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Ein bisschen einsam im Paradies

Heute Sonntag spielt Hakan Yakin erstmals für seinen neuen Klub Al-Gharafa in Qatar.

Hakan Yakin sitzt in der Lobby des Hotels Intercontinental in Doha. Er hat ein Problem. Wann soll er essen am Abend? Vor dem Training? Oder doch nachher, also erst nach Mitternacht? Irgendwie ist beides nicht ideal. Yakin wird eine Lösung finden, auch wenn es ungewöhnlich ist, um 22.30 Uhr zu trainieren, wenn das Tageslicht bereits nur noch eine blasse Erinnerung an die unerträgliche Hitze ist. «Ich bin ja erst einige Tage hier», sagt Yakin. «Vieles muss noch organisiert werden.»

Er ist gerade dabei, eine stabile Internetverbindung zu erhalten, er will unbedingt auch europäischen Fussball am TV verfolgen, das muss doch möglich sein, und er überlegt sich, im Hotel zu bleiben. «Hier habe ich alles, was ich brauche», sagt Yakin. Die Wohnung, die ihm der Klub im noblen Hafenviertel zur Verfügung stellt, ist gigantisch, aber unglücklicherweise dürfte das Luxusappartement in den nächsten Wochen eher nicht bezugsbereit sein: Der Vormieter, ein brasilianischer Fussballer, trug wenig Sorge zur Edelbleibe, die komplett renoviert werden muss.

In der freien Zeit Englisch lernen und ein Fernstudium anstreben

Yakin hat vieles erlebt in den letzten Jahren. Al-Gharafa ist der achte Verein auf seiner Achterbahnfahrt durch den Profifussball, er kannte gute Zeiten in Basel und Bern, er durchlebte schlechte Zeiten in Paris, Stuttgart und Istanbul, und jetzt sitzt er in Doha und langweilt sich ein bisschen . Die Tage sind lang bis zum Training, Yakin will die freie Zeit sinnvoll nutzen. Er spricht davon, Englisch zu lernen, er will endlich das Golfspielen erlernen, zudem plant er ein Fernstudium in Sportmanagement, die aktive Karriere dauert ja nicht mehr lange. «Aber natürlich bin ich in erster Linie noch Fussballer. Ich freue mich auf das erste Spiel mit Al-Gharafa am Sonntag.»

Und wenn Yakin seinen Vereinstrainer Marcos Paqueta, einen Brasilianer, richtig verstanden hat, fällt ihm bei Al-Gharafa die Rolle des Spielmachers zu. Paqueta hat stets einen Dolmetscher dabei, Al-Gharafa ist ein typischer Verein im globalisierten Klubfussball: Mittelfeld und Sturm bestehen aus Yakin, zwei Brasilianern, einem Ghanaer, einem Marokkaner sowie einem jungen Iraki, Nashat Akram, mit dem sich Yakin gut versteht. «Das technische Niveau des Teams ist höher als bei YB», behauptet Yakin. Erwartet wird von Meister Al-Gharafa die Titelverteidigung und der Gewinn der asiatischen Champions League - und die Siege sollen spektakulär errungen werden, die Scheichs wollen unterhalten werden. Der Verein sei gut organisiert, professionell, die medizinische Abteilung lasse keine Wünsche hoffen, erklärt er, vor den Partien werde gemeinsam in einem der zahlreichen Nobelhotels übernachtet. «Ich bin hier nicht in den Ferien», betont der 31-Jährige mehrmals. Das ist ihm wichtig, denn er hat den Eindruck erhalten, in der Schweiz werde die qatarische Liga, die sich seit kurzem Qatar Stars League nennt, belächelt. Das passt Yakin nicht, er will weiter für das Nationalteam spielen und nicht den Eindruck erwecken, er sei bloss zum Geldverdienen am Arabischen Golf. Bilder in der grossartigen Poolanlage des Hotels lehnt er ab, das würde in der Heimat die Vorbehalte gegen sein Engagement bloss verstärken. Yakin streitet nicht ab, dass die Nettomillionen ein Grund für seinen zweijährigen Aufenthalt in Qatar seien. Aber er sagt: «Mich interessiert auch die muslimische Kultur meiner Eltern.» Derzeit ist Ramadan, die Strassen in Doha sind am Nachmittag menschenleer, Yakin muss einen Weg finden, sich in dieser ungewohnten Welt mit Temperaturen von über 40 Grad zurechtzufinden. Vielleicht ist das die wahre Herausforderung in seinem neuen Leben. Die Freundin kann erst an Silvester erstmals nach Doha kommen. Und Yakin ist traurig, wenn er an seine bald fünfjährige Tochter denkt, die in der Schweiz ohne ihren Vater aufwächst. «Das ist alles nicht einfach für mich», sagt er.

Seit den drei Toren an der Euro ist Yakin in Qatar ein Star

In Qatar, dem Land der riesengrossen Gegensätze, ist Yakin meistens allein. Die qatarischen Familien sind sehr vermögend, die Ausländer aber bilden über 80 Prozent der rund einen Million Einwohner im Wüstenstaat mit der riesigen Blase Erdgas. Die meisten der Hunderttausenden Arbeiter aus Indien, Bangladesh oder Sri Lanka leben in ärmlichen Verhältnissen. Für die Elite hat es fast alles im Überfluss, man lebt nett hier, wenn Geld keine grosse Rolle spielt. Der Liter Benzin kostet keine 20 Rappen, Wasser ist ein teureres Gut. Die Tageszeitungen erscheinen auf Hochglanzpapier, Yakin hat gehört, er sei mehrmals porträtiert worden, geredet hat kein Journalist mit ihm. Er ist seit seinen drei Toren an der Euro ein Star in Qatar. Scheich Hamad bin Thamer Al Thani, Besitzer von Al-Gharafa und Chef des TV-Senders Al Jazeera, gratulierte ihm am Freitag vor dem Training zum Silbernen Schuh, den er als zweitbester EM-Torschütze erhalten hatte.

Hakan Yakins jüngste Bilanz im Nationalteam ist grossartig, er hat fünf Tore erzielt und drei vorbereitet in den letzten fünf Länderspielen, doch er hat den Schock über die Demütigung gegen Luxemburg am Mittwoch noch nicht verarbeitet. «Unfassbar», sei diese Blamage, wie der 71fache Nationalspieler sagt, es sei die bitterste Niederlage seiner Karriere gewesen. Seine Teamkollegen aus Qatar führen derweil in der WM-Qualifikation überraschend vor Japan und Australien, der Weg nach Südafrika ist jedoch auch für sie noch weit. Vielleicht können sie Yakin aber verraten, wie sie es so praktizieren mit dem Abendessen.

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