Ein tiefer Blick in Robert Enkes Seele

Ronald Reng wollte ein Buch über das bewegte Leben seines Freundes Robert Enke schreiben. Doch Enkes Suizid im November 2009 zwang ihn, stattdessen das langsame Sterben des deutschen Nationaltorhüters zu rekonstruieren.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Die Idee, gemeinsam mit Robert Enke eine Biografie zu verfassen, sei sieben Jahre vor dessen tragischem Tod an einem Bahnübergang in Neustadt am Rübenberge entstanden, erklärte der Journalist und Schriftsteller Ronald Reng anlässlich der Vorstellung seines Werkes mit dem Titel «Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben». «Ich dachte mir, dass ich 2015 zusammen mit Robert und seinem besten Freund Marco Villa auf einer Dachterasse in Lissabon sitzen und auf die Biografie anstossen würde. Wir hätten dann mit einem Lächeln auf Roberts Depressionen zurückgeblickt und gesagt: ‹Es ist eigentlich ein Wahnsinn, dass du das alles überstanden hast›», so Reng gegenüber Kicker.tv.

Dann aber kam der schicksalsträchtige 10. November 2009, an dem Enke und mit ihm der Traum vom Happyend seiner Geschichte starben. Welche Kraft es den berühmten Fussballer gekostet haben mag, seine Erkrankung gegen aussen zu verbergen, kann man nur vermuten. Und trotz aller Anteilnahme nach dem Suizid versteht Enkes Biograf Reng, warum der Torhüter die Fassade der Stärke stets aufrechterhielt. «Sich in der Öffentlichkeit zu outen, heisst, dein bisheriges Leben zu zerstören», glaubt er. «Das ist ein gewaltiger Schritt, den nur wenige Menschen schaffen.»

«Ein diffuses Gefühl, die Krankheit loswerden zu müssen»

Reng wehrt sich gegen die Formulierung, dass Enke den Selbstmord gewählt habe. «Er ist diesen Schritt nicht gegangen, die Krankheit hat ihn dazu gezwungen. Zu diesem Thema gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Depressive, die zum Selbstmord schreiten, wollen nicht sterben», streicht der Autor heraus. «Sie haben ein diffuses Gefühl, dass sie diese Krankheit loswerden müssen. Ihre Wahrnehmung ist dann vollkommen verengt.» Robert Enke habe deswegen gar nicht mehr realisiert, welches Leid er dem Lokomotivführer, der ihn überfuhr, und seiner Familie antun würde. «Robert war ein enorm einfühlsamer Mensch, bei vollem Bewusstsein hätte er so etwas nie getan», ist Reng überzeugt.

Enkes Witwe Teresa hat am Buch über ihren verstrobenen Gatten mitgearbeitet. Ihr und der Familie war es ein grosses Anliegen, dass ein Andenken an Robert Enke entsteht. Für «Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben» hat Ronald Reng die Tagebücher des Torhüters ausgewertet und intensive Gespräche geführt - mit Enkes Eltern, seinem Freund Marco Villa, seinem Berater Jörg Neblung und ehemaligen Teamkollegen von Benfica Lissabon, dem FC Barcelona, Fenerbahçe Istanbul und Hannover 96. Das Buch umfasst 427 Seiten und ist im Piper Verlag erschienen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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