Zum Hauptinhalt springen

Die unterschätzte Kunst und ihr Meister

Wie kein Zweiter versteht es Matteo Tosetti, Flanken zu schlagen. Der Thuner Flügel avancierte so im letzten Jahr zu einem der besten Vorbereiter der Super League. Sein Erfolg ist kein Zufall.

Massarbeit: Thuns Matteo Tosetti kann als Flankengott bezeichnet werden.
Massarbeit: Thuns Matteo Tosetti kann als Flankengott bezeichnet werden.
Patric Spahni

Es ist vielleicht die folgenschwerste Flanke der Fussballgeschichte: Am 17. November 1993 läuft in Paris im letzten Spiel der WM-Qualifikation zwischen Frankreich und Bulgarien die Nachspielzeit. Es steht 1:1, die Franzosen müssen das Unentschieden nur noch über die Zeit bringen. Sie bekommen einen Freistoss an der Eckfahne zugesprochen, den sie kurz ausführen. Doch statt den Ball zu halten, flankt David Ginola zur Mitte, weit über den einzig ­mitgelaufenen Mitspieler hinweg.

Drei Pässe später trifft der Bulgare Emil Kostadinov auf der Gegenseite zum 2:1. Die Bulgaren reisen an die WM in die USA, die Equipe tricolore erlebt einer der schwärzesten Momente ihrer Historie. Ginola habe ein «Verbrechen gegen das Team» begangen, sagt Nationaltrainer Gérard Houllier nach der Partie. Er ist bis heute nicht über diesen Abend in Paris hinweggekommen.

Wer eine Flanke schlägt, der hofft, damit Entscheidendens zu bewirken. Sie kann der letzte Pass vor dem Treffer sein, so verlockend wie ein Torschuss. Wie es Stürmer gibt, die aus allen Positionen schiessen, gibt es Flügel, die von überall her flanken. Doch was oft einfach aussieht, ist einer der meistunterschätzten Spielzüge im Fussball.

Zemans Diktat

Am Mittwochmorgen in der Stockhorn-Arena. Nach dem Training übt Matteo Tosetti mit Stürmer Simone Rapp Flanken. Er schlägt die Bälle zur Mitte, wo sie Rapp zu verwerten versucht. Immer und immer wieder. Tosetti ist derzeit mit fünf Vorlagen in fünf Partien der beste Vorbereiter der Schweiz. Keiner tritt die Flanken so maasgenau wie er. Nach der Einheit sagt er zwei bemerkenswerte Sätze: «Ein Assist löst bei mir die gleich schönen Emotionen aus wie ein eigener Treffer.» Und: «Vor dem Tor denke ich immer zuerst an den Mitspieler.»

Schneiders Rat

Als Tosetti vergangenen Sommer vom FC Lugano ins Oberland wechselte, musste er sich erst wieder angewöhnen, zu flanken. Im Tessin war ihm von der Trainerlegende Zdenek Zeman eingebläut worden, dass hohe Hereingaben nicht zum Fussball gehören würden. Der 70-jährige Tscheche wollte, dass seine Aussenspieler nach innen ziehen, den Ball flach halten. Heute gewinnt Tosetti dem Diktat Zemans Positives ab. «Ich habe dadurch gelernt, mein Spiel zu variieren. Das ist wichtig. Denn so bleibe ich für den Gegner unberechenbar.»

In Thun angekommen, sass Matteo Tosetti bald einmal mit dem Assistenzcoach Marc Schneider zusammen. Der heutige Cheftrainer fand, Flanken seien eine der Stärken Tosettis. Und er solle sich auf seine Vorzüge fokussieren, nicht auf die Schwächen. «Ich machte im letzten Jahr grosse Fortschritte», sagt der Rechtsfuss. Ein Beleg: In 42 Partien für die Oberländer hat der 25-Jährige 22 Treffer vorbereitet, davon 16 im Jahr 2017.

Wie also schlägt man eine gute Flanke, Matteo Tosetti?

Der rechte Flügel sagt, bevor ihm der Ball zugespielt werde, mache er sich ein Bild von seiner Umgebung. «Wo sind die Gegner? Die Mitspieler? Wie präsentiert sich die Lage im Strafraum?» Vor 17 Tagen bei YB flankte er vor dem 4:0 auf den langen Pfosten, wo Marvin Spielmann frei stehend direkt zum 4:0 traf. Letzte Woche gegen Lausanne bediente er Dejan Sorgic, der am ersten Pfosten aus kurzer Distanz per Kopf den Führungstreffer erzielte.

Sportchef Andres Gerber sagt, Tosetti habe ein untrügliches Gefühl dafür, wie sich eine Spielsituation entwickle. «Zudem spürt er, mit welcher Schärfe er flanken muss.» Es ist eine Gabe, die man hat oder nicht. Die Technik aber kann erlernt werden. Im Ballbesitz folgt Tosetti einem tausendfach eingeübten Bewegungsablauf. Den Ball schneidet er an, indem er die ­Innenseite des Fusses weit öffnet, der Oberkörper befindet sich in Rücklage, der rechte Arm kippt ab. Im Standbild sieht seine Haltung suboptimal aus, in Echtzeit wirkt der Bewegungsablauf aber geschmeidig.

Ginolas Tragödie

Voraussicht und Technik, es ist die Basis einer guten Flanke. Matteo Tosetti erwähnt einen weiteren Aspekt: Beim FC Thun habe er von der Vereinsführung, dem Staff und den Mitspielern von Anfang an viel Rückhalt gespürt. Das habe sich auf seine Darbietungen ausgewirkt. «Ich mache einfach, hinterfrage mein Handeln nicht ständig.» Deshalb meint der U-17-Weltmeister von 2009, im Oberland finde er für sich das perfekte Umfeld vor. Letzte Woche verlängerte er seinen Vertrag bis 2021, mindestens eine Saison möchte er beim FC Thun verbleiben. Matteo Tosetti ist mit sich und seinem Leben gerade sehr im Reinen.

Zurück zu David Ginola: Weil dessen früherer Trainer Gérard Houllier auch viel später auf der Szene von 1993 herumritt und ihn einmal gar einen Dreckskerl schimpfte, standen sich die beiden 2012 vor Gericht gegenüber. Ginola, mittlerweile 50-jährig, sagte damals: «Mein Leben wird auf zehn Sekunden Spielzeit reduziert, man macht mich achtzehn Jahre danach immer noch zum Sündenbock.»

Und das alles nur einer Flanke wegen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch