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In der Schweiz funktioniert der VAR ideal – dank fehlendem Geld

Die Super League kann sich die kalibrierte Abseitslinie nicht leisten. Für den Chef der Schweizer Spitzenschiedsrichter ist das «ein Segen».

Tor oder kein Tor? Schiedsrichter Sandro Schärer überprüft eine knifflige Szene.
Tor oder kein Tor? Schiedsrichter Sandro Schärer überprüft eine knifflige Szene.
Laurent Gillieron, Keystone

Es ist ein ruhiger Sonntag für den VAR. Nur einmal muss der Hilfsschiedsrichter am Video eingreifen, das ist in Lugano, als er einen falschen Abseitsentscheid korrigiert. YB verliert trotzdem 1:2. Während Meistertrainer Gerardo Seoane mit der Leistung seiner Mannschaft hadert, kann Schiedsrichter-Chef Dani Wermelinger mit seinen Leuten zufrieden sein.

23 Fehlentscheide korrigiert

Die Zwischenbilanz

Einen geschickten Zug hat die Swiss Football League gemacht, als sie Hellmut Krug als Berater für die Einführung des Video Assistant Referee engagiert. Krug, früher selbst internationaler Spitzenschiedsrichter, hatte eine führende Rolle gespielt, als der Videobeweis in Deutschland eingeführt wurde. Er kannte die Tücken der Aufgabe und wusste, welche Fehler es geben kann.

Mit dem Video Assistant Referee, kurz VAR, verfolgen die Verbände ein hehres Ziel: Sie wollen grobe Fehler dank schneller Kontrolle der Videobilder ausmerzen und den Fussball gerechter machen. In Deutschland ist das Wehklagen laut über den VAR, es wird Wochenende für Wochenende darüber diskutiert, was wieder alles falsch gelaufen ist. In der Schweiz sagt Dani Wermelinger, der Chef der Schweizer Spitzenschiedsrichter: «Der Fussball bei uns ist gerechter geworden.»

Wermelinger sitzt in seinem Büro, das er als Finanzfachmann des Kantons Aargau hat. Die erste Bilanz hilft ihm, noch etwas entspannter zu sein, als er es sonst schon ist. 21 grobe Fehlentscheide hat der VAR allein in der ersten Saisonhälfte korrigiert, 23 sind es bis heute. Und wenn Wermelinger von Fehlern redet, eben von falschen Elf­meterentscheidungen, von ungerechtfertigten Platzverweisen oder übersehenen Abseitsstellungen vor dem Tor, dann verfolgt er ein Credo: «Sie müssen klar und offensichtlich sein. Und wenn der VAR in einem Fall nicht hundertprozentig sicher ist, soll er die Finger davon lassen und nicht intervenieren.»

Er holt den Laptop und spielt die Szene vor, die, sagt er, gleich «ein Supereinstieg für den VAR» gewesen sei. Sandro Schärer glaubte beim Saisonauftakt in Sitten, Basels Goalie Jonas Omlin habe den Gegner gefoult, und entschied darum auf Elfmeter für die Walliser. Aus Volketswil meldete sich Stephan Klossner als VAR bei Schärer, mit dem er per Funk verbunden war: «Schau dir das genau an. Deine Wahrnehmung ist anders. Sandro, nimm dir Zeit.» Als Schärer die eingespielten Bilder sah, wusste er: Er hatte falsch entschieden. Er nahm den Elfmeter retour und gab Stürmerfoul. Klossner meldete: «Das kannst du richtigerweise so sehen.»

Der erste Entscheid des VARs in der Schweiz: Beim Saisonauftakt nimmt Sandro Schärer einen Penalty zurück. (Video: Teleclub Zoom)

Klossner war ruhig im Ton, nicht belehrend im Urteil, denn eines ist für Wermelinger zentral: «Das letzte Wort hat immer der Schiedsrichter.» Seine Autorität soll durch Kommentare aus Volketswil nicht untergraben werden.

In England liess Tottenhams Trainer José Mourinho Anfang Jahr eine Tirade gegen den VAR los. Die Schiedsrichter seien für ihn keine Schiedsrichter mehr, pöbelte er, für ihn sollte der VAR den Namen ändern: «Er sollte VR heissen, Video Referee. Die Typen im Büro sind es, welche die grossen Entscheide treffen.» Auf den Tribünen der Premier League ist es gängige Mode geworden, «fuck VAR!» zu rufen, verdammter Videoschiedsrichter. Der «Daily Telegraph» schreibt von einer «Diktatur des VAR».

