Kein Hütter-Klon

Die Young Boys präsentieren ihren neuen Trainer Gerardo Seoane. Der 39-Jährige gibt sich selbstbewusst, vermeidet es aber, konkrete Ziele zu formulieren.

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Dominic Wuillemin

Als die erste Frage gestellt ist, sagt Gerardo Seoane: «Nennt mich Gerry.» Das sei einfacher.

Es ist der Montagmittag, kurz nach zwölf Uhr. Der erste grosse Auftritt von Gerry Seoane als YB-Trainer hat gerade begonnen. Seite an Seite ist er mit Christoph Spycher durch das Stade de Suisse ins Medienzentrum geschritten, Seite an Seite sitzen sie jetzt auf dem Podest. «Gerry», sagt Spycher gleich zu Beginn, «war unsere Wunschlösung.»

Auch für den YB-Sportchef ist es ein besonderer Tag: Seoane wird immer der erste Trainer sein, den er ernannt hat, und er wird an dieser Wahl gemessen werden. Er habe eine Lawine von Bewerbungen auf dem Tisch gehabt, von jungen und alten Trainer, In- und Ausländern, sagt Spycher. «Gerry war nicht von Anfang an unsere Nummer 1. Aber er ist es nach den ersten Gesprächen geworden.» Und: «Ich bin stolz, sitzt er jetzt hier neben mir.»

Wenig Erfahrung, na und?

Seoane, weisses Hemd, dunkelblaues Jackett mit YB-Wappen, lauscht den Ausführungen Spychers fast regungslos, die Hände hat er ineinandergefaltet. So als würde er beten. Der 39-Jährige wirkt angespannt, aber nicht ­verkrampft, selbstbewusst, aber nicht stillos. Er verzichtet darauf, auf die Vorgänge nach dem Bekanntwerden seines Wechsels näher einzugehen, die Vorwürfe, er sei geldgierig, den Vorfall, als Fans ein unschönes Transparent an seinem Wohnort aufgehängt haben. Vor Seoane liegt ein kleiner Zettel mit Notizen, den er während der nächsten Stunde nicht gebrauchen wird.

Die Botschaften, die er senden will, platziert er auch so. Ja, er sei auf dieser Stufe erst ein halbes Jahr Trainer, sagt Seoane. «Aber jeder hat mal jung angefangen.» Zudem sei er bei Luzern fast sieben Jahre im Nachwuchs tätig ­gewesen, habe sich akribisch vorbereitet und in dieser Zeit auch mehrere Angebote abgelehnt. «Kurzfristiges Denken kann man mir nicht vorwerfen.» Und sowieso, die Young Boys hätten ihn angefragt – nicht umgekehrt. Seoane lässt keine Zweifel aufkommen: Er fühlt sich bereit für die grosse Aufgabe beim Meister. Beistand von oben braucht er nicht.

Charakter fürs Team

In diesen Momenten ist erkennbar, warum Spycher Seoane eine Persönlichkeit mit natürlicher Autorität nennt. «Ich habe keinen gesucht, der mir aus der Hand frisst», sagt der Sportchef. «Wir werden kontroverse Diskussionen führen. Das ist auch gut so.»

Seoane und Spycher kennen sich seit 2004, als sie während einer Saison für GC spielten. Seoane sei schon damals ein starker Charakter gewesen, mit Gespür für das Team, sagt Spycher. Danach sei der Kontakt abgebrochen. «Wir müssen keine Freundschaft pflegen. Wichtig ist, dass wir als Einheit funktionieren.»

Vom Team spricht der Sportchef gestern Mittag mehrmals – das ist ihm besonders wichtig. Zu diesem zählt auch Assistent Harald Gämperle, der seit 2013 in Bern ist. Als weiterer Assistent wird Matteo Vanetta dazustossen, er nimmt die Position von Christian Peintinger ein, der Adi Hütter nach Frankfurt gefolgt ist. Auf den 39-jährigen Vanetta, einst Teamkollege Seoanes in Aarau, halten die Berner grosse Stücke.

Er kam im Winter zu YB, mit dem Auftrag, ein Defensivkonzept für den Nachwuchs zu entwerfen. Dass Vanetta ein Vertrauter Seoanes ist, schadet natürlich nicht. Spycher erwähnt, wie sich Chefscout Stéphane Chapuisat, Ausbildungsleiter Gérard Castella sowie Verwaltungsrat Ernst Graf nach den Gesprächen für Seoane ausgesprochen hätten. Castella und Graf sind bei der Medienkonferenz dabei, im Hintergrund verfolgen sie Seoanes Auftritt.

Dass der Trainer über wenig Erfahrung auf nationaler Ebene sowie keinerlei auf internationaler vorweisen kann, nimmt YB in Kauf. Spycher findet ganz team-like, man habe im Club genügend Fachleute, die diese Schwäche, wie er es formuliert, auffangen könnten. Der erstmalige Einzug in die Königsklasse ist zwar ein grosses Ziel. «Nur deswegen aber einen Trainer zu verpflichten, der solche Partien schon erlebt hat, wäre absurd gewesen», sagt Spycher. «Wir sind überzeugt, dass Seoane die beste Lösung für uns ist.» Die Vertragsdauer bis 2021 unterstreicht diese Denkweise.

Negativbeispiel Sion

Was genau die Zukunft bringen soll, wird gestern nicht ausgeführt. Seoane und Spycher verzichten darauf, eine klare Zielsetzung zu benennen. Lieber sprechen sie über weiche Absichten. «Ich will hier mit den Spielern etwas aufbauen», sagt Seoane. Dass er es bei YB mit prominenteren Akteuren zu tun bekommt als noch in Luzern, beunruhige ihn nicht. «Es gibt besondere Spieler, die brauchen besondere Behandlung. Als Trainer muss ich flexibel sein.» Derweil erwähnt Spycher den Fall des FC Sion, bei dem der Wechsel vom Offensivtrainer Peter Zeidler zum defensiv ausgerichteten Paolo Tramezzani letzten Herbst spektakulär scheiterte. «Wir wollten keinen ­Catenaccio-Trainer», sagt der Sportchef. «Wir wollten auch keinen Hütter-Klon. Aber einen, dem eine ähnliche Spielweise vorschwebt.»

Herausgekommen ist Gerardo Seoane, genannt Gerry. Für was er dereinst stehen wird, finden die Young Boys ab jetzt heraus.

Berner Zeitung

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