Neymar korrigiert sein Image

Seit Jahren gilt der Brasilianer als nächster Weltfussballer. Nach der WM bemüht er sich um einen besseren Ruf – und arbeitet an Rekorden.

Drei Tore steuert Neymar zur Gala bei: Beim 6:1-Sieg von Paris Saint-Germain gegen Roter Stern Belgrad zeigt er mehrmals sein Können. (Video: Teleclub)
Fabian Ruch

Wer ein paar Minuten Zeit hat, sollte sich das Video mit den Höhepunkten von Neymars Kunstwerk vor zwei Wochen gegen Roter Stern Belgrad anschauen. Paris Saint-Germain siegte in der Champions League 6:1, mittlerweile steht das Spiel jedoch unter Manipulationsverdacht. Der Brasilianer erzielte drei Treffer, darunter zwei herrliche Freistosstore, er lief locker-leicht an den Gegenspielern vorbei, bereitete ein Tor mit einem Pass vor, der auch nach der zehnten Wiederholung surreal erscheint – und tunnelte als Höhepunkt am gegnerischen Fünfmeterraum seinem Gegenspieler auf eine Weise, die an Eleganz und Klasse schwer zu überbieten ist.

Neymar-Nörgler, und davon gibt es viele, werden einwenden, er hätte nach diesem Trick abspielen müssen. Nörgler werden Neymar bis ans Ende seiner Fussballertage begleiten. Nach der Begegnung lief der Brasilianer mit dem Matchball in den Händen in die Kabine, strahlend und glücklich, er umarmte Trainer Thomas Tuchel, klatschte mit allen Ersatzspielern ab, winkte ins Publikum, posierte mit einem Buben für ein Foto und schrieb ihm ein Autogramm.

Das renommierte Magazin «France Football» beschrieb Ende September die angestrebte Wandlung von Neymar da Silva Santos Júnior, den alle unter dem Namen Neymar kennen. Der Mann hat ein ziemlich schwerwiegendes Imageproblem, was vor allem mit seinem Auftreten während der WM im Sommer zu tun hat. Zwischen dem 1. Juni und dem 18. Juli seien auf den sozialen Medien 25 Millionen Kommentare zu Neymar abgegeben worden, schrieb «France Football», zwei Drittel davon trotz riesengrosser Neymar-Fangemeinde negativ. Und sehr viele gar: asozial. Es gehört gerade zum guten Ton, Neymar für einen flegelhaften, arroganten, weinerlichen Schauspieler zu halten. Kinder imitieren auf Schulhausplätzen Neymars Schwalbitis.

Der tiefe Fall

Natürlich übertrieb Neymar an der WM die Theatralik, mit Flugeinlagen und formvollendeten Rollen über mehrere Meter, Reklamationen bei den Spielleitern und unvorteilhafter Körpersprache. Es spielte für die meisten Beobachter keine Rolle, dass der Offensivspieler ein starkes Turnier absolvierte – keiner bereitete im Schnitt pro Partie mehr Chancen vor, schoss öfter aufs Tor, dribbelte erfolgreicher. «Es ist absurd, Neymar für seine Leistungen an der WM zu kritisieren», sagte Eden Hazard vor wenigen Tagen zu einem belgischen TV-Sender. «Er hat unter grossem Druck und nach einer schweren Verletzung richtig gut gespielt.»

Vielleicht ist es kein Zufall, sprang Neymar mit Hazard einer zur Seite, der weiss, was es bedeutet, leichtfüssig und zuweilen genial durch die Abwehrreihen zu tänzeln. Neymar kriegt in jeder Partie auf die Knochen wie fast kein anderer Fussballer, daran ist er mit seiner aufreizenden, teilweise provozierenden Spielweise nicht unschuldig. Anderseits: Das Publikum lechzt nach Unterhaltung, Klasse und Kunst, und kaum einer vereint diese Dinge wie Neymar.

Nach Hause aber ging er als grosser WM-Verlierer, nachdem die Brasilianer den vielleicht besten Fussball gezeigt hatten und im Viertelfinal gegen Belgien (1:2) unter der Regie Neymars trotz 29:7 Schüssen ausgeschieden waren. «Das ist der schlimmste Moment in meiner Karriere», teilte der gefallene Held über Instagram seinen mehr als 100 Millionen Followern mit.

Seine Nationalteam-Karriere ist unvollendet

Dabei hatte Neymar vor der WM den Wettlauf gegen die Zeit überraschend gewonnen, nachdem er Ende Februar einen Riss im Mittelfuss­knochen erlitten hatte. «Er konnte gar nicht in Bestform sein», sagt Nationaltrainer Tite, «aber er hat sich für sein Land aufgerieben.»

Bereits vier Jahre zuvor, an der Weltmeisterschaft im eigenen Land, hatte der damals erst 22-jährige Neymar die enorme Last des fünffachen Weltmeisters gespürt und das Riesenfussballland auf seinen schmalen Schultern durchs Turnier geführt. Bis zum wüsten Foul des Kolumbianers Juan Zuniga kurz vor Ende des Viertelfinals. Neymar fehlte im Halbfinal bei der 1:7-Schmach gegen Deutschland. Und obwohl er zwei Jahre später im Maracana von Rio den Olympiatitel gewann, ist er bezüglich seiner Karriere im Nationalteam derzeit vor allem eines: unvollendet.

