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Die Geschichte eines erstaunlichen Absturzes

Die AS Monaco hat vom einstigen Glanz eingebüsst. Ein Altbekannter soll den Club aus dem Fürstentum nun retten.

Oliver Meiler
Am 15. Oktober 2018 war die Welt im Fürstentum noch in Ordnung. Thierry Henry wurde als neuer Monaco-Trainer vorgestellt.
Am 15. Oktober 2018 war die Welt im Fürstentum noch in Ordnung. Thierry Henry wurde als neuer Monaco-Trainer vorgestellt.
Sebastien Nogier, Keystone
Auch der Schweizer Goalie Diego Benaglio konnte dem 41-Jährigen nicht helfen.
Auch der Schweizer Goalie Diego Benaglio konnte dem 41-Jährigen nicht helfen.
Claude Paris, Keystone
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Jahrelang gelang es Monaco, stets ihre besten Fussballer zu Geld zu machen – und trotzdem oben zu stehen. Doch nun erlebt der Verein eine turbulente Saison und erkennt, dass er zu viele seiner Leistungsträger abgegeben hat. Trainer Leonardo Jardim, der während der Spielzeit entlassen und nun wieder zurückgeholt wurde, muss nun erneut ein Wunder vollbringen.

Die Geschichte ist auch eine Entzauberung mit durchaus grotesken Zügen. Die Franzosen haben ihre stille Freude daran, weil die Geschichte im Fürstentum spielt. In Monaco also, unten im schönen Süden, wo alles etwas anders tickt als in der Republik. Auch im Fussball zahlen die Monegassen viel weniger Steuern als die Franzosen, obschon sie ja in der nationalen Meisterschaft mitspielen, in der Ligue 1. Das gibt immer mal wieder böses Blut. Doch die Association Sportive ist eben auch zur französischen Traditionsmarke gereift. Im Ausland nimmt man oft wohl gar nicht wahr, dass das nicht Frankreich ist.

Nun steht Monaco in der Meisterschaft plötzlich auf dem 19. Platz, dem vorletzten. Von den vergangenen 21 Spielen konnte man nur zwei gewinnen. Aus der diesjährigen Champions League flog Monaco schon nach der Vorrunde raus, mit einem Punkt nur, das reichte nicht einmal für die Europa League. Die beiden nationalen Pokalwettbewerbe? Da ist man auch ausgeschieden. Es bleibt nur noch die Hoffnung auf den Klassenerhalt, die nackte Rettung.

Der Niedergang ist die Folge einer Reihe verfehlter Personalentscheidungen, die, wären sie in der ordentlichen Wirtschaftswelt passiert, vermutlich die gesamte Führungsetage zum Rücktritt gezwungen hätten. Im vergangenen Oktober, als die Baisse chronisch wurde, entliessen die russischen Clubbesitzer den gefeierten Coach der letzten Jahre, den Portugiesen Leonardo Jardim. Er erreiche das Team nicht mehr, hiess es. Neue Impulse erhoffte man sich von einem, der zwar noch nie Cheftrainer war, dessen Name allein aber allen abgelöschten Herrschaften Beine machen würde: Thierry Henry, der verehrte «Titi», gross geworden im Nachwuchs von Monaco, dann Rekordtorschütze der französischen Nationalmannschaft. Er sollte sich – nach gut zwei Jahren als Co-Trainer der belgischen Nationalelf – gleich an einer Grossaufgabe beweisen.

Henry kommt nicht gut an

Das Experiment war zumindest gewagt, es misslang gründlich. Henry, ein Mann mit üppigem Selbstvertrauen, machte nach jeder Niederlage seine Spieler verantwortlich, sehr direkt und schnippisch. Kam nicht gut an. Anfang Januar forderte er Verstärkungen und bekam gleich zwei prominente: Seinen Freund Cesc Fàbregas von Chelsea wollte er ganz unbedingt, die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim FC Arsenal. Und von Schalke 04 kam Naldo. Man kann nicht behaupten, die beiden hätten das Niveau Monacos auf Anhieb gehoben. Naldo sah schon zwei Mal Rot, in drei Spielen. Fàbregas fragt sich wohl gerade, ob dieser Wechsel eine gescheite Wahl war: Henry wurde bereits entlassen, ziemlich brüsk, nach nur 104 Tagen im Amt. Fàbregas war nur wegen «Titi» gekommen.

