Der Wunderwuzzi

Meistermacher Adi Hütter hat auch YB zum Titel geführt. Der Österreicher steht vor einer grossen Zukunft.

Wie gehts mit YB-Meistermacher Adi Hütter weiter?

Wie gehts mit YB-Meistermacher Adi Hütter weiter?

(Bild: Raphael Moser)

Fabian Ruch

Als Adi Hütter seine Trainerstelle im Spätsommer 2015 bei den Young Boys antrat, dachte er kaum daran, so lange zu bleiben. Er meinte einmal in einem längeren Gespräch: «Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, und war auf alles vorbereitet.» Ende April 2018 ist der Österreicher mit grossem Abstand dienstältester Coach in der Super League, ausser ihm ist in der nervösen Liga keiner länger als seit letztem Juni im Amt. «Es macht mich stolz, so lange in Bern zu sein», sagt Hütter. «Das zeigt, dass wir vieles richtig gemacht haben.»

Kaum einen Fehler erlaubt

Adi Hütter hat bei YB höchstens mal eine kleine Ergebniskrise erlebt. Der Nachfolger von Uli Forte hatte vor bald drei Jahren ein verunsichertes Team übernommen, das er mit ein paar taktischen Kniffen sofort in die Spur führte. Er hat sich kaum einen Fehler erlaubt, seine Arbeit ist imponierend, weil er souverän ist, eine brillante Aussendarstellung hat, intern wie extern die richtigen Worte findet und keine Angriffsfläche bietet. Er blieb auch dann relativ ruhig, als die Young Boys im Herbst 2016 wieder mal in den Selbstzerstörungsmodus schalteten – und prominentes Personal an der Clubspitze austauschten. «Das war keine einfache Zeit», sagt Hütter, «weil natürlich auch die Spieler die Probleme im Verein mitbekamen.»

Vielleicht gelang Adi Hütter damals seine Meisterprüfung bei diesem zuweilen sehr unruhigen Arbeitgeber. Er arrangierte sich schnell mit den neuen Gegebenheiten, wobei die Zusammenarbeit mit Sportchef Christoph Spycher keineswegs spannungsfrei startete. Hütter musste seine Rolle im veränderten Konstrukt zuerst finden. Schliesslich war mit Spycher nun einer sein Vorgesetzter, der ihm zuvor als Talentmanager zugearbeitet hatte. «Wir haben am Anfang oft diskutiert», sagt Spycher, «aber unsere Gespräche waren stets von viel Respekt geprägt.»

Mit attraktiver Spielweise

Es ist eine der grössten Stärken von Hütter, Entwicklungen zu antizipieren. Er hatte die Super League mit aggressivem Pressing im Sturm erobert, doch als sich die Gegner auf diese Spielweise eingestellt hatten, passte er sich an. «Ich will als Trainer unberechenbar sein», sagt er. Bei Red Bull Salzburg war er als Meister und Cupsieger freiwillig gegangen, weil er die taktischen Dinge nicht so extrem sah wie Red Bulls Fussballbeauftragter und Pressingfanatiker Ralf Rangnick. YB praktiziert meistens ein offensiv interpretiertes 4-4-2-System. «Ich gewinne lieber 4:3 als 1:0», sagt Hütter, «Fussball ist auch Unterhaltung.»

Seine feinen Sensoren und sein Intellekt erlauben es Hütter, auf Fehleinschätzungen angemessen zu reagieren. So gab es Phasen, in denen er mit Sékou Sanogo, Kevin Mbabu, Loris Benito und Djibril Sow nicht restlos zufrieden war. Hütter gab die Spieler nicht auf, er arbeitete intensiv mit ihnen, heute zählt das Quartett zu den Leistungsträgern. «Wichtig ist», sagt der Trainer, «dass man miteinander spricht. Und nicht übereinander.» Er hat in den letzten Monaten fast jeden YB-Spieler besser gemacht. Und sagt, die starken Auftritte in der Rückrunde seien kein Zufall: «Wir bestritten im ersten Halbjahr 33 Pflichtspiele in fünf Monaten und konnten kaum richtig trainieren. Das war nach der Winterpause anders.»

