Mama gestorben, Club tot

In Englands höchster Liga werden Milliarden umgesetzt, in tieferen Ligen kämpfen Clubs ums Überleben – Bury FC hat endgültig verloren.

  • loading indicator
Florian Raz@razinger

Ihre Geschichten erzählen von ganz viel Wärme, von Identität, von Zugehörigkeit. Von einem sehr konkreten Ort, der ihnen ein Ankerpunkt war. Aber auch von eigentlich sehr flüchtigen Dingen, die sie trotzdem an ihre Wurzeln erinnert haben – ­vielleicht ein paar Resultate am Samstagnachmittag im Radio hier, eine Tabelle im Internet dort.

Das alles gibt es seit dem späten Dienstagabend nicht mehr: Kurz nach 23 Uhr Lokalzeit hat der Vorstand der ­English Football League den Bury FC nach 125 Jahren aus dem eng­lischen Profifussball verbannt. Nach Monaten der Irrungen und Wirrungen ist der Club aus der dritthöchsten Liga bankrott.

Fans putzten das Stadion, um das erste Heimspiel der Saison zu ermöglichen. Quelle: Twitter.

Noch am Dienstagmittag ­hatten Fans das Stadion an der Gigg Lane geputzt, um das erste Heimspiel der Saison zu ermöglichen. Sie erfuhren an jenem Ort vom Aus, an dem ihr Club seit seiner Gründung im Jahr 1885 spielte. Viele begannen, an Ort und Stelle zu weinen. Seither ­erzählen sie ihre Geschichten.

Da ist der Rentner, 78, der seit siebzig Jahren an die Spiele seines Clubs gegangen ist. Da ist der 18-Jährige, der mit Stolz und Trotz vorrechnet, seine Familie sei seit über 100 Jahren mit dem Club verbunden gewesen. Da ist die Frau, die wegen der Arbeit wegzog, aber vor den Heimspielen immer ihre Mutter besuchen gegangen ist: «Traurigerweise ist vor ein paar Monaten meine Mama gestorben. Und jetzt ist mein Club auch Vergangenheit. Ich fühle mich entwurzelt.»

Verkauft für ein Pfund

Der Bury FC mag keine Grösse sein im englischen Fussball. Er hat 1900 und 1903 den FA-Cup gewonnen, fertig. Wer in der Region hochklassigen Fussball schauen will, fährt ein Stückchen nach Süden und wählt zwischen City und United. Bury liegt bloss ein paar Kilometer von Manchester entfernt. Bury steht für ganz viele englische Vereine, die zwar in unteren Ligen spielen mögen, die aber trotzdem wichtig sind für das Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Gemeinden.

Es sind Clubs, die möglicherweise nur ein paar Kilometer entfernt sind von der alles überstrahlenden Premier League, die 2018 knapp fünf Milliarden Franken umgesetzt hat. Und die doch in einer ganz anderen Welt leben. In einer Welt, in der ein Verein wie Bury für ein Pfund die Hand wechseln kann.

Das war im Dezember 2018, als das Immobilien-Imperium des Vorbesitzers Stewart Day kollabierte. Der hatte Bury mehrheitlich über Darlehen finanziert. Im Gegenzug setzte er die Gigg Lane als Sicherheit ein. Darum liegen auf dem Stadion heute noch rund vier Millionen Schulden, die verhindern, dass eine Fan-Initiative den Club kaufen kann.

Dale nicht besser als Day

Auf Day folgte Unternehmer Steve Dale. Dem rechnete die «Sun» bei Amtsantritt vor, dass 47 von 51 Firmen in Konkurs gegangen seien, bei denen er die Hände im Spiel hatte. Seither ist der Bury FC dazugekommen.

Absurderweise stieg Bury letzte Saison noch von der vierten in die dritte Liga auf. Und das, obwohl die Spieler monatelang keine Löhne sahen. Im August hatte der Verein noch acht Profis unter Vertrag. Er war vom Trainingsgelände geworfen worden. Und er musste wegen seiner finanziellen Probleme mit zwölf Minuspunkten in eine Saison starten, die er nun nicht beenden wird.

Dale hätte Bury wohl gar nie besitzen dürfen. Nie konnte er beweisen, dass er über die ­finanziellen Mittel verfügt, um eine Saison Profifussball zu finanzieren. Warum er den Club trotzdem kaufen durfte? Sie habe bei der Handänderung nicht so genau hingeschaut, gab die Liga diese Woche zu. Schliesslich habe schon vor einem halben Jahr die Gefahr bestanden, dass der Bury FC in Konkurs geht, wenn sich kein Käufer findet.

Lieber ein zweifelhafter Inhaber als gar keiner.

Integritätstest für Besitzer?

Und damit ist Bury dann doch wieder in bester Gesellschaft, wie der «Guardian» bitterböse feststellt. Die linksliberale Zeitung schreibt: Sollten Politik und Liga nun einen Integritätstest für Clubbesitzer einführen, dann würde der wohl alle ausschliessen, die heute in England einen Club besitzen wollen: «Wer ist schon moralisch geeignet, einen Verein zu kaufen? Der Staat von Abu Dhabi? Ein Hedgefonds? Die Familie Glazer?»

Im Mutterland des Fussballs dreht sich schon länger ganz viel um Rendite und um den Selbstdarstellungstrieb der Clubbesitzer. Und eher wenig um die soziale Verantwortung gegenüber den Gemeinschaften, in denen die Clubs angesiedelt sind.

«Hierhin haben mich meine ­Eltern gebracht. Dann habe ich meine Kinder mitgenommen. Und heute bringen diese Kinder ihre Kinder», sagt am Mittwochmorgen ein Mann vor der Gigg Lane, «so einen Ort findest du sonst nirgends – ausser in deiner Familie.»

Ein paar Stunden später entgehen ein paar Kilometer westlich die Fans der 1874 gegründeten Bolton Wanderers demselben Schicksal. In letzter Sekunde wird ihr Club von einem Konsortium von Geschäftsleuten aus der Konkursmasse gekauft und darf weiter in der dritten Liga spielen. Vorerst.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt