«Früher hätte ich das Büro demoliert»

FCZ-Trainer Uli Forte erklärt vor dem Rückrundenstart, warum er inzwischen ruhiger mit dem Druck umgehen kann.

Uli Forte: «Die Spieler müssen die Gier entwickeln, mit der sie das Derby im Cup-Halbfinal gewinnen können.» Foto: Samuel Schalch

Uli Forte: «Die Spieler müssen die Gier entwickeln, mit der sie das Derby im Cup-Halbfinal gewinnen können.» Foto: Samuel Schalch

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Es ist der Tag, an dem der FC Zürich Stürmer Moussa Koné nach Dresden ziehen lässt. FCZ-Trainer Uli Forte wirkt trotzdem aufgeräumt, als er zum Interview erscheint. Auch wenn er sich kaum gegen ein, zwei Verstärkungen gewehrt hätte. Der 43-Jährige hat sehr genau beobachtet, wie etwa die Konkurrenz aus ­Lausanne auf dem Transfermarkt aufgetreten ist. Und er sieht darin einen weiteren Grund, weswegen der FCZ nicht davon ausgehen darf, dass er Rang 3 auf sicher hat.

Was war das für eine Vorrunde, die der FCZ gespielt hat?
Eine sehr gute. Vor allem, wenn man sieht, wo der Club vor eineinhalb Jahren stand.

Und doch: Trotz Rang 3 und Cup-Halbfinal ist in Zürich die ­Sehnsucht nach einem schöneren Fussball spürbar.
Das ist das Schwierigste im Fussball: zu gewinnen – und dabei noch schön zu spielen. Doch prinzipiell geht es darum zu gewinnen. Ich denke nicht, dass wir den unattraktivsten Fussball der Liga zeigen. Wir haben die meisten Eckbälle der Liga getreten. Das ist für mich der Beweis, dass wir offensiv spielen.

Als sie den FCZ übernommen haben, kassierte das Team im Schnitt zwei Tore pro Spiel. Hatte darum die defensive Stabilisierung Priorität?
Im Gegenteil. Wir haben sogar die Offensive mehr trainiert als die Defensive. Ich bin ein Trainer, der gerne mit Pressing und Gegenpressing spielen lässt. Ich bin keiner, der hintenhinein stehen will und vorne auf den lieben Gott hofft. Weil wir sehr, sehr aufsässig sind, haben wir auch wenig Chancen zugelassen. Das ist meine Philosophie und jene des Clubs. Wir haben sie jüngst im Verein auf Papier festgehalten. Damit der Spielstil künftig bis in die jüngsten Jahrgänge durchgezogen wird.

Video: Vier Fragen an den FCZ-Trainer Uli Forte

Federer oder Nadal? Wein oder Bier? Video: Samuel Schalch

Das ist ein langfristiges Vorhaben, das den Club über Jahre prägen wird. Wie viel Uli Forte steckt in diesem Papier und wie viel haben Präsident Ancillo Canepa und Sportchef Thomas Bickel beigetragen?
Das ist ein Projekt der Sportkommission, an dem jeder gemäss seinen ­Kompetenzen und seiner Verantwortung mitgearbeitet hat. Mein Beitrag betrifft die Arbeit und die Leistung auf dem Platz.

Der FCZ pflegte lange ein sehr ­elegantes, tänzerisches Spiel. Spüren Sie den daraus wachsenden Anspruch an Ihre Arbeit?
Ja, klar. Die Historie wiegt schwer. ­Lucien Favre liess mit seiner Mannschaft einen hervorragenden Fussball spielen. Aber wir haben eine ganz andere Ausgangslage, ganz andere Spielertypen auch als damals. Da muss man sich als Trainer den Möglichkeiten anpassen, die ein Kader bietet. Natürlich, wenn man uns mit ­Favres Meistermannschaft vergleicht, müssen wir noch einiges arbeiten.

