Die Lektion wirklich kapiert

6:0 gegen Island – ein Anfang in eine gute Zukunft ist damit gemacht, aber Bestätigungen müssen folgen.

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Der Trainer schreit an der Seitenlinie seine Freude heraus. Der Schrei ist so kräftig, er muss aus dem tiefsten Inneren herausgekommen sein. Das hat nicht das Beschwingte wie an der WM gegen Brasilien, als auch Steven Zuber der Torschütze gewesen war. Das jetzt und hier in St. Gallen gegen Island ist mehr: Das ist die pure Erlösung. Als würde Vladimir Petkovic in diesem Moment spüren, dass seine Mannschaft ungebremst auf dem Weg ist, Antworten zu geben.

Die Schweiz gewann unter Petkovic schon 7:0, gegen San Marino, sie gewann im Frühjahr einmal 6:0, gegen Panama. Sie besiegte Ungarn 5:2 und selbst Europameister Portugal 2:0. Aber dieses 6:0 zum Start in die Nations League, das auch ein 8:0 hätte sein können, das ist ein ganz besonderes Resultat. Weil es für eines steht: Ja, diese Nationalmannschaft hat ihre Lektion wirklich kapiert.

Sie standen geschlossen hin

Es sind bemerkenswerte Tage, die hinter ihr liegen, Tage der Aufarbeitung von dem, was seit dem Spiel in Russland gegen Serbien alles schlecht und schief gelaufen ist. Am vergangenen Dienstag korrigierten die Spieler den lamentablen Auftritt von Verbandspräsident Peter Gilliéron und dem ­Delegierten Claudio Sulser vom Vortag, die noch glaubten, die konfliktreichen Wochen mit einem «Erledigt-Zeichen» abhaken zu können (so Gilliéron). Geschlossen standen sie hin und entschuldigten sich für das, was sie mit dem Doppel­adler alles ausgelöst hatten.


Video: Ein erster Schritt

Steven Zuber gelingt das 1:0, das einen 6:0-Sieg einleitet. Video: SRF


Dann gingen sie ins Training, arbeiteten seriös, gaben sich bei einem Kindertraining zugänglich, und Torhüter Yann Sommer sagte: «Wir müssen einfach als Mannschaft ­schauen, wie wir in Zukunft in der Öffentlichkeit auftreten.» Dann kommt der Samstag, sie ­gehen in St. Gallen auf den Platz und werden von den Zuschauern offen begrüsst. Später sagt Xherdan Shaqiri: «Das Wetter, die Leistung, die Unterstützung der Zuschauer – alles hat gepasst.»

67 Tage liegen zwischen Schweden und Island, zwischen dem Achtelfinal an der WM und dem Start in einen neuen Wettbewerb, zwischen Blutleere und Begeisterung, Sprachlosigkeit und Spielfreude, Einbruch und Aufbruch. 67 Tage und diese eine Frage: Was alles blockierte die Schweizer damals in St. Petersburg? War es der Druck des Ereignisses, weil sie spürten, dass sie endlich den Viertelfinal erreichen müssen? Waren es die unbewältigten Nachwirkungen des Serbien-Spiels? Stiess diese Mannschaft auch nur an ihre Grenzen, weil sie nicht mehr als ein Achtelfinalist ist? War der Trainer der Situation nicht gewachsen? Die eine Antwort gibt es nicht, es war eine Mischung aus allem.

Die Mannschaft lebt

Gegen Island ist das Team bereit. In der 2. Minute hat Haris Seferovic die erste Chance, in der 13. gelingt Steven Zuber das 1:0 nach einer langen Ballstafette, die bei Kevin Mbabu begonnen hat, diesem dynamischen Debütanten auf der rechten Abwehrseite. In der 23. erhöht Denis Zakaria, der natürliche Nachfolger von Valon Behrami im zentralen Mittelfeld, auf 2:0. Die Schweizer machen immer weiter, Granit Xhaka kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal eine derart über­ragende erste Halbzeit gezeigt hätten. Shaqiri trifft nach der Pause schnell zum 3:0, Seferovic zum 4:0, wofür er vom Publikum gefeiert wird, Debütant Albjan Ajeti gelingt mit dem ersten Ballkontakt das 5:0, und Rückkehrer Admir Mehmedi verschönert die Arbeit des Tages mit dem 6:0. Danach steht das ganze Stadion.


Video: Der Abschluss

Admir Mehmedi mit dem letzten Tor des Abends. Video: SRF


Diese letzte Woche ist ein erster Schritt in eine gute Zukunft, ein eindrucksvoller sogar. Die Mannschaft beweist, dass sie lebt. Aber es ist noch nicht mehr. Auch Petkovic sagt: «Man muss es mehrmals machen, um zu sagen, es sei ein Neuanfang.» Die Mannschaft muss Leistungen voller Leidenschaft wiederholen, sie muss sich immer wieder daran erinnern, dass von ihrem Verhalten abhängt, wie sie wahrgenommen und beurteilt wird.

Xhaka und Shaqiri haben jetzt speziell gezeigt, dass sie verstanden haben. Xhaka überzeugt bereits verbal, und gegen Island darf er Captain sein, weil Petkovic mit Stephan Lichtsteiner schon länger abgemacht hat, erst in England wieder auf ihn zu setzen. Am Fernsehen wird vor dem Spiel das Unverständnis deutlich, ausgerechnet Xhaka die Binde zu übergeben.

Der Shaqiri, den die Mannschaft braucht

Dabei hat Xhaka alles, was einen Captain ausmacht, er ist ein Leader, das hat er schon in Mönchengladbach gezeigt. Und das tut er, wenn sein Bruder Taulant in Basel den Vertrag verlängert. Dann sitzt er selbst als Spieler von Arsenal bestimmend am Tisch. Er hat ein manchmal überbordendes Temperament, ja, aber genau das lässt sich kanalisieren, wenn er in die Verantwortung genommen wird.

Shaqiri beeindruckt beim Medienauftritt weniger von der Körperhaltung her. Aber auf dem Platz, da ist er der Shaqiri, wie ihn diese Mannschaft braucht. Auf der Position hinter der Sturmspitze, die Petkovic zu lange Blerim Dzemaili anvertraute, tobt er sich aus. Er sagt: «Ich kann wichtig werden für die Mannschaft.» Er kann es nicht werden, er ist es schon. Er muss nur öfters beweisen, dass er auch bereit ist, alles aus seinem Talent herauszuholen.


Video: Shaqiri mit seinem persönlichen Highlight

Xherdan Shaqiri fühlte sich wohl in der Rolle hinter der Spitze. Video: SRF


Im Hintergrund geht die Analyse der Firma von Bernhard Heusler weiter, wie sich der Verband künftig aufstellen soll. Die grosse Revolution wird ausbleiben, weil die Strukturen mit Swiss Football League, 1. Liga und Amateurliga zu fest verankert sind. Was bleibt, ist die Möglichkeit, die Nationalmannschaft zu einer selbstständigen, professionell geführten Abteilung zu machen. Damit Petkovic künftig wieder lernt, dass auch er Vorgesetzte hat und kommunikativer sein muss. Ein 6:0 lässt nicht gleich alles vergessen, was zuletzt aus dem Ruder gelaufen ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2018, 00:11 Uhr

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