In der Super League wurden bislang 652 Entscheide überprüft, allein 322 waren es bei den Toren, die erzielt wurden. Der Zuschauer im Stadion oder vor dem Fernseher hat davon wenig mitbekommen. Wermelinger bezeichnet den VAR als «Airbag», als Rückversicherung. Er sagt: «Ich bin immer ruhig geblieben, weil die Schiedsrichter und Assistenten sehr, sehr gute Leistungen zeigen.»

Sie braucht keiner

Die kalibrierte Linie

1,5 Millionen Franken kostete die Einführung des VAR in der Schweiz, weitere 1,5 Millionen sind es pro Jahr für den Betrieb, die die Clubs tragen. Minimal sechs bis maximal neun Kameras werden in einem Stadion eingesetzt, in Deutschland oder England sind es normalerweise über 30. Und 30 Kameras heisst: Sie liefern viel mehr Bilder, die in einer strittigen Szene überprüft werden müssen. Entsprechend mehr Zeit vergeht bis zu einem Entscheid im Stadion, in Deutschland manchmal die gefühlte Ewigkeit von drei Minuten.

In der Schweiz dauert die Überprüfung in der Review Area, dem Ort, wo ein Schiedsrichter die Bilder nochmals anschauen kann, durchschnittlich 80 Sekunden. Was nach viel tönt, relativiert Wermelinger: «Nach einem Tor dauert es länger, bis das Spiel wieder angepfiffen wird.»

In diesen Momenten kommt der VAR zum Einsatz. (Video: Tamedia)

Premier League oder Bundesliga setzen die kalibrierte Linie ein, die bei Abseitsentscheidungen für Gerechtigkeit sorgen soll. Die Schweiz hat das Geld dafür nicht, und Wermelinger sagt: «Es ist ein Segen, dass wir das nicht haben.» Aus England und Deutschland gibt es genug Szenen, in denen ein Tor aberkannt wurde, weil der Stürmer vielleicht Schuhnummer 43 statt 42 trug und darum im Abseits gesehen wurde. Wermelinger redet da von «millimeterle», und das widerspricht seinem Grundsatz, dass der VAR nur bei «klaren und offensichtlichen» Fehlern eingreifen dürfe.

Der Liverpooler Jürgen Klopp hat darum nach Beratung mit anderen Spitzentrainern vorgeschlagen, die kalibrierte Linie solle dicker gemacht werden. «Das würde uns etwas von dem Fussball zurückgeben, wie ich ihn kennengelernt habe», sagt er, «das heisst: im Zweifelsfall für den Angreifer.»

Auf Platinis Spuren

Die Torlinientechnologie

Michel Platini war noch Präsident der Uefa, als er sich nur schon gegen die Einführung der Torlinienkamera aussprach. «Wollen Sie, dass wir für einen Fall, der in vierzig Jahren viermal vorkommt, eine Technologie einsetzen, die nur viel Geld kostet?»

Die reiche Premier League hat diese Technologie, und sie hat letzte Saison wohl die Meisterschaft entschieden. Ein Goal von Liverpool gegen Manchester City wurde aberkannt, weil der Ball um 12 Millimeter nicht über der Linie war. Liverpool verlor das Spiel 1:2 und verpasste später den Titel um einen Punkt. Sechs Kameras pro Tor und ein weiteres Team von Technikern sind allein für diese Technologie nötig, das kostet Geld, das in der Schweiz ebenfalls fehlt. Wermelinger vermisst das nicht.

Wenn er redet, sitzt er gelassen da. Das kann er tun, weil seinen Schiedsrichtern und Assistenten diese Saison bislang keine groben Versäumnisse unterlaufen sind und keiner sie als «Tomaten-Schiris» beschimpft hat.

Vielleicht schafft es einer von ihnen sogar wieder einmal an eine WM oder EM. Sandro Schärer ist ein Kandidat, muss einer sein, weil er auch die brisanten Spiele zwischen YB und Basel souverän geleitet hat. Er ist einer der Halbprofis, die dafür allein in der Schweiz mit einem Basisbetrag von 50'000 bis 75'000 Franken pro Jahr entschädigt werden. Am Sonntag leitet er Luzern gegen St. Gallen fehlerfrei, er braucht die Hilfe des VAR nicht einmal.

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