviert.

Das grösste Problem vieler Zuschauer ist aber, dass der Videoschiedsrichter den Fussball revolutionieren wird. Er wird den Fussball verändern, ganz bestimmt.

Inwiefern? Es wird in Zukunft nicht mehr, aber andere Diskussionen rund um das Spiel geben. Es wird immer wieder zu Unterbrechungen kommen, wenn auch hoffentlich nicht so häufig wie zuletzt. Es wird gerechter werden. Es wird neue Regeln geben...

... welche neuen Regeln? Dadurch, dass man rückwirkend ins Spiel eingreift, muss man klären, wie lange das möglich ist. Da gibt es noch ganz viele Dinge, die nicht endgültig geklärt sind. Die wichtigste Veränderung ist aber eine ganz andere.

Nämlich? Der Videoschiedsrichter wird den Fussball in zwei Klassen unterteilen. Es wird das passieren, was man immer verhindern wollte, nämlich dass oben die Profis eine veränderte Form jenes Sports ausüben, den unten die Amateure betreiben.

Rechnen Sie damit, dass der ­Videoschiedsrichter bereits im kommenden Jahr bei der WM zum Einsatz kommt? Ich gehe davon aus, darum wird die Technik ja bereits angewendet. Viele der Kritiker vergessen ja gern, dass es nur ein erster Testlauf ist. Aber der Verband will diese Änderung, und ich bin jetzt schon gespannt, über welche Dinge im kommenden Jahr diskutiert werden wird. Denn eines steht fest: Es wird dank dem Videobeweis ganz bestimmt nicht weniger Diskussionen geben. Aber ganz bestimmt andere.

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