«Wenn man uns mit Favres Meisterteam vergleicht, müssen wir noch einiges arbeiten.»

Ist es für Sie eine Beleidigung, wenn man Ihren aktuellen Stil als Arbeiterfussball bezeichnet?
Nein, dazu stehen wir. Wir müssen das spielen, was am besten zu uns passt. Und wenn wir in der Rückrunde nur noch zaubern wollen, kommt es nicht gut.

Dann kommt es so wie beim 1:5 in Lausanne vor der Winterpause?
Unsere Vorrunde war bis auf die letzten beiden Spiele gegen Luzern und Lausanne sehr gut. Aber die beiden Partien haben gezeigt: Wenn wir nicht mit vollem Einsatz und Willen dabei sind – Sie nennen das Arbeiterfussball –, dann kommt es nicht so, wie wir es wollen.

Sportchef Thomas Bickel wirkte in Lausanne fast froh, dass die Schwachstellen des FCZ derart schonungslos aufgezeigt wurden.
Das ist Ihre Interpretation. Dieses Spiel hat klar gezeigt: Wenn wir nicht am ­Maximum laufen, sind wir eine durchschnittliche Mannschaft. Die Herausforderung des FCZ ist, dass manche glauben, der dritte Rang sei selbstverständlich. Diese Leute haben vergessen, was vor zwei Jahren war. Damals stand das Team, glaube ich, nicht auf dem dritten Rang (der FCZ war nach Runde 19 Letzter, Red.). Der FCZ hat ein gewisses Selbstverständnis. Das ist gut. Aber es geht immer darum, die Realität anzuerkennen. Bis auf die letzten beiden Spiele vor der Winterpause haben wir das Maximum aus dieser Mannschaft herausgeholt.

Wen meinen Sie mit «diese Leute»?
All jene, die zum Umfeld des FCZ gehören und nicht verstehen, dass eine grosse Historie nicht bedeutet, dass man in der Gegenwart automatisch Erfolg hat. Bei einem Club wie dem FCZ geht einem die Arbeit nie aus.

Bei der 1:2-Niederlage in Bern haben Sie sehr defensiv agiert und danach erklärt: «Wer hier mitspielt, verliert 1:5.» Macht sich da der FCZ nicht kleiner, als er ist?
Du musst doch auch schauen, welche Stärken der Gegner hat. Wir haben bei der Analyse gesehen, dass YB in den vorangegangenen Spielen zu Hause extrem viele Umschaltmomente hatte. Diese Räume wollten wir ihnen nehmen, also haben wir tiefer verteidigt. Es ging in meiner Aussage nicht darum, dass wir dorthin gefahren sind, um bloss nicht 1:5 zu verlieren. Sondern um reale Resultate: YB hatte seine letzten Heimspiele tatsächlich 5:1 und 6:1 gewonnen.

Zürich hat bislang am drittwenigsten Tore der Liga erzielt. Nach dem Abgang von Moussa Koné zu Dresden sind noch drei junge Stürmer im Kader. Wer soll denn im Frühjahr die Tore schiessen?
Das ist eine Frage, die sich in der ­Rückrunde beantworten wird. Immerhin haben alle unsere nominellen Stürmer in der Vorrunde getroffen.

Das heisst, Sie hoffen, dass Raphael Dwamena sich von seinem geplatzten England-Transfer erholt hat.
Raphael hat eine gute Vorbereitung gemacht; er ist auf dem Weg zurück zu seiner alten Verfassung. So eine Situation ist für einen jungen Spieler schwer zu verarbeiten, das darf man nicht vergessen. Wir können uns wohl nicht vorstellen, was das in einem Fussballer auslösen kann. Noch ist er nicht bei 100 Prozent, aber auf dem besten Weg dorthin.

«Ich könnte von heute auf morgen aufhören, ohne dass ich mir gleich Sorgen machen müsste.»