Und Monaco holte nun tatsächlich Jardim zurück. Die Sportzeitung L'Équipe schätzt, dass der doppelte Rauswurf binnen drei Monaten den Club etwa 20 Millionen Euro gekostet hat. Das immerhin kann man sich locker leisten. Monaco hat ein Modell entwickelt, das dem Verein viel Geld eingebracht hat. Es basiert auf dem «Trading», dem Handel mit Spielern. Es war lange Zeit so unerhört einträglich und dazu auch noch so erfolgreich, dass so mancher Verein nun versucht, es zu kopieren. In den vergangenen Jahren kaufte Monaco die Dienste vieler junger und sehr junger Spieler ein. Den besorgten Eltern versprach man ein tolles Umfeld: eine überschaubar grosse und im Kern doch recht langweilige Stadt, Wohlstand rund herum, gutes Klima, ein Auge auf die schulischen Leistungen. Man sagte ihnen auch, dass ihr Nachwuchs nirgendwo bessere Aussichten haben würde, bald grossen Fussball ohne viel Druck spielen zu können, an der Spitze der französischen Ligue 1 und in der Champions League, und dass er dann dank dieser prominenten Bühne wohl bald noch grösseren Fussball spielen dürfte, in Spanien etwa, England oder Italien.

Jardim gilt als Fussballintellektueller

Von Trainer Jardim hiess es, er pflege alle Aspekte des Sportlers gleichermassen: seine individuelle Entwicklung, die Integration in die Gruppe, das taktische Spielverständnis, die Winner-Mentalität, natürlich auch die Kondition. Als der Portugiese vor fünf Jahren von Sporting Lissabon an die Côte d' Azur umzog, kannte ihn keiner. Er sprach kaum Französisch und war ungewohnt scheu. In den Pressekonferenzen zitierte er Philosophen, man nannte ihn schnell einen «Intello du foot», einen Fussballintellektuellen, und das war nicht unbedingt positiv gemeint.

Doch dann wurde Jardim zum Glücksfall, zum «König Midas», wie ihn die französische Presse nannte, zum «rentabelsten Coach Europas». Das Trading funktionierte. Jeden Sommer verkaufte Monaco jeweils seine besten, recht billig erworbenen Angestellten mit unverschämt grosser Gewinnmarge, insgesamt waren es 500 Millionen Euro in fünf Jahren. Allein für Kylian Mbappé, der 2017 nach Paris wechselte, gab es 180 Millionen. Trotzdem gelang es den Monegassen nach jedem Aderlass, das Niveau zu halten. Vor eineinhalb Jahren war man Meister geworden, vor dem scheinbar übermächtigen und finanziell aufgepumpten Paris Saint-Germain, in der Champions League schaffte man es bis ins Halbfinale. Ein Wunder war das, auf dem verrückten Karussell war mal wieder alles an seinem richtigen Platz gelandet. Dank Jardim, dem Rundumcoach.

Doch irgendwann musste es ja schiefgehen. Im vergangenen Sommer liess Monaco gleich drei Stützen ziehen, die gesamte Kreativabteilung: Thomas Lemar, Joao Moutinho und Bernardo Silva. Jardim sagte damals, die Saison werde zum «Höllenritt», wenn die Abgänge nicht einigermassen adäquat ersetzt würden. Nun, sie wurden nicht adäquat ersetzt, der Höllenritt läuft. Jardim erhielt Jobangebote aus China, Saudiarabien, Katar. Doch er wollte sich mal etwas Zeit für die Familie nehmen, fürs Lesen und Reisen, seinen Wohnsitz behielt er in Monaco. Als sie ihn nun zurückholten, sagte er: «Ich hatte mich noch gar nicht gelangweilt.»

Man traf sich beim Asiaten in Jardims Strasse und war sich schnell einig. Vor drei Monaten hatte er noch als ausgepowert gegolten, ohne Einfluss auf die Mannschaft. Nun soll er sie dazu motivieren, das Fürstentum vor der Zweitklassigkeit zu retten.

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