Gestiegene Erwartungen beim Frauen-Nationalteam

Am nächsten Sonntag wird in Holland die Europameisterschaft der Frauen beginnen. Die Schweizerinnen spielten eine überzeugende Qualifikation, die sie bestätigen wollen.

Fokussiert und voller Tatendrang. Die Fussballerinnen des Nationalteams bereiten sich gewissenhaft auf die EM in Holland vor.

Fokussiert und voller Tatendrang. Die Fussballerinnen des Nationalteams bereiten sich gewissenhaft auf die EM in Holland vor.

(Bild: EQ Images)

Adrian Lüpold

Seit gestern befinden sich die Schweizer Fussballerinnen im Trainingslager in Bad Zurzach. Im aargauischen Bade- und Wellnesskurort holen sie sich den letzten Schliff vor der Europameisterschaft, die am nächsten Sonntag in Holland mit der Partie der Gastgeberinnen gegen Norwegen (18 Uhr in Utrecht) be­ginnen wird.

Nachdem die Ak­teurinnen die letzten zwei Wochen in zwei Trainingsblöcken im Nationalen Leistungszentrum in Magglingen am physischen Aufbau, an der Kondition und am Stehvermögen gearbeitet haben, «stehen in diesen Tagen taktische und technische Komponenten im Vordergrund», wie Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg erklärt. Am Freitag werden die Spielerinnen und der helvetische Tross ins EM-Camp nach Arnheim dislozieren. Die Europameisterschaft beginnt für die Schweizerinnen dann am Dienstagabend (18. Juli) in der Kleinstadt Deventer mit der Auftaktpartie gegen Österreich.

Die Ausgangslage

Zum ersten Mal in der Historie des helvetischen Frauenfussballs gelang es einer Equipe, sich für eine Europameisterschaft zu qualifizieren. Es wird das zweite grosse internationale Turnier sein für die SFV-Auswahl nach der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada, wo die Achtelfinals erreicht worden waren (0:1-Niederlage gegen Gastgeber Kanada). Seit dem letzten Grossanlass haben sich viele Schweizerinnen weiterentwickelt, konnten in ih­ren Klubs in den grossen Ligen Europas wichtige Erfahrungen sammeln.

Dies kam auch dem Nationalteam zupass, in der Qualifikation zur Europameisterschaft überzeugten die Frauen von Coach Martina Voss-Tecklenburg auf der ganzen Linie. Acht Siege aus acht Partien (Torverhältnis: 34:3) trotz starken Gegnerinnen wie Italien und Tschechien sprechen Bände, schüren aber auch Erwartungen.

Die Gegnerinnen

Die Schweizerinnen wurden ei­ner auf dem Papier ausgeglichen erscheinenden Gruppe zugelost. Als Favoritinnen in der Gruppe C gelten klar die Französinnen, deren Kader mit routinierten Akteurinnen der europäischen Spitzenklubs Lyon (Gewinner der Champions League 2017) und Paris St-Germain (Finalist 2017) gespickt ist. Frankreich belegt in der Weltrangliste den dritten Rang und gehört nebst Deutschland und England zum Kreis der grössten Titelanwärter. Ein Vorteil könnte sein, dass die Schweizerinnen gegen die Équipe Tri­colore erst ihr drittes Vorrundenspiel (26. Juli in Breda) absolvieren, die Französinnen deshalb je nach Ausgangslage die eine oder andere Starspielerin schonen könnten.

Der Schweizer Startgegner ­Österreich (Weltrangliste: 24.) machte in den letzten Jahren ähnlich grosse Fortschritte wie die Schweiz, verfügt über ein Kader mit vielen jungen, talentierten Spielerinnen, die praktisch alle in der deutschen Bundesliga engagiert sind, denen aber teilweise noch etwas die Routine und die Erfahrung abgehen. Das Nachbarschaftsduell zum Start der Gruppe C dürfte vorent­scheidenden Charakter dafür ­haben, in welche Richtung das Turnier für die Schweizerinnen gehen wird.

Der dritte Gegner der SFV-Auswahl heisst Island (Weltrangliste: 19.), wobei die Nordländerinnen wie ihre männlichen Pendants als kampfstark, physisch gut und schwer zu bespielen gelten. Frauenfussball hat in Skan­dinavien zudem einen deutlich höheren Stellenwert als in Mitteleuropa, die Ausbildung ist entsprechend top.

Die Erwartungen

Die Zielsetzung der helvetischen Delegation sieht das Erreichen der Viertelfinals vor. Die beiden besten Teams aus vier Vierergruppen werden sich für die K.-o.-Phase qualifizieren. Den Schweizerinnen steht ein harter, aber machbarer Weg bevor.

Die Equipe ist extrem eingespielt, etliche Leistungsträgerinnen spielen schon seit vielen ­Jahren zusammen. Vielleicht ist dieses Team derzeit sogar in der Blüte ihres Schaffens, zumal viele junge Talente nachrücken und Druck auf die Etablierten ausüben. Zudem sammelten die meisten Spielerinnen an der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Kanada wertvolle Erfahrungen, welche in heiklen und ­engen Momenten in Holland das Zünglein an der Waage spielen könnten.

