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Ein Spiel für die Ewigkeit

Wenn Grandioses passiert, muss man mehrmals hinschauen. Das tun wir beim gestrigen Clásico, Real gegen Barça. Er bot sieben Tore, drei Elfmeter, eine Rote Karte, sieben Gelbe – und noch viel mehr.

Der Dank zum Himmel: Barcelonas Superstar Lionel Messi war der Mann des Spiels.
Der Dank zum Himmel: Barcelonas Superstar Lionel Messi war der Mann des Spiels.
Keystone
Was für ein Auftritt: Der Argentinier gewann mit Barcelona den Klassiker in Madrid gegen Real Madrid.
Was für ein Auftritt: Der Argentinier gewann mit Barcelona den Klassiker in Madrid gegen Real Madrid.
Keystone
Einsam und allein:  Reals italienischer Coach Carlo Ancelotti ist nach der Niederlage in sich gekehrt.
Einsam und allein: Reals italienischer Coach Carlo Ancelotti ist nach der Niederlage in sich gekehrt.
Keystone
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Grandiose Fussballabende bergen diese süsse Gefahr, dass man sie im Moment des Schlusspfiffs noch mal um ein ganzes Mass überhöht, sie regelrecht verklärt. Meist überlebt die Verklärung die Nacht nicht. Manchmal aber schon.

Real Madrid und der FC Barcelona haben am Sonntag im Santiago Bernabéu einen Fussballabend geboten, wie man ihn bei aller Vielfalt an Liveübertragungen aus aller Welt nicht mehr sehr oft zu sehen bekommt. Ein Spiel mit allem: mit grossem und schnellem Sport, mit Dramen und ständig wechselnden Emotionen, mit Fehlleistungen des Schiedsrichters für die polemische Nachbetrachtung und mit feinen Finten für ewig dankbare Fanherzen. Ein Spiel, das man sich wohl gut zwei-, dreimal anschauen kann, wie einen guten Film. Wenigstens als neutraler Zuschauer.

«Ein Spiel fürs Museum» schreibt eine spanische Zeitung, eine aus Madrid. Ein Spiel für die Ewigkeit quasi. Aus dem Fundus der Adjektive, die sich sonst noch über das «Spiel des Jahres» ergiessen, hier noch einige mehr: «monumental», «vibrierend», «feuerrot», «episch». Was will man denn mehr von einem Clásico, als dass er eben das ist: ein echter Klassiker für die Annalen. Sieben Tore, 3:4. Barça wahrt sich mit diesem Sieg weiter alle Chancen auf die Meisterschaft, die ihm schon entglitten zu sein schien. Ein Zähler nur trennt es vom punktgleichen Spitzenduo aus Madrid, Atlético und Real, neun Spieltage vor Saisonende. So spannend war die Liga schon lang nicht mehr.

Die Redundanz mit Leo

Zunächst muss nun aber von dem Mann die Rede sein, der in solchen Momenten nur selten versagt, der fast nie zerbricht an seiner Hauptrolle: Lionel Messi trug drei Tore bei, zwei per Elfmeter, die er mit einer solch chirurgischen Kühle verwandelte, dass man sich fragen darf, ob Nerven denn überhaupt je eine Rolle spielen. Messi ist nun von allen Akteuren, die über all die Jahrzehnte hinweg in Clásicos auftraten, der beste Torschütze – 21 Treffer in 27 Begegnungen. Die bisherige Bestmarke hielt der grosse Alfredo Di Stéfano, der den Madridistas einst so manchen Triumph über die Katalanen bescherte. Wahre Demütigungen auch. Messi wetzt sie gerade aus. Als man seinen Trainer, den Argentinier Gerardo Martino, nach einer Beurteilung der Leistung seines Landsmannes fragte, sagte er: «Über Leo zu reden, ist redundant: Lob über Lob, Rekord nach Rekord.» Redundanz also, eine spektakuläre Langeweile. Und wenn dann auch noch das Zusammenspiel mit Andrés Iniesta passt, seinem elegantesten und leichtfüssigsten Duettpartner, dann mutet das Spiel Barças zuweilen wieder so an wie in den goldenen Jahren.

