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In der YB-Fussballschule in Abidjan ruht der Ball

In den vom Bürgerkrieg geprägten Strassen Abidjans, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste, ist an Fussballspielen nicht zu denken. Auch beim Partnerklub von YB in Adjamé bleiben die Trainingsplätze leer.

In Gedanken in der Heimat: Thierry Doubai, YB-Mittelfeldspieler (l.), und Seydou Doumbia, Ex-YB-Stürmer.
In Gedanken in der Heimat: Thierry Doubai, YB-Mittelfeldspieler (l.), und Seydou Doumbia, Ex-YB-Stürmer.
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Die Lage ist ernst in Abidjan. Seit Wochen ist die grösste ivorische Stadt Schauplatz immer schwererer Kämpfe. Der neue Präsident Alassane Ouattara, sein Wahlsieg wurde mittlerweile auch von der internationalen Gemeinschaft anerkannt, schart immer grössere Teile der nationalen Armee um sich, während sein Gegner, der bisherige Präsident Laurent Gbagbo, seine Niederlage nicht akzeptieren will und sich mit etwa 1000 Kämpfern in Teilen der Stadt verschanzt hat. Seit Wochen lebt die Zivilbevölkerung in ständiger Angst. Die Lebensmittel werden knapp, und die medizinische Versorgung von Alten und Kranken ist noch weniger gewährleistet als zuvor.

Kein Training in Adjamé

Immer wieder fallen den Gefechten in der Strasse Unbeteiligte zum Opfer. Auch in Adjamé, einem Vorort von Abidjan, ist die Situation brisant. Die Hafenstadt besitzt drei Autobahnzubringer, einer davon führt mitten durch das dicht bevölkerte Aussenquartier. Für beide Truppen ist Adjamé also ein strategisch wichtiger Punkt, und mitten in diesem militärischen Interessensgebiet ist die Fussballschule von AS Athletic Adjamé zu Hause, mit der die Berner Young Boys seit 2008 zusammenarbeiten. Regelmässig wechseln die besten Fussballer aus dem Nachwuchs nach Bern. Der zweifache Schweizer Torschützenkönig Seydou Doumbia, die talentierten Doubai-Brüder Thierry und Pascal, der Verteidiger Hassan Lingani: Sie haben in den letzten Jahren den Weg von Abidjan nach Bern geschafft, der für jeden der jungen Fussballer in der Akademie ein grosses Ziel ist. Nun ruht der Ball in Adjamé. «Die Kinder sind alle zu Hause oder in der Schule», sagt Olivier Koutoua, der die Fussballakademie vor 13 Jahren gründete. Als es bei Schusswechseln in den Strassen unweit des Trainingsplatzes seiner Schule Tote gab, handelte Koutoua schnell. Seine Schüler müssen nun drinnen bleiben, bis auf Weiteres hat er alle Trainings abgesagt. «Einige Übungen können wir nun in den Schulräumen fortsetzen, an einen normalen Betrieb aber ist momentan nicht zu denken», beschreibt er den Ernst der Lage.

Reise nach Bern verschoben

Aus den sonst lärmigen Strassen von Adjamé ist das Leben verschwunden. Koutoua selbst wagt sich nur noch aus dem Haus, wenn es unbedingt sein muss, «und dann auf alle Fälle ohne mich auffällig zu bewegen». Der Verkehr steht weitgehend still, auch der Flughafen ist bis auf Weiteres geschlossen. Koutouas für April geplante Reise nach Bern ist auf Eis gelegt, die Verhandlungen mit YB über die Zukunft der Akademie sind ins Stocken geraten. Natürlich habe er von den Gerüchten gehört, wonach YB die Zusammenarbeit beenden wolle, sagt Koutoua. «Doch unser Programm geht weiter, wir hoffen jetzt, dass sich die Situation bald beruhigt.» Bis jetzt hat Koutoua noch nichts vom neuen YB-Chef Ilja Kaenzig gehört – die Zusammenarbeit kam noch unter der Ägide von Stefan Niedermaier zustande. Kaenzig sagt: «In dieser Sache gibt es bisher nichts Neues.»

Doubai macht sich Sorgen

Während sich ihre Familien kaum aus dem Haus trauen, versuchen die ivorischen Fussballer in der Schweiz ihrem Alltag nachzugehen. Ex-YB-Spieler Gilles Yapis Familie ist angesichts der prekären Lage nach Ghana geflogen (siehe Interview gestern in dieser Zeitung). Anders bei Thierry Doubai, die Familie des YB-Mittelfeldakteurs weilt noch immer in Abidjan. «Nach jedem Training und jedem Spiel telefoniere ich mindestens eine halbe Stunde mit ihr», sagt Doubai, in den Beinen die letzte Trainingseinheit, im Kopf seine Familie in der Elfenbeinküste. Seinen Nächsten gehe es so weit gut, «sie haben alles, was sie brauchen», erzählt Doubai. Er wirkt bedrückt und nachdenklich, wenige Minuten nach einem Telefonat in die Heimat. Im Winter wollte er mit seinem jüngeren Bruder Pascal nach Abidjan reisen, um Familie, Freunde und auch die Akademie zu besuchen, wie sie es mindestens einmal im Jahr tun. Die Lage war aber damals schon zu heikel, die Brüder liessen die Reise bleiben. «Das letzte Mal war ich im Juni zu Hause», sagt Doubai. Verspürt er Wut oder Ärger, bezieht er im Bürgerkrieg Position? «Nein, Politik, das ist nicht meine Aufgabe. Die Zustände sollen sich einfach verbessern und meine Familie unversehrt bleiben.» Thierry Doubai bangt, er muss sich aber trotzdem auf das Spiel gegen Basel konzentrieren. Der Ball ruht eben nur in Abidjan.Moritz Marthaler>

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