Es stellt sich die Frage, ob das mediale Interesse am Frauenfussball gerechtfertigt ist? Zwei unserer Sportredaktoren liefern die Pro- und Contra-Argumente:

Pro: Das Schaufenster als verdienter LohnAdrian Lüpold

Sie ordnen ihrem Sport vieles unter, leben mindestens genauso professionell wie ihre männlichen Kollegen. In puncto Taktik und Technik können es die meisten Nationalspielerinnen aufnehmen mit so manchem Akteur aus der Super League. Trotzdem verdienen die meisten von ihnen nur einen Bruchteil dessen, was selbst mediokre Ersatzspieler bei den Männern einheimsen, stehen deutlich weniger im Fokus der Öffentlichkeit. Profifussballe­rinnen teilen dieses Los mit Frauen aus anderen Sportarten. Doch zum Glück bedeuten Geld und Ruhm nicht alles. Leidenschaft ist wichtiger. Diese Passion für das Spiel spürt man bei den Frauen in fast jeder Partie – leider dringt diese Erkenntnis nur langsam ins Bewusstsein der fussballinteressierten Masse ein.

Die Schweizerinnen haben in den letzten zwei Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt, was vorab mit dem Ausbildungs­modell des SFV (Schweizerischer Fussballverband) zu tun hat. Die ausgezeichnete Arbeit mündete 2015 in der erstmaligen Teilnahme an einer WM. Nach einer starken EM-Qualifikation mit lauter Siegen be­stätigen die Schweizerinnen ihre positive Entwicklung und dürfen nun erstmals auch bei einer kontinentalen Endrunde mitspielen.

Dass dies zu einem temporär gesteigerten Interesse der Medien führt, ist logisch und gerechtfertigt. Und aus Sicht der Frauen mehr als verdient. Wann, wenn nicht zum jetzigen Zeitpunkt, in dem sportliche Grossanlässe spärlich gesät sind, sollen sie denn überhaupt in den medialen Fokus treten? Zudem haben die Nationalspielerinnen oft mindestens so spannende Hintergründe zu bieten wie manch stereotyper männlicher Berufskollege.

Deshalb lieber mal ein Hintergrundbericht zur Frauen-EM, zum Beispiel über die ehrgeizige Schweizer Stürmerin Ramona Bachmann, die offen zu ihrer Homosexualität steht, wie sie in England nach ihrem Transfer zu Chelsea in eine neue, spannende Welt eintauchte, als das ­x-te, von den Medienchefs gekämmte 08/15-Interview mit einem männlichen Möchtegernstar. Wenn die Frauen alle zwei Jahre, wenn ein Gross­anlass ansteht, eine etwas grössere mediale Aufmerksamkeit erhalten als üblich, ist das nichts mehr als der gerechte Lohn für Aufwand und Entbehrungen. Aber vor allem auch für die guten sportlichen Leistungen.

Contra: Keine Tradition – aber offenbar eine gute Lobby Adrian Horn

60 Leute waren vor Ort, als Champions-League-Teilnehmer Zürich Anfang Mai Lugano 5:1 schlug. YB - Basel, eine andere Nationalliga-A-Partie, verfolgten 213 Menschen. Einen Zuschauerschnitt der höchsten Spielklasse findet man nirgends; offenbar werden teilweise die entsprechenden An­gaben nicht gemacht. Der Mittelwert – er dürfte weit unter 300 Besuchern liegen. Frauenfussball interessiert hierzulande offensichtlich nicht.

Um das Nationalteam ist dennoch ein Hype ausgebrochen. Als es vor einem Monat in Biel ein Testspiel gegen England bestritt (und 0:4 verlor), übertrug das Schweizer Fernsehen direkt. Die Begegnung beinhaltete kuriose Aktionen und war im Grunde ein Plädoyer gegen Frauenfussball auf der grossen Bühne. Die andern Medien berichten genauso im grossen Stil, veröffentlichen mehrseitige Interviews und besuchen die Equipe im Tonstudio, wenn sie einen Song aufnimmt. So sind Ramona Bachmann, Lara Dickenmann und ihre Mitstreiterinnen gerade en vogue. Wer sich als Kritiker zu erkennen gibt, wird wahlweise als Ignorant, Macho oder gar Sexist bezeichnet, ist jedenfalls: ein ganz Böser, ein Erzkonservativer.

Das Argument, Fussballerinnen verdienten allein schon der Gleichberechtigung wegen dieselbe Plattform wie ihre Kollegen, taugt bloss auf den ersten Blick.

Ausdauersportlerin Daniela Ryf und Kunstturner Pablo Brägger müssten angesichts ih­res Aufwands – der jenen von Fussballern deutlich übersteigt – längst in den Stand von Superstars gehoben worden sein. Doch das sind sie nicht. Weil sich die Masse nun mal nur eingeschränkt für das interessiert, was sie tun. Im Streben nach Beachtung ist der Verweis auf Gerechtigkeit kein erfolgversprechendes Mittel. Die Nachfrage bestimmt den Markt.

Anders als etwa im Skisport haben die Frauenbewerbe im Fussball zumindest in hiesigen Breitengraden keine Tradition. Der Niveauunterschied zu den Männern ist heftig, das Tempo häufig niedrig, das Stadion oft selbst dann halb leer, wenn die Landesauswahl antritt. Ausserdem absorbiert einen der Männerfussball. Wer lediglich Sympathisant und kein Enthusiast ist, hat nach der Saison auch mal genug von den Kickern. Weshalb sollte ich mich im Sommer nach zig Champions-League-Partien noch mit einem zweitklassigen Produkt beschäftigen?

Berner Zeitung

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