Dabei hatte es in der ersten Halbzeit lange so ausgesehen, als könnte es ein Abend für Real werden. Dafür sorgten nicht Cristiano Ronaldo und Gareth Bale, beide recht blass, sondern Angel Di María und Karim Benzema, beide blendend. Der Argentinier, den sie wegen seiner hageren Gestalt «Fideo» rufen, Nudel also, gab den Spielmacher wie früher Mesut Özil, kreuzte mit grossen Schritten die Wege seiner Gegenspieler, verwirrte sie mit seinen typisch abrupten Richtungswechseln und flankte nach Belieben aus Barças denkwürdig schwach bewehrter, rechter Abwehrecke. Dani Alves, der dort die Lücken schliessen sollte, sah ihm nur zu dabei. Die beiden Tore Benzemas entstanden so. Es hätten in dieser Phase noch einige Tore mehr fallen können für Madrid. Hinten sind die Katalanen nun mal höchstens zweitklassig. Doch dann liessen sich die Madrilenen das Spiel wieder entreissen, überliessen den Ball dem katalanischen Mittelfeld, das damit bekanntlich recht gepflegt umgehen kann. Am Ende rechneten die Statistiker beim Ballbesitz ein Verhältnis von 63 zu 37 Prozent aus – für den Gast.

Ronaldos Lamento

Es wird nun also Diskussionen geben über die drei Elfmeter, von denen mindestens zwei, je einer pro Seite, dubios waren. Verhandelt wird auch, ob Undiano Mallenco in der 64. Minute den Madrilenen Sergio Ramos tatsächlich des Feldes zu verweisen brauchte nach dessen Foul an Neymar. Wahrscheinlich wird der eine oder andere Fusstritt und fingierte Kopfstoss noch ein paar Mal herangezoomt, um vermeintliche Tätlichkeiten als Theatralik zu entlarven. Oder umgekehrt. Und natürlich werden die Worte Ronaldos noch eine Weile nachhallen, der sich nach dem Spiel zu einer schier metaphysischen Aussage verleiten liess: «Ich bin jetzt schon einige Jahre hier in Spanien», sagte der Portugiese, «und es ist immer dasselbe: Man will hier nicht, dass wir gewinnen. Man beneidet uns, weil wir der beste Verein der Welt sind.» CR7 pflegt oft in solchen Kategorien zu denken. Legendär ist seine Erklärung dafür, warum er in allen Stadien ausser dem heimischen ausgepfiffen wird: «Man beneidet mich eben», sagte er einmal, «weil ich reich und schön und ein guter Spieler bin.»

Die Opferpose passt noch immer schlecht zu Real, das sich in seiner langen Geschichte den Ruf erarbeitet hat, Schiedsrichter nicht zu kritisieren. Bis José Mourinho kam und mit der Tradition brach. Sein Nachfolger, Carlo Ancelotti, verweigerte sich dem Lamento. Er sei zu weit entfernt gewesen, sagte der Italiener, er könne die Aktionen und die Entscheide des Referees schlecht bewerten. Ancelotti hätte allen Grund zum Hadern, vor allem mit sich selbst: Von den vier Spielen gegen seine direkten Rivalen um den spanischen Titel resultieren nun drei Niederlagen. Nur einmal, auswärts gegen Atlético, gelang ein Unentschieden. Und solange «Carletto» keinen dieser grandiosen Fussballabende gewinnt, kein Derby und keinen Clásico, fehlt ihm die Grundausstattung zum Heldentum.

Es sei denn, Ancelotti holt gleich in seinem ersten Amtsjahr «La Décima» – die lange ersehnte zehnte Champions-League-Trophäe in der Geschichte des Vereins. Dann wäre ihm die Direktpromotion in den Heiligenstatus gewiss. Der Weg führt zunächst einmal über Dortmund. In Madrid schaut man aber schon weiter, als wäre das Viertelfinale nur eine niedere Aufgabe für zwei laue Frühlingsabende, gewissermassen eine Formalität.

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