Die YB-Talente haben sich unterschiedlich entwickelt

Der YB-Jahrgang 1994 war herausragend. Nun spielen nur noch zwei der einstigen Junioren in Bern.

Bild aus vergangenen Tagen: Einst waren Gregory Wüthrich, Yvon Mvogo und Florent Hadergjonaj (von rechts) bei YB Teamkollegen. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Bild aus vergangenen Tagen: Einst waren Gregory Wüthrich, Yvon Mvogo und Florent Hadergjonaj (von rechts) bei YB Teamkollegen. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Dominic Wuillemin

Fast täglich lassen Gregory Wüthrich, Florent Hadergjonaj und Haris Tabakovic die alten Zeiten aufleben. Sie greifen zum Handy, quatschen, flachsen – wie damals, als sie nach dem Training die freie Zeit zusammen geniessen konnten. Drei Aufsteiger aus der Region, ausgebildet im Nachwuchs von YB, jung und unbeschwert, die das neue Leben als Profi frönten.

Der Fussball hat sie zu Freunden gemacht, er hat sie auseinander getrieben. Seit Sommer 2016 spielt Hadergjonaj im Ausland, erst beim FC Ingolstadt in Oberbayern, ab Sommer 2017 im englischen Huddersfield. Tabakovic zog es vor drei Jahren nach Zürich zu GC, eineinhalb Jahre später ins ungarische Debrecen, nahe der Grenze zu Rumänien. Nur Wüthrich ist immer noch da, in der Stadt, in der er unweit des Inselspitals aufgewachsen ist, beim Club, für den er seit dem 12. Lebensjahr spielt.

Als Wüthrich an einem Nachmittag in den Katakomben des Stade de Suisse sitzt und über die gemeinsamen Zeiten spricht, sagt er: «Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen».

Da Silva, die Ausnahme

Wüthrich, Hadergjonaj und Tabakovic gehören dem goldenen YB-Jahrgang 1994 an, von dem es neun Spieler zum Profi geschafft haben. Mit Hadergjonaj und Yvon Mvogo sind zwei von ihnen Schweizer Nationalspieler geworden, Michael Frey und David von Ballmoos sind schon im Aufgebot des Nationalteams gestanden.

Wird bedenkt, dass sich die Young Boys als Ziel gesetzt haben, ein bis zwei Nachwuchsspieler pro Jahr ins Kader zu integrieren, verzeichneten sie in dieser Altersgruppe eine aussergewöhnliche Ausbeute. Eine, die im Schweizer Fussball ihresgleichen sucht.

Frey war der Senkrechtstarter, der als erstes für Aufsehen sorgte und schon in der Saison 2012/2013 mit 18 Jahren regelmässig spielte. Ihm folgten Leonardo Bertone, Hadergjonaj, Wüthrich und Tabakovic. Von Ballmoos musste sich gedulden, erst als der gleichaltrige Yvon Mvogo im Sommer 2017 nach Leipzig wechselte, erbte er dessen Platz im YB-Tor. Sven Joss und Nuno Da Silva schafften den Schritt zum Profi über Thun respektive Breitenrain. Da Silva ist der Einzige, der nie für YB in der Super League gespielt hat.

Doch der Jahrgang 1994 ist mehr als eine Laune des Schicksals, die es gut gemeint hat mit den Bernern. Er steht für eine Kurskorrektur bei den Young Boys – vom teuren und mit etlichen Ausländern aufgeblähten Kader unter Sportchef Ilja Känzig und Trainer Christian Gross hin zu mehr Jugend, zu mehr einheimischen Schaffen.

«Der Club wollte bescheiden wirtschaften, das spülte viele Junioren in die erste Mannschaft», sagt Christoph Spycher. Vielleicht seien es etwas gar viele auf einmal gewesen, meint der Sportchef mit Blick auf die Ausgewogenheit im Kader. «Aber es war ein deutliches Zeichen pro Nachwuchs.»

Ausgerechnet Hadergjonaj

Die Geschichte Spychers ist eng verknüpft mit jener der 1994er. Als die ersten von ihnen in die erste Mannschaft drängten, war er der alternde Captain, der seinen Rücktritt ins Auge gefasst hatte. Beim letzten Spiel Spychers im Mai 2014 gegen St. Gallen standen Mvogo, Wüthrich und Frey in der Startaufstellung, Bertone, Hadergjonaj und von Ballmoos sassen auf der Ersatzbank. Als Talentmanager war Spycher dann wichtiger Ratgeber der aufstrebenden Nachwuchskräfte.