Sie sind mit weniger als zwei Jahren im Amt schon der drittdienstälteste Trainer der Super League …
… was ja eigentlich verrückt ist. Aber so entwickelt sich unsere Gesellschaft ganz allgemein: Alles wird sehr schnelllebig. Es wird möglichst viel konsumiert und danach gleich wieder weggeworfen. Entscheidungen werden immer häufiger nur nach Momentaufnahmen gefällt. Dabei ist für mich klar, dass im Fussball nur langfristige Planung und Nachhaltigkeit zum Erfolg führen können.

Opfer des kurzfristigen Denkens sind im Fussball meist die Trainer. Sie haben zugegeben, dass Sie deswegen zu Beginn Ihrer Karriere durchaus Existenzängste hatten.
Aber das ist ja jetzt überhaupt nicht mehr der Fall. Ich bin finanziell in einer ganz anderen Situation als damals. Ausserdem habe ich eine tolle Frau, ich habe eine Familie. Und ich habe die Gewissheit, dass ich von heute auf morgen aufhören könnte, ohne dass ich mir gleich um meine Zukunft Sorgen machen müsste.

Gibt Ihnen das auch mehr Sicherheit in Ihrer Arbeit?
Absolut. Am Anfang bist du neu im Geschäft, du weisst noch nicht, wohin dein Weg dich führen wird. Aber jetzt weiss ich, wie es funktioniert. Ich lasse mich nicht mehr so leicht unter Druck setzen wie früher. Ich bin viel ruhiger geworden und gelassener. Jetzt verlässt uns Moussa Koné … Gut, das muss ich akzeptieren. Als junger Trainer in St. Gallen wäre ich wohl die Wände hochgegangen und hätte das Trainerbüro demoliert. Jetzt ist das Büro unversehrt (lacht).

Was, ausser dem verdienten Geld, hat Ihr Selbstvertrauen gestärkt?
Ein gewisses Mass an Selbstvertrauen musst du in diesem Job sowieso mitbringen. Aber ich habe auf meinem Weg auf jeder Station die Gewissheit erhalten, dass meine Art funktioniert. Dass mein Fussball funktioniert, dass der Stil funktioniert, wie ich Mitarbeiter führe. Das ist die Bestätigung, die du als Trainer brauchst. Und nicht, ob du da einen Titel geholt hast, dort einen Kübel oder hier einen Aufstieg. Titel sind schön, sie sind das Ziel. Aber entscheidend sind die Arbeit und der Weg zum Titel.

In diesem Frühjahr ist der Weg zu einem Titel extrem kurz. Zwei Siege reichen, um Cupsieger zu werden.
Gut, der Weg im Cup ist immer gleich lang: Du kannst in sechs Spielen sehr viel erreichen. Darum hatte ich immer schon ein besonderes Augenmerk auf den Cup. Und ich habe ja schon alles erlebt. Den Cupsieg mit dem FCZ, als das Team schon im Final stand, als ich übernommen habe. Ich habe den Titel mit GC gewonnen, da war ich von Anfang an dabei. Und ich habe mit YB die Schmach erlebt, gegen ein Team aus der 2. Liga interregional auszuscheiden. Jetzt geht es darum, dass meine Spieler den Cup­final riechen, dass sie die nötige Gier entwickeln, mit der sie das Derby im Halbfinal gewinnen können.

Ottmar Hitzfeld sagt, ihn habe die Angst vor der Niederlage mehr angetrieben als die Lust am Sieg. Wie ist das bei Ihnen?
Ganz klar die Lust am Sieg. Angst ist kein guter Ratgeber …

… wobei es bei Hitzfeld ganz gut geklappt hat.
Ja, er hat keine schlechte Karriere hingelegt (lacht). Aber wir wollen vorne drauf, wir wollen den Gegner jagen, wir wollen bei ihm Ballverluste provozieren. Und dazu darfst du keine Angst haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 23:12 Uhr

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