Fussball-Europa zwischen Glorie und Chaos

Von England bis Italien, von Sterling bis Ronaldo – die Ligen liefern viele Geschichten, bevor die Halbfinal-Hinspiele der Champions League auf dem Programm stehen.

Der Überflieger dieser Saison in der Premier League: Raheem Sterling, Englands Fussballer des Jahres. Foto: Phil Noble (Reuters)

Der Überflieger dieser Saison in der Premier League: Raheem Sterling, Englands Fussballer des Jahres. Foto: Phil Noble (Reuters)

Langsam naht der Sommer der Entscheidungen. Und gerade in den grossen Fussballländern geht es überhitzt zu und her. Nirgends scheint es schlimmer als in Deutschland.

Aufruhr in Deutschland

Was war das wieder für ein Wochenende in der Bundesliga. Schalke gewinnt in Dortmund 4:2, aber Schalke hat auch ein paar Unverbesserliche in seiner Kurve, die auf einem Transparent die Botschaft verkünden: «Immer noch eine Bombenidee, Freiheit für Sergej W.» Das ist der kranke Geist, der vor genau zwei Jahren versuchte, den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund in die Luft zu sprengen.

In Deutschland schwappen die Emotionen aber auf allen Ebenen über. Da hat zum Beispiel Lewis Holtby, Millionenverdiener des Hamburger SV, auf einmal keine Lust, nach Berlin zum Spiel gegen Urs Fischers Union zu reisen. Der HSV verliert da 0:2 und verspielt möglicherweise den Aufstieg in die Bundesliga.

Oder es gibt Woche für Woche heftige Diskussionen über den Einsatz des Video-Assistenten, der für mehr Chaos als für Klarheit sorgt, vor allem, wenn es um die Auslegung der Handsregel geht. (Die Schweiz kann sich schon einmal darauf freuen, er kommt ab der neuen Saison.)

Auch der Umgang mit den Trainern ist ein konstantes Thema. In dieser Beziehung geht es schon fast zu und her wie bei GC. In der Bundesliga haben 6 von 18 Clubs den Trainer schon entlassen und weitere 5 werden ihn auf die neue Saison auswechseln. In der 2. Bundesliga haben 11 von 18 Clubs sich vom Trainer getrennt, Dresden schon zweimal, Ingolstadt gar schon dreimal. Und Köln bringt es fertig, Markus Anfang rauszuwerfen, obwohl er mit seiner Mannschaft die Tabelle vor den letzten drei Runden mit fünf Punkten Vorsprung anführt. Fragt sich da nur: Wer wechselt die Funktionäre aus, die die Trainer auswählen?

Das epische Duell

Es ist die Obsession an der Mersey: endlich wieder einmal Meister werden. 29 Jahre warten sie beim FC Liverpool auf den Titel, das ist wie eine Ewigkeit für einen Club, der einst nicht nur England dominierte, sondern Europa. Als Trainer Jürgen Klopp gefragt wurde, was ihm wichtiger sei, Premier League oder Champions League, sagte er: «Premier League.»

Punktemässig sieht es hervorragend aus für seine Mannschaft. Sie hat bereits 91 Punkte und kann noch auf 97 kommen. Seit Einführung der Premier League 1992 hätte eine solch stolze Zahl nur einmal nicht zum Titel gereicht, das war vor einem Jahr, als Manchester City auf 100 kam. Das Pech für die «Reds» ist jetzt, dass die «Skyblues» von City noch immer 98 Punkte erreichen können.

Der Zweikampf zwischen City und Liverpool ist episch. Das beginnt schon bei der Vergabe der Auszeichnungen zum «Spieler des Jahres». Die englischen Fussballjournalisten wählten jetzt Raheem Sterling von City, die Spielervereinigung ehrte Virgil van Dijk von Liverpool.

Auf dem Rasen gewannen die «Himmelblauen» zuletzt zwölfmal in Serie, die «Roten» sind seit 15 Runden unbesiegt. Zuletzt verloren sie bei City 1:2, damals, es war Anfang Januar, hatten sie das Pech, dass einmal elf Millimeter fehlten, damit der Ball mit ganzem Umfang über der Torlinie gewesen wäre. Elf Millimeter zwischen 1:2 und 2:2 und einer völlig veränderten Ausgangslage: Hätten sie Klopps Mannschaft nicht gefehlt, würde sie jetzt zwei Punkte vor City liegen.