Neymars Sohn ist Mbappé-Fan

In dieser Saison ist Neymar vorerst darauf bedacht, seinen ramponierten Ruf aufzupolieren. Er hat sich Imageberater zugelegt, steht auch nach harten Fouls sofort wieder auf, herzt Mitspieler und tröstet sie gar, wenn es die Situation erfordert – und er fällt bisher nicht mit egoistischen Gesten und Aktionen auf wie noch in den letzten Jahren allzu oft. «Ich habe mich nicht immer richtig verhalten in der Vergangenheit», sagte Neymar in einem seiner seltenen Interviews im August dem brasilianischen TV-Sender Globo, «und ich weiss, dass ich an mir arbeiten muss.»

An seiner Sonderklasse gibt es ohnehin kaum Zweifel. Dribbeln und tricksen, schiessen und zaubern wie er können nur wenige, vielleicht nur Lionel Messi. Im Schatten des argentinischen Ausnahmekönners stand Neymar in Barcelona, auch deshalb wechselte er im Sommer 2017 zu Paris Saint-Germain in die Ligue 1, die wiederum nicht die Ausstrahlung der Primera Division und der Premier League besitzt.

Paris gewinnt in der Liga jedes Spiel, zuletzt 5:0 in Lyon, bei jener Mannschaft, die im September 3:1 bei Manchester City gesiegt hatte. Neymar brillierte, er servierte dem 19-jährigen Kylian Mbappé Bälle für fünf, sechs Tore, der Weltmeister traf viermal in 13 Minuten. Und bereits gibt es Gerüchte, Neymar sei neidisch auf seinen jüngeren Partner. Der Franzose ist der nächste Prinz des Weltfussballs, Neymar sagt, auch sein siebenjähriger Sohn Davi Lucca da Silva Santos sei ein riesengrosser Fan Mbappés.

Trifft und skort und trifft...

Vielleicht wird Neymar irgendwann bei Real Madrid spielen, der teuerste Fussballer der Welt würde seinen eigenen Ablösesummenrekord von 222 Millionen Euro locker brechen. Und er kann mit PSG noch so viele Titel gewinnen in Frankreich, abgerechnet wird in der Champions League. Nur dort kann er sich den Status von Cristiano Ronaldo und Messi erarbeiten.

Ob der Brasilianer einmal sogar zu den Allergrössten dieses Sports gehört, wird sich über die Titelgewinne im Nationaltrikot definieren. Im nächsten Sommer steht die Copa America in der Heimat auf der Agenda, viel wichtiger aber werden die weiteren WM-Teilnahmen sein. Daran ändert nichts, dass Neymar im Land des Rekordweltmeisters auf spektakulärer Rekordjagd ist. Noch nie gab es einen Brasilianer, der mit 26 Jahren schon 93 Länderspiele absolviert und 59 Tore erzielt hat.

Er wird vermutlich irgendwann Cafu als Rekordnationalspieler (142 Länderspiele) ablösen sowie Pelé als besten Torschützen (77 Treffer). Sein Vorbild Ronaldo (62) auf Rang 2 hat er bald eingeholt. 98 Skorerpunkte totalisiert Neymar vor dem heutigen Test gegen Argentinien, das reiht sich ein in die fulminanten Statistiken aus der Primera Division (106 Punkte in 123 Partien) sowie Ligue 1 (43 Punkte in 28 Spielen!).

In dieser Saison hat er in acht Partien achtmal getroffen in Frankreichs Eliteliga. Und in der Champions League sind es in 49 Begegnungen mittlerweile auch schon 52 Punkte, darunter 30 Tore: Neymar hat Kaka als erfolgreichsten Brasilianer in der Königsklasse überholt.

Pelé und Ronaldo, Cafu und Kaka aber sind Weltmeister geworden, Neymar ist es noch nicht. Kaka war zudem der letzte Weltfussballer vor den fünffachen Gewinnern Cristiano Ronaldo und Messi. Viele dachten, Neymar sei der nächste.

2022 der nächste WM-Anlauf

Vor bald 10 Jahren wurde Neymar mit knapp 17 als neuer Pelé gepriesen. Nun bleiben ihm nicht mehr viele Weltmeisterschaften. Aber vielleicht hat er tatsächlich realisiert, dass er sich in den letzten Jahren oft selber schadete. «Wir greifen 2022 an der WM wieder an, es stossen mehrere grossartige Spieler nach», sagte Neymar, seit der WM Captain Brasiliens, vor ein paar Wochen zu Globo. «Wir werden auf jeden Fall bereit sein. Ob wir belohnt werden, liegt einzig in der Hand Gottes.» Beten hilft dem strenggläubigen Neymar möglicherweise – damit er in vier Jahren verletzungsfrei bleibt.

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