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Jetzt hat Barça eine hausgemachte Krise

In der Öffentlichkeit vorgeführt, bei den Fans verhasst: Trainer Ernesto Valverde erlebt gerade eine beispiellose Demontage – das kritisieren sogar Iniesta und Guardiola.

Fabian Sangines
Er ist der Neue beim FC Barcelona: Quique Setién, bis 2019 Trainer bei Betis Sevilla.
Er ist der Neue beim FC Barcelona: Quique Setién, bis 2019 Trainer bei Betis Sevilla.
José Manuel Vidal, Keystone
Öffentlich demontiert: Ernesto Valverde war noch Barcelona-Trainer, als der Verein bereits mit Nachfolgern verhandelte.
Öffentlich demontiert: Ernesto Valverde war noch Barcelona-Trainer, als der Verein bereits mit Nachfolgern verhandelte.
Joan Monfort, Keystone
Der Auslöser: Die Niederlage gegen Atlético Madrid am Donnerstag.
Der Auslöser: Die Niederlage gegen Atlético Madrid am Donnerstag.
Hassan Ammar, Keystone
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Da waren sie also wieder, die alten Geister. Die bösen Erinnerungen an Rom und Liverpool. Es lief die 86. Minute im Halbfinal des spanischen Supercups, gerade hatte der FC Barcelona gegen Atlético Madrid das 2:3 kassiert. Wieder einmal gaben die Katalanen ein gewonnen geglaubtes Spiel aus der Hand. Und wieder einmal stand Ernesto Valverde wie versteinert an der Seitenlinie, mit mürrischem Blick und tiefen Sorgenfalten. Was er dieses Mal nicht wusste: Das Aus im eigentlich unbedeutendsten Wettbewerb der Saison, es sollte das kleinste Übel der restlichen Woche bleiben.

Während Team und Staff von Saudiarabien zurück nach Barcelona flogen, machte die sportliche Führung um CEO Oscar Grau und Sportchef Eric Abidal einen kleinen Umweg über Dubai. Nichts Verrücktes, hiess es zunächst, sie wollten nur Stürmer Ousmane Dembélé besuchen, der dort seine Oberschenkelverletzung auskuriert. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Denn es stand auch noch ein Meeting mit einer Vereinslegende auf dem Programm: Xavi Hernandez. Der frühere Barça-Spielmacher coacht aktuell al-Sadd, am Samstag führte er das Team in den Cupfinal. Ziel der Besprechung: Verhandlungen, um den ehemaligen Barça-Chefstrategen zum neuen Headcoach zu machen – offenbar per sofort.

Xavi kommt wohl im Sommer

Dass dieses Treffen keine Erfindung der schreibfreudigen spanischen Sportmedien war, bestätigte zuerst Xavi («jeder weiss, dass Barça mein Herzensclub ist und ich eines Tages zurückkehren möchte») und danach auch Al-Sadd-Sportchef Muhammad Ghulam Al Balushi: «Wir wünschen ihm Erfolg, wo immer er hingeht.» Nun, vorerst geht Xavi nirgendwo hin. Aus Respekt seinem Team und Arbeitgeber gegenüber liess der Welt- und Europameister am Sonntag verlauten, dass er seinen Vertrag bis Sommer 2020 erfüllen möchte. Die Zeichen verdichten sich, dass er danach Barça-Trainer wird.

Nun braucht es also eine Lösung bis zum Saisonende. Und diese hätte Medienberichten zufolge Ronald Koeman heissen sollen. Doch auch der ehemalige Barcelona-Verteidiger und heutige Nationaltrainer von Holland sagte ab. Schliesslich steht in ein paar Monaten ein nicht unwichtiges Turnier an – die Europameisterschaft. Jetzt sollen der kürzlich bei Tottenham entlassene Mauricio Pochettino, die Betis-Trainersensation aus der letzten Saison Quique Setién oder der Argentinier und Messi-Freund Gabi Milito ganz oben auf dem Wunschzettel von Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu stehen.

Valverde stark geschwächt

Bei all den in aller Öffentlichkeit geführten Sondierungen und Verhandlungen ging fast vergessen, dass der Trainerposten eigentlich noch besetzt ist. Zumindest offiziell. Denn Valverde ging davon aus, am Montagmorgen die erste Einheit der Woche nach dreitägiger Pause zu leiten. Dem Vernehmen nach sei er ziemlich sauer gewesen, dass er diese Aktivitäten aus den Medien erfahren musste. Auch der sonst eher zurückhaltende Andrés Iniesta, kürzlich nach Japan gewechselte Vereinslegende und lange Zeit Xavis kongenialer Mittelfeld-Partner, fand klare Worte für das Vorgehen der Barça-Bosse: «Der Umgang mit Valverde ist etwas hässlich.» Ähnlich äusserte sich Pep Guardiola, der seine Trainerkarriere bei Barcelona mit sechs Titeln in einem Jahr so richtig lanciert hatte: «Es tut mir leid für Valverde, das hat er nicht verdient.»

So schien es eigentlich klar, dass Valverde das Montagmorgen-Training nicht leiten würde. Zu geschwächt seine Position, zu sehr vorgeführt in der Öffentlichkeit – trotz Tabellenführung in der Liga und zwei Meistertiteln und einem Cupsieg in zwei Jahren. Doch, passend zu Barças hausgemachtem Chaos, stand er um Punkt 11 Uhr auf dem Trainingsplatz.

Dabei kommt dieses Theater just nach einem der besten Saisonspiele Barças. Bis zum 2:2-Ausgleich in der 81. Minute dominierte der spanische Meister Gegner Atlético nach Belieben, zweimal wurde ein Treffer vom VAR aberkannt, beide Male waren es hauchdünne Entscheidungen. Doch folgte halt wie so oft der unerklärliche Einbruch, worauf Valverde keine Antwort fand. Es ist diese Passivität, gepaart mit einer Spielweise, die sich immer mehr vom typischen Barça-Stil abhebt, die den Basken bei den Fans so unbeliebt, ja fast schon verhasst macht. So dauerte es am Montagmorgen nicht lange, und schon spotteten User in Fan-Foren: «Valverde schafft es nicht mal, auf eine solche Demütigung zu reagieren.»

Ob Valverde am Sonntag beim Heimspiel gegen Granada noch auf der Trainerbank sitzt, ist völlig offen. Am Montagnachmittag soll eine weitere Vorstandssitzung stattfinden. Dabei dürfte Präsident Bartomeu gerügt werden, dessen Vorgehen nicht alle in der Vereinsführung begeistert haben soll, das wichtigste Traktandum sei aber: Wie weiter mit Valverde? Eine Frage, die vielleicht besser vor der Dubai-Reise geklärt worden wäre.

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