Die Geste von Bielsa

Marcelo Bielsa ist ein argentinischer Trainer, nicht einfach einer, sondern ein Vordenker. Auch Pep Guardiola liebt die Gespräche mit ihm. Seit letztem Sommer ist Bielsa, inzwischen 63, in England tätig, bei Leeds United. Im Januar liess er einmal das Training von Derby County ausspionieren, Derbys Trainer Frank Lampard war aufgebracht, Bielsa entgegnete ungerührt: «Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich nicht jeden Stein umgedreht hätte.»

Am Sonntag traf Leeds auf Aston Villa, es ging um wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg von der Championship in die Premier League. Die 72. Minute lief, es stand 0:0, als ein Spieler von Villa verletzt am Boden liegen blieb. Leeds ignorierte das, spielte trotzdem weiter und schoss das 1:0. Spieler und Trainer von Villa schäumten, es kam zu Handgreiflichkeiten.

Dann trat Bielsa auf den Plan, gerne «El Loco» genannt, der Verrückte. «Gebt ihnen das Tor zurück!», rief er seinen Spielern zu. Und sie blieben beim Anspiel von Villa stehen, bis auf einen Verteidiger, der Bielsas Anweisung ignoriert hatte. Trotzdem glich Villa zum 1:1 aus. Und Bielsa sagte: «Wir haben das Tor zurückgegeben. Der englische Fussball ist weltweit bekannt für seine Fairness.»

Holländische Tormaschinen

Ajax Amsterdam steht im Halbfinal der Champions League – und deswegen verschob die holländische Liga vergangenes Wochenende einen kompletten Spieltag. Um Ajax eine möglichst gute Vorbereitung für das Spiel gegen Tottenham zu gewähren, aber auch um das Gebot der Chancengleichheit in der heimischen Liga zu wahren. Denn dort ist es gerade spannend. Ajax und der PSV Eindhoven laufen im Gleichschritt Richtung Titelentscheidung. Nun sind noch zwei Runden zu spielen, und beide Clubs haben 80 Punkte und eine Unmenge an Toren geschossen.

Nach 32 Spielen steht Ajax bei erstaunlichen 111 Treffern, PSV bei 95. Das spricht für die Offensive der beiden, aber auch gegen eine Liga mit ihren 18 Mannschaften. Die Eredivisie ist die Liga der Schützenfeste und der Kantersiege. Ajax gewann gegen De Grafschaap 8:0 und 7:1 gegen Excelsior Rotterdam. Eindhovens höchster Sieg war ein 6:0 gegen – natürlich – Excelsior Rotterdam. Doch selbst für Eindhovens Luuk de Jong mit seinen 28 Treffern ist der Goldene Schuh für Europas besten Torjäger ausser Reichweite. Ein gewisser Lionel Messi hat in Spanien bereits 34 Tore geschossen.

Der unauffindbare CR7

Er ist ein kleines Wunder der Menschheit. Einerseits ist Cristiano Ronaldo so omnipräsent wie kein anderer in der Geschichte des Fussballs. Hier CR7®, der sein Sixpack auf zwei (!) Badewannen sitzend präsentiert, dort Ronaldo©, der mit seinen Zwillingen posiert (8,5 Millionen Followern gefällt das). Und dort drüben ist ja auch noch jener Cristiano™, der am Wochenende in seinem 800. Spiel ein 600. Profitor im Clubfussball erzielen konnte. Fussball-Zauberei.

Andererseits ist Cristiano Ronaldo auf magische Art und Weise unauffindbar. Zumindest für Leslie Mark Stovall, den Anwalt jener Frau, die Ronaldo eine Vergewaltigung vorwirft. Stovall möchte Ronaldo seit sieben Monaten die Klageschrift übergeben, damit die Privatklage vor dem Gericht in Las Vegas auch verhandelt werden kann. Aber Ronaldo, der die Vorwürfe bestreitet, hat offenbar keine Adresse. Da konnte selbst sein Verein Juventus Turin nicht weiterhelfen, der es irgendwie trotzdem schafft, dem adresslosen Portugiesen 660 000 Franken in der Woche zu überweisen. Netto. Es ist wie verhext.

Inzwischen ist ein italienisches Gericht für die Zustellung der Klageschrift zuständig. Das dauert in der Regel mehrere Monate. Magie der Gerichtsbarkeit.

(fra/ths/czu)

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