Ein 1:1 der Schweiz in Spanien als Mutmacher

Das Petkovic-Team ringt dem grossen Spanien ein Remis ab – das ist ihr Lohn für einen beherzten Auftritt.

Das Tor der Schweiz gegen Spanien: In der 62. Minute trifft Ricardo Rodriguez.
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Es ist nur ein Testspiel, nicht mehr. Auch Xherdan Shaqiri hat am Vorabend gesagt: «Die WM ist noch einmal etwas ganz anderes. Da kommt noch viel mehr Druck dazu.» Und doch gelingt den Schweizern in Spanien ein Auftritt, der ein Mutmacher ist für das, was ab dem 17. Juni in Russland gegen Brasilien, Serbien und Costa Rica folgt.

Das 1:1 ist eine Ehrenmeldung. Denn der Gegner ist nicht irgendwer. Es ist Spanien, einer der grossen Favoriten und die Hauptprobe für das Spiel gegen Brasilien. Die Schweizer haben dann und wann Glück, der Gegner ist besser und überlegen, aber was für sie spricht: Sie lassen nie nach, sie versuchen mutig zu sein, auch ohne ihren grossen Chef Granit Xhaka, der zwar spürbar fehlt, aber noch geschont wird. Das wird mit dem Ausgleich belohnt, der Rodriguez in der 62. Minute gelingt.

Diszipliniert und unaufgeregt

«Vamos!», hat der Speaker zu Beginn des Abends gerufen, «vamos!, vamos!» Und dann geht es los mit diesen Spaniern, die so herrlich Fussball spielen können. Nach 90 Sekunden muss Zakaria in höchster Not den Schuss von Koke blocken und Sommer den Nachschuss von Thiago zum Eckball lenken.

Es ist die schnelle Bestätigung dafür, was die Schweizer an diesem Abend im alten Madrigal von Villarreal erwartet. Das haben sie gewusst, damit haben sie gerechnet, «wir werden in Schwierigkeiten kommen», hat Coach Vladimir Petkovic gewarnt, «aber wir müssen auch dann kompakt bleiben». Seine Spieler versuchen das, sie sind diszipliniert, auch unaufgeregt – so gut das eben gegen eine Mannschaft dieses Kalibers geht.

Video: Xherdan Shaqiri nach dem Spiel

Der Trainer weiss, dass ich mich als Zehn wohl fühle.

Bald getrauen sie sich aus ihrer Platzhälfte heraus und suchen das Glück mit weiten oder schnellen Pässen. Eine Kombination über vier, fünf Stationen führt zum ersten Corner. Dann fliegt ein Schuss Dzemailis über das Tor. Nach einer halben Stunde sprinten Shaqiri und Lichtsteiner auf der rechten Seite los, Lichtsteiners Querpass fliegt durch den Fünfmeterraum. Nur ist keiner da, um davon zu profitieren. Die Szene steht für das Manko der Schweizer, wenn sie auf dem Weg nach vorne sind: Es fehlt die letzte Präzision, die letzte Konsequenz, die letzte Präsenz eines Seferovic oder Dzemaili im Strafraum De Geas.

Wechselspiele nach der Halbzeit

In diesem Augenblick liegen die Schweizer 0:1 zurück. Die Entstehung dieses Tores steht dafür, dass sie sich gegen Spanien keinen Moment der Unachtsamkeit leisten können. Wie ihnen das in der 29. Minute unterläuft, als Lichtsteiner den Ball mit dem Kopf nicht klären kann, als sie zwar zu siebt im eigenen Strafraum stehen, aber Odriozola an der 16er-Linie total vergessen und darum bei seiner Direktabnahme alle nur Zuschauer sind.

Mit der zweiten Hälfte beginnen die Wechselspiele, die bei solchen Gelegenheiten üblich sind. Djourou kommt für Schär, Embolo für Dzemaili und Drmic für Seferovic, Shaqiri wechselt ins Zentrum. Djourou spielt vor dem eigenen Strafraum einen fahrlässigen Pass, der zu seinem Glück weiter keinen Schaden anrichtet, Akanji unterlaufen zwei Fehler, Embolo wirkt wirr, dem einen oder anderen fehlt es an Frische.

Iniesta vergibt das 2:0, dann wird er ausgewechselt und vom Publikum gefeiert: Es ist sein 126. und letzter Auftritt auf spanischem Boden gewesen, bevor er nach der WM aus dem Nationalteam zurücktritt. Er hat nochmals Kostproben seines Könnens geboten.

Der Ausgleich als Symbol

Auch Jordi Alba vergibt eine Chance, es läuft alles gut und glatt für den Favoriten. Die Schweizer dagegen sind immer noch damit beschäftigt, sich in neuer Besetzung zu finden. Und auf einmal kombinieren sie sich stilsicher durch die spanische Abwehr, Zuber zu Zakaria, der zu Embolo, der zu Lichtsteiner, und der Captain kommt in seinem 99. Länderspiel zum Abschuss. De Gea lässt den Ball fallen und offeriert so Rodriguez das Geschenk, den Ball aus zwei Metern über die Linie zu schieben.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass beide Aussenverteidiger der Schweiz gleichzeitig im gegnerischen Sechzehner auftauchen. Das muss Petkovic gefallen, er bekommt in diesem Moment, was er von seinen Spielern verlangt: dass sie mutig sind.

Lang kommt für Lichtsteiner. Das darf als Indiz verstanden werden, dass nicht der Basler der überzählige Rechtsverteidiger ist, wenn Petkovic heute Nachmittag sein WM-Kader bekannt gibt, sondern Widmer von Udinese. Shaqiri darf Lichtsteiner als Captain ersetzen, worauf er schon immer einmal Lust gehabt hat.

Die Spanier wirken zuerst genervt durch den Ausgleich. Gewinnen wollen sie trotzdem, und darum erhöhen sie den Druck nochmals. Es braucht eine Grosstat von Sommer, um gegen Rodrigo das zweite Tor zu verhindern. Es braucht Glück bei Abschlüssen von Nacho, der in der Nachspielzeit zweimal das Tor nur um einen Hauch verpasst. Es sind die letzten Momente in einem Spiel, in dem die Schweiz der moralische Sieger ist.

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