Besessener und Bonvivant

Adi Hütter ist ein Perfektionist, und diese Beschreibung wird nicht nur gewählt, weil sich das treffend anhört für einen Meistertrainer. Seine strenge, manchmal pedantische Art ist bei den Spielern durchaus gefürchtet. «Er ist nie total zufrieden», sagt Captain Steve von Bergen. Goalie Marco Wölfli ergänzt, Hütter wolle immer mehr, auch nach Siegen spreche er die negativen Punkte knallhart an. «Er treibt uns stets an», sagt Wölfli. Der Trainer gibt zu, ungemütlich zu werden, wenn ein Spieler Leidenschaft und Engagement vermissen lasse. Seine autoritäre Seite kaschiert Hütter elegant. Er ist ein lockerer, smarter Typ, der im Betrieb, bei Sponsoren sowie in der Fangemeinde prächtig ankommt – und mit seiner schlanken, sportlichen Erscheinung in kurzen Trainingshosen wie im eng geschnittenen Anzug eine gute Figur abgibt.

Auch die Medienarbeit absolviert der 48-Jährige kompetent, er bereitet sich auf Pressetermine sorgfältig vor. «Ich nehme mir immer vor, meine wichtigste Botschaft zu platzieren», sagt Hütter. Nahe Berichterstatter testet der einstige österreichische Nationalspieler (14 Länderspiele), indem er ihnen etwa bei einem Nachtessen interne Abläufe im Vertrauen detailliert schildert. Er überlässt nichts dem Zufall und bespricht sich mit langjährigen Begleitern und Experten aus Bereichen wie Wirtschaft, Finanzen, Motivationslehre, Medien und Sportwissenschaft. «Es gibt immer Leute, die etwas besser wissen», sagt Hütter, «vom Austausch mit ihnen kann ich nur profitieren.»

Adi Hütter ist ein Fussballbesessener, der die schönen Dinge des Lebens dennoch gerne pflegt. Einen anständigen Wein trinken beispielsweise und ein gediegenes Essen geniessen, aber auch mal eine Runde Golf spielen, wobei er seine Schläger in den letzten zwei Jahren nicht oft gesehen hat. Er lebt allein in Muri, Frau und Tochter sind in Salzburg geblieben, aber oft zu Besuch, die Tochter studiert, letztes Jahr für ein paar Monate in Madrid.

Bald in der Bundesliga

Adi Hütter ist ein Wunderwuzzi, so werden in seiner Heimat Alleskönner genannt, in der Schweiz sagt man «Siebesiech». Er ist ehrgeizig, plant seine Karriere zielstrebig und hat nie verschwiegen, in der Bundesliga arbeiten zu wollen. Als Meister in Österreich und in der Schweiz ist seine Perspektive ausgezeichnet. Im Herbst hätte er schon zu Bremen gehen können. Doch Hütter ist von sich genug überzeugt, um abzuwarten, bis er ein Team aus den Top 8 übernehmen darf. «Die Arbeit in Bern war nicht abgeschlossen, als Bremens Angebot kam», sagt Hütter, der seinen Vertrag bei YB im Winter bis 2019 verlängerte – zweifellos mit einer Ausstiegsklausel versehen.

Nun stehen ihm alle Türen offen. Doch vorerst möchte er auch die Young Boys zum Double führen, Ende Mai wartet der Cupfinal in Bern gegen Aussenseiter Zürich. Und falls sich im Sommer kein Bundesliga-Topclub finden lässt, sind die Aussichten bei YB auch nicht so übel. Die Champions League lockt, die ganz grosse Bühne, es gilt nur eine Qualifikationsrunde zu überstehen. Und irgendwann, vielleicht schon im Herbst oder im Winter, wird in Deutschland bestimmt eine interessante Trainerstelle frei.

Berner Zeitung

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