Nachdem er 2016 Sportchef wurde, bestimmte er deren Zukunft mit. Er verkaufte Mvogo nach Leipzig, promovierte von Ballmoos, gab Frey an den FCZ, Joss nach Thun und zuletzt Bertone in die USA zu Cincinnati ab. Wenn er auf die Wege blickt, welche die früheren YB-Junioren zurückgelegt haben, spricht Spycher von einem «super Jahrgang», der aber auch zeige, dass während einer Karriere etliche Tücken lauern würden.

Es zum Profi zu schaffen, sei zwar ein grosser Schritt, sagt Spycher. «Aber damit fängt die Arbeit erst an. Man ist einer enormen Konkurrenz ausgesetzt, muss sich jede Minute Einsatzzeit erkämpfen.» Der schwierigste Schritt, sagt Spycher deshalb, sei jener zum Stammspieler. «Es braucht auch Glück und Geduld, und die richtigen Entscheide im richtigen Moment.»

Spycher denkt an den Münsinger Frey, zu dem er einen besonderen Bezug hat, der sich nach vielversprechendem Start in Lille verletzte und in Ungnade fiel, via Luzern, Bern und Zürich nun beim türkischen Grossklub Fenerbahçe Istanbul den zweiten Versuch im Ausland nimmt. Der Sportchef denkt auch an Mvogo, dessen Transfer zu RB Leipzig er als vernünftig erachtete. Eineinhalb Jahre später kommt der 24-Jährige erst auf zwei Einsätze in der Bundesliga, ihm steht der ungarische Nationaltorhüter Péter Gulácsi vor der Sonne.

Ausgerechnet Hadergjonaj, der Rechtsverteidiger, der immer ein wenig unterschätzt wurde, ist bisher als Einzigem der Durchbruch in einer Topliga geglückt. Erst in der Bundesliga, nun auch im Premiumprodukt Premier League.

Wüthrichs Leiden

Dass sich eine Karriere nur bedingt planen lässt, zeigt auch das Beispiel Wüthrichs. Von Nationaltrainer Vladimir Petkovic wurde er einst zu einem der drei grössten Schweizer Verteidigertalenten auserkoren, bis heute hat er jedoch während einer Saison nie mehr als 12 Partien in der Super League bestritten.

Die aktuelle Saison ist ein Spiegelbild seiner Karriere. Immer dann, wenn er Schwung aufzunehmen scheint, wird er von Verletzungen ausgebremst. Nach dem Abgang von Kasim Nuhu zu Hoffenheim war er unter Trainer Gerardo Seoane gesetzt, er hatte im Playoff zur Champions League Hin- und Rückspiel bestritten, das entscheidende Tor von Guillaume Hoarau in Zagreb vorbereitet, ehe in eine Adduktorenverletzung zur Pause zwang.

«Einen schlechteren Zeitpunkt hätte es nicht geben können», sagt Wüthrich. Statt sich mit den Starstürmern von Manchester United und Juventus Turin im grellen Scheinwerferlicht der Königsklasse zu messen, musste er in der Reha an seinem Comeback schuften.

Wüthrich spricht von dunklen Tagen, die er erlebt habe, es sei schwieriger gewesen als 2016, als er sich gleich zweimal schwer am Knie verletzt hatte. Dass er im finalen Gruppenspiel beim grossen Heimsieg gegen Juventus für die letzten Sekunden eingewechselt wurde und so doch noch zum Einsatz gekommen ist, empfindet er als grosse Belohnung.

Spycher sagt, Rückschläge wie jener Wüthrichs würden zum Dasein als Profi dazu gehören. Er erinnert sich, wie er sich einst kurz vor seinem möglichen Länderspieldebüt verletzt hatte. Wer erfolgreich sein wolle, sagt der YB-Sportchef, der müsse mit solchen Rückschlägen umgehen können.

Wüthrich habe nun die Chance, sich zu beweisen, sagt der Sportchef. Der Vertrag des Stadtberners läuft im Sommer 2020 aus. Es ist nicht auszuschliessen, dass dann keiner der neun 94er mehr bei YB spielen wird, Goalie von Ballmoos hat nie ver­heh­lt, dass er dereinst ins Ausland wechseln möchte.

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