«Ich bin sprachlos, sehr traurig, bete und hoffe auf ein Wunder»

Florijana Ismaili wird seit Samstag am Comersee vermisst. Die 24-jährige Schweizer Nationalspielerin steht bei YB unter Vertrag.

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Als 16-jährige träumte sie von einem Stammplatz in der ersten Mannschaft. Von einem Aufgebot für das Nationalteam. Davon, «ganz viele Tore zu schiessen.»

Gestern suchten italienische Polizeitaucher im Comersee nach ihr: Florijana Ismaili, 24-jährig, Schweizer Fussball-Nationalspielerin und Captain bei den Frauen der Berner Young Boys, wird seit Samstagnachmittag vermisst. Martina Voss-Tecklenburg, die ehemalige Nationaltrainerin, schreibt auf Instagram: «Ich bin sprachlos, sehr traurig, bete und hoffe auf ein Wunder.»

Laut Bericht der italienischen Nachrichtenagentur Ansa habe sich die Bernerin mit einer Freundin auf dem See aufgehalten, die beiden hätten ein Motorboot gemietet. Etwa um 16 Uhr sei Ismaili in den See gesprungen, um sich abzukühlen, und tauchte nicht mehr auf. Ihre Freundin war im Boot sitzengeblieben und alarmierte in Panik die Polizei, als Ismaili nach ein paar Minuten immer noch verschwunden blieb.

Der Schweizerische Fussballverband und die Young Boys informieren seit Sonntagmittag auf ihren Webseiten über die verzweifelte Suche. YB schreibt: «Wir sind im engen Austausch mit den Familienangehörigen und bitten um Verständnis, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Angaben machen können. Wir werden wieder informieren, sobald wir mehr wissen.»

Eine Bernerin durch und durch

Unter Voss-Tecklenburg debütierte die offensive Mittelfeldspielerin im Januar 2014 im Alter von 18 Jahren im Schweizer Nationalteam. Für die Schweiz bestritt sie bislang 33 Partien. Auch Tecklenburgs Nachfolger, der Däne Nils Nilsen, setzte sofort auf die Offensivkraft. Unter ihm bestritt Ismaili erst vor zwei Wochen gegen Serbien ihr letztes Länderspiel, als sie 59 Minuten auf dem Rasen stand. Und für die Young Boys ist sie ebenfalls von unschätzbarem Wert. In der abgelaufenen Saison war sie mit sieben Treffern die Topskorerin ihres Teams.

Die Seeländerin mit albanischen Wurzeln lernte als Juniorin beim FC Walperswil das Einmaleins des Fussballspielens. Wie sie vor einem Jahr in einem Interview gegenüber dem «Bieler Tagblatt» sagte, waren es ihre Eltern, die ihr damals eine Frauenmannschaft gesucht hatten, «weil sie nicht wollten, dass ich mit Männern spiele.» Erst damals habe sie begriffen, dass es auch für Mädchen und Frauen wie sie möglich war, Teil der grosse Fussballwelt zu werden und ihren Traum zu leben.

Dieser Traum nahm schon 2011 seinen Anfang, als die Young Boys die 16-Jährige verpflichteten. Nur wenige Monate später durfte sie ihren ersten und bislang einzigen Meistertitel mit den Bernerinnen feiern, für die sie auch heute noch, acht Jahre später, die Fussballschuhe schnürt, sogar die Captainbinde trägt. An der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada gehörte sie zwar dem Schweizer Nationalkader an, kam jedoch nie über die Rolle der Ergänzungsspielerin hinaus.

Eine Kämpferin auch abseits des Platzes

Eines ihrer besten Spiele im Nati-Dress zeigte sie ausgerechnet im WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien, das Land ihrer Eltern. An jenem 28. November 2017 gelangen ihr beim 5:1-Sieg gleich zwei Tore. Beflügelt vom Besuch der Familie und Freunden habe es ihr grosse Freude bereitet, mit der Schweiz in Biel unweit des Ortes zu spielen, wo sie aufgewachsen war. Für sie war stets klar, für die Schweiz auzulaufen. «Ich bin hier aufgewachsen und habe hier von der U-16 bis zur U-19 gespielt. Ich bin stolz, für die Schweiz spielen zu dürfen», erklärte sie 2016 dem «Blick».

Ihre Kindheitsträume hat sich die 24-Jährige erfüllt. Im Ausland zu spielen war ein weiterer grosser Wunsch, den Ismaili letztes Jahr in dieser Zeitung äusserte. «Ich will im Ausland spielen, am liebsten in Deutschland. Dort könnte ich Profi sein, müsste nicht mehr nebenher arbeiten, so wie ich das heute muss.» Ihr letzter Job war eine 30 bis 40 Prozent-Anstellung am Empfang eines Fitnessstudios.

Ismaili setzte sich abseits des Platzes stets dafür ein, dass der Frauenfussball und die Teams im Schweizer Sport und der Gesellschaft mehr Anerkennung erhalten. Denn in ihren Augen wurden sie und ihre Teamkolleginnen kaum von jemanden wahrgenommen, was sich auch anhand der Zuschauerzahlen belegen lässt. Während zu einem Spiel der Männer im Schnitt 25’000 Fans ins Stade de Suisse pilgern, sind es bei den Frauen gerade einmal 200. Und so nahm die Schweizerin die Vereine in die Pflicht und forderte, dass Männer- und Frauenteams gemeinsam auftreten und die Zuschauer auf die Frauenspiele aufmerksam gemacht werden sollten.

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