Marcel Koller, wie fühlen Sie sich als österreichischer Nationalheld?

Als der Zürcher 2011 neuer Teamchef wurde, gabs einen Aufschrei der Empörung. Die Meinung der Experten hat sich drastisch geändert. Was der Gefeierte vor dem heutigen Highlight gegen Brasilien sagt.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Marcel Koller löst mit Österreich in der EM-Qualifikation eine gewaltige Euphorie aus. Nach dem 1:0-Sieg über die vom italienischen Startrainer Fabio Capello gecoachten Russen im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion führt Österreich in der Gruppe G der EM-Qualifikation die Tabelle nach vier Runden mit 10 Punkten an, gefolgt von Schweden (6), Russland (5), Montenegro (5), Liechtenstein (4) und Moldau (1).

Teamchef Marcel Koller, der vor der Verpflichtung von Vladimir Petkovic der absolute Wunschkandidat des SFV gewesen war, dem Verband dann aber eine Absage erteilte, wird in Österreich zurzeit wie ein Nationalheld gefeiert. Der «Kurier» schreibt: «Wieder ein Feiertag im Prater.» Die «Krone» und ­«Österreich» jubeln: «Auf nach Frankreich» und «Supersieg – Euro, wir kommen».

Koller strafte seine prominenten Kritiker Lügen

Auch seine ehemaligen Kritiker, wie die ehemaligen österreichischen Nationaltrainer Hans Krankl oder Herbert Prohaska, sind von der Arbeit des Schweizers mittlerweile restlos überzeugt. ORF-Experte Prohaska lobte die Leistungen der Österreicher nach dem Sieg über die Russen über den Klee und gratulierte Koller vor laufender Kamera per Handschlag. Krankl, als Kolumnist mit einer spitzen Feder unterwegs, schrieb für die Tageszeitung Österreich: «So stark habe ich unsere Nationalmannschaft schon lange nicht mehr gesehen, das war die beste Leistung seit Jahren.»

Krankl hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er lieber jemand anderen als Koller im Amt des österreichischen Teamchefs gesehen hätte. Er sei «immer für eine österreichische Lösung», sagte der ehemalige Nationalstürmer 2011 beim Amtsantritt des Schweizers und teilte damit die Meinung seines Kollegen Herbert Prohaska, der damals Folgendes von sich gegeben hatte: «Solche Trainer haben wir bei uns genügend.» Koller müsse sich an den Erfolgen der heimischen Trainer messen lassen. Mittlerweile hat er seine Kritiker längst Lügen gestraft.

Koller bleibt bescheiden wie immer

«Ich weiss nicht, ob ich tatsächlich gerade ein österreichischer Nationalheld bin. Es ist für mich einfach nur schön, dass wir mit dem Fussball unserer Mannschaft den Menschen viel Freude bereiten», sagt Marcel Koller gegenüber berneroberlaender.ch/Newsnetz. Der Zuspruch landauf, landab sei gewaltig, und das mache ihn auch ein bisschen stolz. «Nach dem Sieg gegen Russland lief ich mit den Spielern eine Ehrenrunde nach der anderen. Und das Stadion wollte sich einfach nicht leeren und war immer noch voll.» Die stehenden Ovationen seien unglaublich, Gänsehaut pur gewesen.

Marcel Koller hat schon viel in seiner Karriere erlebt. Er kennt die Hochs und Tiefs, hatte als Spieler einst einen offenen Schien- und Wadenbeinbruch erlitten und war als Trainer zwischendurch sogar auch arbeitslos. Deshalb bleibt der ehemalige Meistermacher von St. Gallen und GC auch als gefeierter Nationalheld Österreichs auf dem Teppich und bescheiden wie immer.

«Ein Hochkaräter vor der Brust»

«Ich freue mich einfach und geniesse den Moment, aber euphorisch bin ich deshalb sicher nicht. Ich weiss, wie schnell im Fussball alles gehen kann. Wir haben in der EM-Qualifikation erst vier Spiele bestritten und haben noch sechs Partien vor uns. Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber noch lange nicht qualifiziert für die Endrunde 2016 in Frankreich.» Und zum einstigen Skeptiker Prohaska sagt Koller. «Es ist doch auch für ihn als ORF-Experte viel schöner, wenn er von erfolgreichen Spielen der österreichischen Nationalmannschaft berichten und solche analysieren kann.»

Highlight gegen Brasilien

Heute Abend steigt für die Österreicher ein weiteres Highlight, wenn das Team von Marcel Koller den fünffachen Weltmeister Brasilien zu einem Testländerspiel in Wien empfängt. «Da haben wir einen richtigen Hochkaräter vor der Brust», sagt Koller. Die Brasilianer hätten zuletzt alle Spiele gewonnen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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