Die filmreife Rückkehr eines Traditionsclubs

Nach dem Konkurs folgte der Durchmarsch: Wie Parma dreimal in Folge aufstieg – und der Captain sein Versprechen einlöste.

Zurück in der Serie A: Der Durchmarsch von Parma. Video: Tamedia/Keystone.

Ein Mann, ein Wort. Rund drei Jahre ist es her, als Alessandro Lucarelli verkündete, seinem Verein die Treue zu halten. Trotz dem Konkurs. Trotz ausstehenden Lohnzahlungen. Trotz der Zwangsrelegation in die Serie D, der vierthöchsten Liga Italiens. Trotz seinen damals 37 Jahren. Trotz allem.

Es war im März 2015, als dem einst so stolzen Club endgültig der Stecker gezogen wurde. Italienischen Medien zufolge benötigte das Gericht gerade mal zehn Minuten, um Parma für Bankrott zu erklären. Jenem Verein, der 1995 und 1999 den Uefa-Cup gewann und bei dem unter anderen Gianluigi Buffon, Fabio Cannavaro, Filippo Inzaghi, Hernan Crespo und Christo Stoitschkow spielten.

Geld für Benzin fehlte

Die Pleite war der Tiefpunkt einer monatelangen Seifenoper, mit vielen Peinlichkeiten. Der Verein hatte nicht nur kein Geld für Saläre, sondern konnte zeitweise nicht mal mehr das Benzin für die Fahrten zu den Auswärtsspielen bezahlen. Sogar Heimspiele mussten verschoben werden, weil das Sicherheitsdispositiv nicht finanziert werden konnte. In der Saison 2014/15 regierten fünf Präsidenten, einer davon (Giampietro Maneti) wurde wegen Korruption verhaftet. Die Schulden des Vereins beliefen sich auf rund 75 Millionen Euro.

Trotz allem blieb er, Lucarelli – als Einziger. Sieben Jahre spielte er zu diesem Zeitpunkt schon für Parma: «Das ist mein Shirt, ich stehe dem Verein weiterhin zur Verfügung. Egal in welcher Liga.» Und er versprach: Er werde den Club zurück in die Serie A führen.

Das Riskante an diesem Versprechen: Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt ein Parma in der Serie D geben wird. «Für Wochen hatten wir keinen Verein mehr», erzählt Giovanni Dougall, ein passionierter Parma-Fan, dem italienischen Portal «The Gentleman Ultra». Es brauchte Menschen wie ihn, um den als Parma Calcio 1913 benannten Verein neu zu formieren. Noch heute halten die Fans ihre 10 Prozent Anteile, die 2015 durch Crowdfunding zusammenkamen. Dazu gründeten lokale Geschäftsleute die Gruppierung «Nuovo Inizio», auf Deutsch Neuanfang. Ab sofort war Parma also in lokalem Besitz, Hoffnung machte sich breit.

Schnell wurde aus Hoffnung Euphorie: Über 9000 Saisonkarten wurden für die Serie D verkauft – Ligarekord. Das Team, angeführt von Captain Lucarelli, dankte es den Fans und stieg sofort in die Serie C auf. Ohne eine einzige Niederlage.

Etwas schwieriger gestaltete sich die zweite Saison von Parma Calcio 1913. Nach dem 1:4 im Heimspiel gegen Padova – der dritten Niederlage der Saison – musste Trainer Luigi Apollini Mitte November 2016 gehen. Für ihn kam Roberto D’Aversa, ein in Stuttgart geborener Italiener mit zwei Jahren Trainererfahrung bei Virtus Lanciano in der Serie B. An ihm hielten die Besitzer auch fest, als gegen Saisonende nur drei Siege aus zehn Spielen resultierten. Mit Erfolg: Via Playoffs schaffte Parma den nächsten Aufstieg. Grosses Glück hatte das Team allerdings im Halbfinal, als das Penaltyschiessen zugunsten «Il Ducali» entschied. Den Final gewannen sie dann gegen Alessandria 2:0, vor den Augen von Vereinslegende Hernan Crespo.

Damit war die Mission Rückkehr endgültig lanciert – und prompt wurde Parma auch wieder im Ausland registriert. Vor allem in Person von Jiang Lizhang, einem chinesischen Geschäftsmann mit Affinität zum Fussball. Der Besitzer des spanischen Clubs Granada übernahm 60 Prozent der Anteile von Parma, beliess aber 30 Prozent bei «Nuovo Inizio» und auch die 10 Prozent der Ansammlung von Fans. Ein weiterer cleverer Schachzug war die Ernennung seines Statthalters, während Lizhang nicht in Italien weilt: Der neue Vizepräsident von Parma heisst seit Sommer 2017 Hernan Crespo.

Filmreifes Ende

Der schmächtige, eher schüchtern wirkende Lizhang versprach damals: «Parma wird zurückkehren und den Platz einnehmen, den es im italienischen Fussball verdient.» Dabei verzichtete der Chinese auf teure Transfers und setzte vor allem auf ablösefreie Spieler und Leihgeschäfte. Kein Jahr später dann der grosse Erfolg: Am Freitag machte Parma den ersehnten Aufstieg in die Serie A perfekt. Und das mit einem filmreifen Ende.

Vor dem letzten Spieltag stand Parma auf dem dritten Tabellenplatz. Zum direkten Aufstiegsrang fehlten zwei Punkte. «Il Ducali» musste also auf ein Unentschieden von Frosinone gegen Foggia hoffen – und selbst auswärts gegen La Spezia gewinnen.

Nach einer Stunde führte Parma 2:0, und Frosinone lag 0:1 zurück. Innert fünf Minuten drehte Parmas Aufstiegskonkurrent die Partie, sodass es aussah, als müsste der Traditionsclub ins Playoff. Doch in der 89. Minute schoss der eingewechselte Roberto Floriano das 2:2 – und bei Parma Calcio 1913 brachen alle Dämme.

Drei Jahre nach seinem Treueschwur löste Lucarelli sein Versprechen also ein: Der bald 41-Jährige führte seinen Herzensclub zurück in die Serie A. «Es ist unglaublich, niemand konnte sich ein solches Finale vorstellen», sagte Lucarelli nach Spielschluss.

Für den Innenverteidiger war es wohl das letzte Spiel: Er hat seinen per Ende Saison auslaufenden Vertrag noch nicht verlängert. Alles deutet auf ein Karriereende hin. Es wäre ein perfekter, fast schon kitschiger Abschied – obwohl sich die Parma-Fans noch einen letzten Auftritt wünschen: mindestens ein Spiel in der Serie A.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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