Mit dickerer Haut in die Zukunft

Für die Schweizer Nationalmannschaft beginnen mit dem Startspiel der Nations League gegen Island wegweisende Wochen. Keiner steht dabei mehr unter Beobachtung als Coach Vladimir Petkovic.

Die Lockerheit ist zurück – doch haben Vladimir Petkovic und seine Spieler auch sportlich ihre Lehren aus diesem Sommer gezogen? Foto: Toto Marti (Freshfocus)

Die Lockerheit ist zurück – doch haben Vladimir Petkovic und seine Spieler auch sportlich ihre Lehren aus diesem Sommer gezogen? Foto: Toto Marti (Freshfocus)

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Vladimir Petkovic, wie ist diese Woche gewesen? «Sehr an­genehm, sehr streng.»

Es ist der fünfte Tag des ersten Zusammenzugs der Nationalmannschaft nach der WM, der Aufarbeitung des Nachbebens und der Vorbereitung auf den Einstieg in die Nations League. Die Lockerheit ist zurück­gekehrt, und spürbar ist die Erleichterung, endlich wieder Fussball spielen zu können. Wie gross ist die Lust, noch Nationalcoach zu sein?, wird Petkovic diese Woche einmal gefragt. Er sagt zum einen: Als Trainer müsse er bereit sein, eine dickere Haut zu haben. Und zum anderen: Was er in den letzten zwei Monaten erlebt habe, in der Schweiz, bei seinen Reisen im Ausland, stärke seine Lust nur, alles noch besser zu machen.

Island ist der Gegner heute, keine Grösse im Weltfussball, aber wer glaubt, die Schweizer stünden vor einem Spaziergang, der kann sich leicht irren. Die Hu-Fussballer standen an der letzten EM im Viertelfinal und waren in der Qualifikation für die WM in Russland Gruppensieger - vor dem späteren Finalisten Kroatien.


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Ab heute geht es darum, dass die Schweizer nachweisen, auch sportlich ihre Lehren aus diesem Sommer gezogen zu haben. Keiner ist dabei mehr gefordert als Petkovic. Seit vier Jahren ist er im Amt. Zweimal führte er die Schweiz in den Achtelfinal, «das ist nicht selbstverständlich», betont unter anderem Goalie Yann Sommer. Und doch müssen sich Trainer und Team an ihrem Anspruch messen lassen, dass sie in Russland mit weniger als dem Viertelfinal nicht zufrieden sein wollten. Und sie müssen sich mit dem Vorwurf abfinden, im entscheidenden Moment, im Achtelfinal gegen Schweden, nicht bereit gewesen zu sein. Sie stellen sichnun selbst die Frage, warum das so war, warum sie nicht so spielten, wie sie es sich selbst zutrauen. Ihr Coach mag von «mentalen Energiemängeln» reden. An Ergebnis und ­Eindruck ändert das nichts: Die Mannschaft war in St. Petersburg von grundlegender Rat-, Ideen- und Emotions­losigkeit gezeichnet. Und wenn eine Mannschaft das Spiegelbild ihres Trainers ist, dann stellt der Achtelfinal Petkovic alles andere als ein gutes Zeugnis aus.

In den letzten Tagen versuchte Petkovic zu erklären, weshalb er direkt nach dem Ausscheiden in Russland nicht öffentlich auftrat und auch ein paar Tage später nach der Rückkehr in die Schweiz nicht. Er redete vom falschen Timing, vom «Doppelbürger-Interview», das dazwischengekommen sei. Er legte den Verdacht nahe, kein Grossmeister der Kommunikation zu sein. Am Dienstag dieser Woche befasste er sich in Feusisberg lange mit dem Thema, das zu den Verwerfungen geführt hatte. Er sagte, er verstehe die Problematik auf dem Balkan vielleicht besser als viele andere, und genau darum habe er nichts sagen wollen. Er berichtete von Konflikten zwischen Nationen, Kulturen und Religionen. Er sagte so viel, dass der Eindruck verstärkt wurde, er hätte sich besser viel früher dazu geäussert.

Das Team braucht einen Shaqiri, der einsieht, dass mit Allüren nichts gewonnen ist.

Petkovic will sich nun wieder öffnen, er sagt darum: «Diese Nationalmannschaft gehört der Schweiz.» Die nächsten Spiele, die nächsten Wochen werden zur Zeit der Bewährung, für keinen mehr als für ihn. Redet er nur? Oder folgen den Worten auch Taten? Verliert er dauerhaft das Sauertöpfische, das ihm intern in Russland anzumerken war und angelastet wurde?

Der Trainer erlebt nicht zum ersten Mal kritische Zeiten. Gleich zu seinem Einstieg vor vier Jahren gab es in der Qualifikation für die EM 2016 die Niederlagen gegen England und in Slowenien. Später folgten die Diskussion um den angeblichen «Balkangraben» und die monatelangen Un­ruhen in der Vorbereitung auf das Turnier in Frankreich. Jetzt muss er wieder beweisen, dass er dem Druck und der Erwartung gewachsen ist. Denn im Zentrum steht eine Frage: Folgen die Spieler ihm – gerade jene, die ihm gegenüber nach der WM skeptisch eingestellt waren und das intern auch kundtaten?

Die Mannschaft steht vor einem leisen Umbruch. Mit Valon Behrami ist der bisherige Chef der Spieler zurückgetreten, ein Chef, dem Petkovic reichlich viel Freiheiten gewährt hatte. Der Abschied des alten Kriegers, als der sich Behrami gerne sah, verändert die Hierarchie neben dem Platz. Granit Xhaka steigt um eine Stufe auf, nicht nur zum Wohlgefallen seiner Boulevardkritiker. Auf dem Platz lässt sich Behramis Fehlen verkraften. Mit Denis Zakaria steht ein natürlicher Nachfolger bereit, auch wenn er im Moment bei Borussia Mönchengladbach nur Reservist ist. Stephan Lichtsteiner ist noch da und weiterhin der Captain. An einem Kevin Mbabu ist es nun gleichwohl zu zeigen, dass er auch im Nationalteam die Dynamik entfalten kann wie in der Super League.

Nicht nur Strohfeuer

Xherdan Shaqiri wird die rechte Seite verlassen dürfen und einen neuen Platz bekommen. Er hat an der WM 2014 gegen Honduras und Argentinien nachgewiesen, welche Wirkung er im Zentrum ­entfalten kann. An ihm ist es, zu zeigen, dass das nicht nur Strohfeuer waren.

Shaqiri ist ohnehin ein spezieller Spieler, vom Talent und Auftreten her: Die einen, gerade die Kleinen, jubeln ihm zu. Die anderen stören sich an einer Selbstgefälligkeit, wie er sie am Dienstag beim Medienauftritt demonstrierte, als er als Mitglied des Mannschaftsrates aufreizend in seinem Stuhl hing. Für ihn ist zu hoffen, dass er Leute um sich herum hat, die ihm erklären, dass er so kein gutes Bild abgibt. Und das muss auch die Nationalmannschaft hoffen: Sie braucht einen Shaqiri, der einsieht, dass mit Allüren nichts gewonnen ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 23:43 Uhr

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