Die jämmerlichste Entschuldigung

Das Foto von Özil, Gündogan und Erdogan sorgt für Ärger. Jetzt machen es sich die Spieler einfach – und der DFB heuchelt.

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Natürlich haben sie dann den einfachsten Weg raus aus dem Schlamassel gesucht, den sie selbst angerichtet haben. «Fussball ist unser Leben und nicht die Politik», erklärte Ilkay Gündogan, nachdem ihm und seinem Arbeitskollegen Mesut Özil die Fotos um die Ohren geflogen waren, die sie mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten aufnehmen lassen. Logisch: Sport und Politik haben ja sowieso nichts miteinander zu tun. Und der Fussballer an und für sich soll sich immer schön bloss um den Ball und das Tor kümmern.

Es ist eine jämmerliche Entschuldigung, weil in westlichen Demokratien auch Fussballer als mündige Menschen gelten, die frei denken und sogar eine politische Meinung haben dürfen. Andererseits: Warum sollten die zwei nicht einfach jene Antwort geben, die ihnen von den grossen Sportverbänden immer und immer wieder vorgekaut wird? Sport und Politik, das hat ja gemäss Weltfussballverband Fifa, Olympischem Komitee und praktisch allen nationalen Sportverbänden gar nichts miteinander zu tun.

Rüffel vom DFB

Insofern ist es zwar richtig, wenn nun Reinhard Grindel, der Präsident des Deutschen Fussball-Bundes (DFB), feststellt, es sei «nicht gut», wenn sich zwei deutsche Nationalspieler in Erdogans Wahlkampf einspannen lassen: «Der Fussball und der DFB stehen für Werte, die von Herr Erdogan nicht hinreichend beachtet werden.»


Video: Ein Treffen sorgt für Wirbel

Die deutschen Nationalspieler Gündogan und Özil treffen Erdogan. Video: Tamedia/Reuters


Aber wohin reist denn der DFB demnächst wie alle anderen grossen Fussballnationen – und ja, wie auch die Schweiz? An die WM nach Russland. Na, und dort werden die Werte des Fussballs und des DFB hinreichend beachtet? Nein, werden sie nicht. Und doch haben weder Herr Grindel noch Peter Gilliéron, der Präsident des Schweizerischen Fussballverbandes, noch Fifa-Präsident Gianni Infantino jemals ernsthaft daran gedacht, nicht dorthin zu gehen, wo sie möglicherweise auf ein Foto mit Wladimir Putin kommen könnten.

Deutsche Heuchelei

Denn, das sagte Reinhard Grindel vor einem Jahr, in einem WM-Turnier sei für die «Selbstdarstellung von Politikern wenig Platz». Da hat er aber bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi ganz fest die Augen zugemacht. Die WM in Russland wird zu einer Propagandaschleuder für Putin ohnegleichen werden.

Aber eben, es wäre doch schade, wegen ein paar verhafteten Menschenrechtlern, dem Einreiseverbot für nicht genehme Journalisten und einigen, ganz wenigen, ungeklärten Morden an Exil-Russen auf dieses Fussballfest zu verzichten. Deutschland müsste ja den Weltmeistertitel herschenken. Und die Schweiz den wunderbaren Traum eines WM-Viertelfinals begraben.

Nein, da entrüstet man sich lieber ein klein wenig über türkische Secondos. Und hofft doch, dass sich die Wogen ganz schnell glätten. Und wenn trotzdem mal jemand fragt, wieso man denn an die WM nach Russland reise, kann man erst noch Gündogans Entschuldigungsbrief zitieren: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen.» Und eben: «Fussball ist unser Leben und nicht die Politik.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 14:00 Uhr

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